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08.09.2019

23:17

Einhörner

Investoren skeptisch: WeWork taumelt dem Börsengang entgegen

Von: Astrid Dörner, Axel Postinett

Der Börsengang von WeWork kann wohl nur mit großen Abstrichen gelingen – wenn überhaupt. Nach den Flops von Uber und Lyft sind Investoren vorsichtig.

Die Amerikaner expandieren in den Metropolen der Welt rasant. Bloomberg

WeWork

Die Amerikaner expandieren in den Metropolen der Welt rasant.

New York, San Francisco Der Börsengang sollte der krönende Abschluss seiner Erfolgsgeschichte werden. In nur acht Jahren hat Adam Neumann den Büro-Vermieter WeWork zu einem milliardenschweren Unternehmen geformt. In Manhattan und London ist WeWork der größte Mieter von Büroflächen.

Mit einer Bewertung von 47 Milliarden Dollar ist es derzeit das am höchsten bewertete Start-up der USA. An der Börse hätte es schon bald 65 Milliarden Dollar wert sein sollen, glaubten Investmentbanker noch vor ein paar Monaten.

Doch der Plan ging nicht auf. Seitdem WeWork, das sich kürzlich in „The We Company“ umbenannte, Mitte August den Börsenprospekt veröffentlicht hat, schlägt dem Unternehmen ungewöhnlich deutliche Kritik von Analysten und Investoren entgegen.

Die Nachfrage nach Aktien zu der vorgesehenen Bewertung ist so mau, dass We nun vor einer schwierigen Entscheidung steht: Das Unternehmen könnte wie geplant am Montag mit der Roadshow starten, um potenzielle Investoren zum Kauf von Aktien zu überzeugen. Allerdings müsste Neumann sich mit einer deutlich geringeren Bewertung zufriedengeben.

Der Unternehmenswert von WeWork könne sogar auf unter 20 Milliarden Dollar fallen, wie das „Wall Street Journal“ am Sonntagabend berichtete – ein Abschlag von mehr als 50 Prozent. Alternativ könnte Neumann den Börsengang vorerst absagen, muss sich dann jedoch um neue Finanzspritzen kümmern. Bei Redaktionsschluss stand die endgültige Entscheidung noch aus. In den kommenden Tagen sollen Gespräche mit potenziellen Investoren stattfinden, um festzustellen, ob es genügend Nachfrage für einen Börsengang geben wird.

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Die Entwicklungen bei WeWork zeigen, wie sehr sich das Klima für hochbewertete Start-ups an der Wall Street eingetrübt hat. Die Fahrdienstanbieter Lyft und Uber, die im März und im Mai an die Börse gingen, erreichten am Freitag neue Tiefstände. Gleiches gilt für die Büro-Nachrichten-App Slack, die seit Ende Juni an der Börse ist, doch vergangene Woche enttäuschende Zahlen vorlegte.

Dabei sollten die sogenannten Einhörner – Start-ups, die mit mehr als einer Milliarde Dollar bewertet sind – eigentlich die Börsenstars des Jahres werden. Doch die Gründer, ihre Geldgeber und auch die Investmentbanken haben die Skepsis der Anleger an der Wall Street unterschätzt. Start-ups wie Uber, Lyft, WeWork und Co. waren so lange in privaten Händen wie keine andere Generation von Tech-Unternehmen.

Sie profitierten von einem Überfluss an Risikokapital, das die Bewertungen in immer neue Höhen trieb. Für Risikokapitalgeber zählt vor allem ein schnelles Umsatzwachstum. Jene, die früh einsteigen, profitieren, wenn die Bewertungen drastisch steigen.

„Blitzscaling“ und „Hyperwachstum“ heißen die Strategien: Die Einhörner wollen möglichst schnell in möglichst vielen Märkten präsent sein, koste es, was es wolle. Ob ein Start-up langfristig profitabel sein kann, ist zweitrangig.

Für die Anleger und Analysten der Wall Street ist diese Frage jedoch essenziell. „Hier treffen zwei verschiedene Kulturen aufeinander“, sagt Dan Morgan, Portfoliomanager vom Vermögensverwalter Synovus. „Selbst wenn ein Unternehmen zur Zeit des Börsengangs Verluste macht, ist es für Anleger wichtig, einen Weg zur Profitabilität zu erkennen.“ Der fehlt jedoch.

Uber etwa hatte im zweiten Quartal einen Verlust von fünf Milliarden Dollar gemeldet, den größten in der Geschichte des 2009 gegründeten Unternehmens.

