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26.09.2022

15:50

EPI

Alternative zu Mastercard, Visa und Paypal: Deutsche Bank und Sparkassen treiben neues Zahlungssystem voran

Von: Elisabeth Atzler, Andreas Kröner, Sandra Louven, Yasmin Osman

Europas Bankkunden sollen bald digital bezahlen können, ohne auf die großen US-Dienste angewiesen zu sein. Einige große Finanz-Institutionen zögern allerdings noch.

Zahlungssystem EPI: Commerzbank und DZ Bank springen ab E+/Getty Images

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Die europäische Banken ringen seit 2020 um den Aufbau eines eigene Bezahlsystems.

Frankfurt, Madrid Die Deutsche Bank und die Sparkassen wollen trotz Rückschlägen für den Aufbau eines neuen europäischen Zahlungssystems (EPI) kämpfen. „Wir wollen mit dem Aufbau eines eigenständigen Systems die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Banken im Zahlungsverkehr stärken“, sagte Deutsche-Bank-Vize-Chef Karl von Rohr dem Handelsblatt.

„Deshalb stehen wir weiter zu dem Projekt und sind bereit, EPI 2.0 zusammen mit den verbliebenen Partnern voranzutreiben“, sagte von Rohr. „Ob es dazu am Ende kommt, liegt aber natürlich nicht nur an uns.“

Aus Sicht von Joachim Schmalzl, Vorstand beim Deutschen Sparkassen- und Giroverband (DSGV), ist EPI „eine große Chance, den Zahlungsverkehr in Europa entscheidend weiterzuentwickeln und Europas Souveränität sowie seine internationale Wettbewerbsfähigkeit zu stärken“. Deshalb werbe man „für eine möglichst breite Unterstützung“.

EPI: Europäische Alternative zu Mastercard, Visa und Paypal

Das Prestigeprojekt wurde 2020 von zahlreichen europäischen Großbanken ins Leben gerufen. Ziel ist die Schaffung eines eigenen Zahlungssystems, um unabhängiger von mächtigen US-Konzernen wie Mastercard, Visa und Paypal zu werden. Die Regierungen und Zentralbanken in Deutschland und anderen europäischen Mitgliedstaaten unterstützen das Projekt, weil es aus ihrer Sicht wichtig für eine Stärkung des europäischen EU-Finanzmarkts wäre.

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    Die European Payments Initiative (EPI) werde umso erfolgreicher und schlagkräftiger, je mehr Teilnehmer sich hinter dem Vorhaben versammelten, betonte Schmalzl. Er ist neben seiner Rolle beim DSGV Aufsichtsratschef der sogenannten EPI-Company, die den Aufbau des neuen Zahlungssystems vorbereitet.

    Im Februar zog sich die Mehrheit der ursprünglich beteiligten Banken, darunter etliche kleine spanische Geldhäuser, jedoch von dem Projekt zurück – unter anderem, weil sie die veranschlagte Investition von 1,5 Milliarden Euro nicht stemmen wollten. Die deutschen Genossenschaftsbanken stiegen zu diesem Zeitpunkt aus, weil sie mit der ursprünglichen Ausrichtung von EPI nicht einverstanden waren.

    Ursprünglich wollte EPI ein neues Bezahlsystem mit einer gesonderten Bezahlkarte etablieren. Diese sollte die unterschiedlichen Karten in den jeweiligen Ländern ablösen. In Deutschland wäre es dabei um die Girocard gegangen, besser bekannt unter ihrem alten Namen „EC-Karte“.

    Seither arbeiten die verbliebenen elf Banken und zwei Zahlungsdienstleister an Plänen für eine abgespeckte Version von EPI. Dabei sollen die existierenden Karten in der EPI-Wallet hinterlegt werden können.

    Teilnahme von Commerzbank und DZ-Bank an EPI offen

    Der Kern der abgespeckten Version ist eine sogenannte Wallet. Am Smartphone wäre das eine spezielle App, über die Verbraucher verschiedene Bezahlangebote nutzen können. Dazu zählten Handy-zu-Handy-Zahlungen, Bezahlen beim Onlineshopping und an der Ladenkasse.

    „Wir werden im Laufe des Jahres noch mal neu entscheiden, ob wir dabei sind oder nicht.“ DZ-Bank-Co-Chef Uwe Fröhlich

    Eine Teilnahme an dieser überarbeiteten EPI-Version können sich die Genossenschaftsbanken nun jedoch wieder vorstellen. „Wir werden im Laufe des Jahres noch mal neu entscheiden, ob wir dabei sind oder nicht“, sagte DZ-Bank-Co-Chef Uwe Fröhlich Ende August.

    Hinter den Kulissen wird intensiv um die Genossenschaftsbanken geworben, denn sie spielen für den Fortgang des Projekts aus Sicht der Beteiligten eine wichtige Rolle. Wenn die Genossen dabei sind, könnte Finanzkreisen zufolge auch die Commerzbank noch mal umdenken, weil diese sonst als einziges bedeutendes Institut in Deutschland außen vor wäre.

