Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

01.05.2019

12:38

Börsenweisheit

Warum die „Sell in May“-Strategie mit Vorsicht zu genießen ist

Von: Andrea Cünnen

Im Mai verkaufen, im September wieder einsteigen – so ein häufiger Ratschlag für Anleger. Ein genauer Blick zeigt: Das kann schnell ins Auge gehen.

In den vergangenen 30 Jahren ist der Dax zwischen Ende April und Ende August 13-mal gestiegen und nur 17-mal gefallen. dpa

Frankfurter Börse

In den vergangenen 30 Jahren ist der Dax zwischen Ende April und Ende August 13-mal gestiegen und nur 17-mal gefallen.

Frankfurt Es gibt sie schon lange, sie reimen sich, sie sind einfach und bekannt. Doch ist etwas dran? Die Rede ist von Börsenweisheiten, die als Bauernregeln des Kapitalmarkts gelten. Eine der stets Ende April zitierten Börsenweisheiten lautet „Sell in May and go away“.

Wissenschaftler führen ihre Verbreitung auf das Jahr 1935 zurück, als die Formulierung erstmals in den Medien auftauchte. Später folgte der Zusatz: „but remember to come back in September“. Demnach tun Anleger gut daran, Anfang Mai Aktien zu verkaufen und erst im September wieder einzusteigen.

Dahinter steckt die Vorstellung, dass sich viele Investoren schon im Mai mit seinen vielen Feiertagen in die Sommerfrische verabschieden und erst im Herbst wieder verstärkt handeln. Die Folge: Bei geringeren Börsenumsätzen steigen die Schwankungen an den Märkten, und das kann leicht zum Nachteil der Anleger ausgehen. „Prinzipiell drohen in den Sommermonaten häufig Gewinnmitnahmen, aber wörtlich sollte man ‚Sell in May‘ nicht nehmen“, warnt Uwe Streich, Aktienstratege bei der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW).

In der Tat zeigt sich bei genauerem Hinsehen, dass die Regel alles andere als verlässlich ist. So hat die Fondsgesellschaft Fidelity International für den Deutschen Leitindex Dax ausgerechnet, dass er in den vergangenen 30 Jahren 13-mal zwischen Ende April und Ende August gestiegen – und nur 17-mal gefallen ist.

Langfristig fuhren Anleger, die der Regel folgten, zwar gut: Unter dem Strich erzielten laut Fidelity Anleger, die vor 30 Jahren 10.000 Euro in den Dax investierten und dabei stets im Mai aus- und im September wieder einstiegen, mit gut 119.000 Euro knapp ein Drittel mehr als Anleger, die permanent investiert blieben.

Grafik

Dennoch sieht Andreas Telschow, Anlageexperte bei Fidelity International, die Regel nicht als „Basis für eine langfristige Anlagestrategie“. Dafür treffe sie in den einzelnen Jahren zu selten zu. Wenn man sich die einzelnen Monate ansieht, ist der Mai – auch dank der Dividendenausschüttungen gerade für den Dax – ohnehin nicht der schlechteste Monat.

Deutlich größere Einbrüche gab es seit 1988 durchschnittlich im August und im September (siehe Grafik). Im vergangenen Jahr war das besonders deutlich. Wer im September 2018 an der Börse über ein Dax-Investment einstieg, verlor bis Ende Dezember fast 15 Prozent. Seither hat er diesen Verlust zwar mehr als aufgeholt – aber besser wäre es gewesen, erst zu Jahresbeginn wieder Aktien zu kaufen.

Für die vielen Ausnahmen von der Regel gibt es gute Gründe. Robert Halver, Leiter der Anlagestrategie bei der Baader Bank, bringt es so auf den Punkt: Die erweiterte Sell-in-May-Weisheit sei „eine Bauernregel, die so nicht mehr funktioniert, weil auch Börsianer dem Klimawandel unterworfen sind“.

Treiber dieses „Klimawandels“ sind für Halver vor allem die gestiegenen Einflüsse der Politik und der Notenbanken auf die Börse, aber auch die Globalisierung und der schneller gewordene Wertpapierhandel. Unabhängig vom Börsenmonat Mai fragen sich aber viele Anleger, ob es nach der fulminanten Rally an den Börsen in diesem Jahr jetzt nicht doch Zeit ist, sich von Aktien zu trennen.

Anlagestrategie: Aktienquote, Streuung, Dividendentitel – So überprüfen Anleger ihre Depotstrategie

Anlagestrategie

Aktienquote, Streuung, Dividendentitel – So überprüfen Anleger ihre Depotstrategie

Immer wieder sollten Anleger checken, ob die Struktur ihres Portfolios noch zeitgemäß ist. Einige Faustregeln helfen, das Depot richtig zu justieren.

„Die Kurse haben viele positive Entwicklungen vorweggenommen, und Gewinne zu sichern ist womöglich nicht der schlechteste Rat“, meint Telschow von Fidelity International. Auch für Streich von der LBBW gibt es Anzeichen dafür, dass der Markt schon zu weit gelaufen ist: „Die Konjunkturperspektiven haben sich verschlechtert, und die Gewinne vieler Unternehmen sinken weltweit.“

Auf der anderen Seite könnten die Börsen weiter steigen, wenn zum Beispiel der Handelsstreit zwischen den USA und China tatsächlich beigelegt oder der Brexit nochmals verschoben wird. Auch positive Impulse von den Notenbanken sind nicht auszuschließen. So spekulieren einige Investoren darauf, dass die US-Notenbank die Leitzinsen noch in diesem Jahr senken wird. Mit dem Kalender hat dies indes wenig zu tun.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×