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Eine Studie von Goldman Sachs zeigt, dass es Börsenneulinge seit 2010 grundsätzlich eher schwer haben. In den ersten drei Jahren schneiden sie im Median um 28 Prozent schlechter ab als der Russell-3000-Index, der die 3000 wertvollsten amerikanischen Unternehmen listet. Nur wenige würden besser abschneiden als der Markt, gibt Goldman-Analyst David Kostin zu bedenken.

An die erinnern sich Aktionäre am liebsten. Jeder will das nächste Amazon erwischen, nicht das neue Groupon oder Blue Apron.

Für die aktuelle Generation der Einhörner zeigt Analyst Kostin folgende Entscheidungshilfen auf: Unternehmen mit einem Umsatzwachstum von über 20 Prozent pro Jahr schneiden etwas besser ab. Ein ausgewiesener Gewinn spielt im ersten Jahr nach Börsengang keine Rolle.

Im zweiten und dritten war ein Gewinn hingegen bei allen Börsengängen seit 2000 ein entscheidender Faktor, um den Index zu schlagen. Uber, Lyft, Slack und WeWork haben jedoch bereits gewarnt, dass das bei ihnen nicht der Fall sein könnte.

Börsengänge auf der Kippe

Bei WeWork bleiben viele Fragen offen. Rett Wallace, Chef der Analysefirma Triton, beschuldigt das Start-up sogar, es würde in seinem 380 Seiten langen Börsenprospekt bewusst Informationen über das Geschäft verschweigen. „Es ist ein Meisterstück der Verschleierung“, sagte er.

Scott Galloway, Professor an der New York University, hält auch eine Bewertung von 20 Milliarden Dollar für zu hoch und verweist auf den europäischen WeWork-Konkurrenten IWG, der an der Londoner Börse gelistet ist und einen Marktwert von umgerechnet 4,5 Milliarden Dollar hat. „Ich gehe nicht davon aus, dass der Börsengang wie geplant stattfinden wird“, sagt Galloway.

Das würde Neumann vor neue Finanzierungsprobleme stellen. WeWork hat mit seinen Banken Kreditlinien von insgesamt sechs Milliarden Dollar vereinbart, allerdings nur, wenn das Unternehmen beim Börsengang mindestens drei Milliarden Dollar einsammelt.

Neumann sei vergangene Woche nach Japan geflogen, um mit Softbank-Chef Masayoshi Son, einem seiner größten Investoren, über die nächsten Schritte zu sprechen, berichtete das „Wall Street Journal“ am Donnerstag. Der 40-Jährige, der bereits 700 Millionen Dollar durch das Verkaufen und Beleihen seiner Anteile bekommen hat, habe mit Son auch über eine weitere Finanzspritze diskutiert, falls der Börsengang abgesagt werden sollte, hieß es.

Son ist in einer besonders schwierigen Lage. Softbank hat Ende 2018 drei Milliarden Dollar in WeWork investiert und die Bewertung damals von 20 auf 42 Milliarden Dollar mehr als verdoppelt. Durch ein weiteres Investment von zwei Milliarden Dollar im Januar stieg die Bewertung auf 47 Milliarden. Sollte WeWork nun heftige Abstriche beim Börsengang machen, muss Softbank – auf dem Papier – mit Verlusten rechnen.

Zudem würden die Anteile der Investoren verwässert, wenn WeWork deutlich mehr Aktien ausgeben muss, um wie geplant drei Milliarden Dollar einzusammeln. Sollte der Handelsstart verschoben werden, könnte Son zumindest auf gute Konditionen für eine weitere Finanzspritze pochen.

„Wenn Investoren Geld nachschießen, dann passiert das klassischerweise zu Konditionen, die einen Teil der Verluste kompensieren“, sagt ein Risikokapitalgeber aus dem Silicon Valley. Softbank hat zudem eine Verwässerungsklausel vereinbart, wie aus dem Börsenprospekt hervorgeht. Demnach bekommt der Konzern zusätzlich neun Prozent der Anteile, um einer Verwässerung entgegenzuwirken.

Die schlechte Stimmung könnte andere Start-ups vom Börsengang abhalten. So könnte Palantir seinen für 2020 geplanten Börsengang um zwei bis drei Jahre nach hinten verschieben, berichtet die Nachrichtenagentur Bloomberg. Das Start-up, das Cloud-Software zur Datenanalyse vor allem für die US-Regierung und Behörden entwickelt, galt als heißer Börsenkandidat.

Doch nun sei das von Star-Investor Peter Thiel gegründete Unternehmen mit einer geschätzten Bewertung von 20 Milliarden Dollar erneut auf der Suche nach privaten Geldgebern. Auf absehbare Zeit wird auch Palantir offenbar nicht profitabel und will durch neue Finanzierungsrunden verhindern, zum nächsten Börsenflop zu werden.

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