    Eine Commerzbank-Sprecherin sagte, es gebe zu dem Thema keinen neuen Stand. Das Institut begleite EPI weiterhin offen. „Wenn eine neue Entscheidungsgrundlage vorliegt, werden wir uns das Thema konstruktiv anschauen.“

    EPI erhält prestigeträchtigen EZB-Auftrag

    Nach den jüngsten internen Gesprächsrunden wächst bei einigen Beteiligten wieder die Zuversicht, dass das Projekt nach einer jahrelangen Hängepartie am Ende doch noch umgesetzt wird. „Ich glaube, es ist auf einem guten Weg“, sagte ein Insider. „Die Chancen, dass es kommt, sind größer als 50 Prozent.“

    Finanzkreisen zufolge gibt es mit mehreren europäischen Banken, die ihre Teilnahme Anfang des Jahres abgesagt hatten, inzwischen wieder Gespräche – unter anderem in den Niederlanden. Eine Entscheidung, ob ein eigenes Zahlungssystem aufgebaut wird, erwarten Insider im November. Da bei dem Projekt bereits zahlreiche Fristen gerissen wurden, will sich jedoch niemand mehr auf ein konkretes Datum festlegen.

    Neben der Deutschen Bank und den Sparkassen sind an dem Projekt aktuell noch Crédit Mutuel, BNP Paribas, Crédit Agricole, Groupe BPCE, La Banque Postale und Société Générale aus Frankreich, ING und KBC Bank aus Belgien sowie Santander aus Spanien beteiligt. Hinzu kommen die beiden Zahlungsdienstleister Nexi aus Italien und Worldline aus Frankreich.

    „Wir sind an dem Projekt beteiligt und hoffen, dass es vorangeht“, sagt Worldline-Chef Gilles Grapinet. „Es ist nach wie vor sinnvoll für Europa, ein eigenes europäisches Zahlungssystem aufzubauen.“ EPI könne beispielsweise das Regelwerk für Echtzeitzahlungen setzen. Dabei werden Überweisungen binnen Sekunden auf dem Konto des Empfängers gutgeschrieben.

    „Es ist nach wie vor sinnvoll für Europa, ein eigenes europäisches Zahlungssystem aufzubauen.“ Worldline-Chef Gilles Grapinet

    Positiv bewerten EPI-Unterstützer, dass die Europäische Zentralbank (EZB) das Projekt vergangene Woche ausgewählt hat, um einen Prototyp für die Nutzung von digitalen Euro bei der Bezahlung an der Ladenkasse zu entwickeln. Aus Sicht von Beteiligten zeigt dies, dass sich das Euro-System bei der möglichen Einführung eines digitalen Euros eine Kooperation mit EPI vorstellen kann.

    Unicredit-Chef: Hürden für EPI sind „sehr hoch“

    Im Bankensektor gibt es allerdings nicht nur EPI-Fans, sondern auch zahlreiche Skeptiker. Einer davon ist Andrea Orcel. Der Chef der italienischen Großbank Unicredit fände ein eigenständiges europäisches Zahlungssystem in der Theorie zwar großartig. „Die Hürden, ein konkurrenzfähiges Zahlungssystem in Europa aufzubauen, sind allerdings sehr hoch“, sagte er dem Handelsblatt.

    Die Marktführer im Zahlungsverkehr aus den USA und China investierten seit Jahren große Summen in ihre Plattformen. „Für die europäischen Banken wäre es riskant und sehr teuer, eine Alternative aufzubauen und den großen technologischen Rückstand aufzuholen“, warnt Orcel. Ohne staatliche Unterstützung sei es schwierig, ein konkurrenzfähiges europäisches Angebot aufzubauen. Die Bundesregierung hat im Februar betont, sie werde kein Fördergeld für das Projekt zur Verfügung stellen.

    „Darüber hinaus müsste aus EPI ein wirklich europäisches Projekt werden, ohne dass einzelne Länder zu sehr auf ihre eigenen Interessen schauen“, fordert Orcel. „Aktuell wird es vor allem von Banken aus Frankreich, Deutschland und Belgien getragen – und alle verfolgen dabei ihre eigene Agenda.“

    Der Unicredit-Chef hat sich Finanzkreisen zufolge rund um den Jahreswechsel mit Commerzbank-Chef Manfred Knof ausgetauscht.

    Andrea Orcel

    Der Unicredit-Chef hat sich Finanzkreisen zufolge rund um den Jahreswechsel mit Commerzbank-Chef Manfred Knof ausgetauscht.

    Unicredit will bei EPI aktuell nicht mitmachen. Für alle Zeiten ausschließen will Orcel eine Teilnahme jedoch nicht. „Wenn EPI sich zu einem wirklich europäischen Projekt entwickelt, an dem sich alle Banken beteiligen und das Aussicht auf Erfolg hat, würden wir unsere Entscheidung definitiv noch einmal überdenken.“

    EPI: Zurückhaltung bei vielen Banken immer noch groß

    Bei vielen spanischen Banken ist die Zurückhaltung aktuell ebenfalls groß. EPI erfordere den Aufbau von Infrastrukturen und Diensten, die mit hohen Investitionen verbunden seien, von denen einige auf dem spanischen Markt aber keinen großen Mehrwert brächten, erklärte die Großbank BBVA.

    In Spanien ist die Bezahlapp Bizum sehr populär, in deren Aufbau die dortigen Banken viel Geld investiert haben. BBVA will deshalb lediglich mit EPI kooperieren und setzt sich unter anderem dafür ein, dass Zahlungen zwischen EPI und Bizum möglich sein sollen.

    Erstpublikation: 23.09.22, 11:50 Uhr.

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