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24.04.2017

19:14 Uhr

EZB-Studie

Warum die Bürger die Inflation überschätzen

Wasser auf die Mühlen der Europäischen Zentralbank: Eine Studie zeigt, dass Verbraucher die Inflation meist überschätzen. Das Ausmaß des Irrtums variiert demnach, beeinflusst Politiker und Notenbanker aber erheblich.

Die EZB hat in einer Studie herausgefunden, dass das Preiswachstum von Verbrauchern zumeist überschätzt wird. dpa

Europäische Zentralbank

Die EZB hat in einer Studie herausgefunden, dass das Preiswachstum von Verbrauchern zumeist überschätzt wird.

FrankfurtFragt man jemanden, der alt genug ist, die Euro-Einführung miterlebt zu haben, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die Antwort lautet: Die Preise haben sich als Konsequenz verdoppelt. Das entspricht noch nicht einmal annähernd der Wirklichkeit – die Inflation betrug 2,2 Prozent im Jahr 2002 und bewegt sich seither um dieses Niveau. Aber das wird den Gesprächspartner vermutlich nicht umstimmen.

Eine Studie der Europäischen Zentralbank, basierend auf Daten der Europäischen Kommission, zeigt, dass Verbraucher als Ganzes das Preiswachstum praktisch immer überschätzen. Jedoch geht es um mehr als nur die verzerrte Wahrnehmung der Verbraucher in einem Wirtschaftsraum, der von Palermo bis Cork reicht. Ihre Überschätzung hat erheblichen Einfluss auf Politiker und Notenbanker.

Zwischen 2004 und Mitte 2015 lag der Mittelwert der wahrgenommenen Inflationsrate in der Eurozone bei 9,5 Prozent, was beträchtlich über der tatsächlichen durchschnittlichen Inflationsrate von 1,8 Prozent lag, geht aus der Studie hervor. Für die Europäische Union insgesamt lag die wahrgenommene Inflation bei 9,8 Prozent und die tatsächliche Zahl bei zwei Prozent. Das Ausmaß der Fehleinschätzung variiert, abhängig von Bildung, Geschlecht und wie gut es der Wirtschaft geht – noch auffälliger sind die Wahrnehmungsunterschiede auf Ebene der einzelnen Staaten.

Der Werkzeugkasten der EZB

Leitzins

Das wichtigste Instrument ist der Leitzins, also der Zins, zu dem sich Geschäftsbanken bei der Notenbank Geld ausleihen können, um es dann zum Beispiel als Kredit an Unternehmen und Verbraucher weiterzugeben. Im August 2016 liegt der EZB-Zins bei historisch niedrigen 0,0 Prozent. Niedrige Zinsen können die Konjunktur ankurbeln.

Einlagezins

In normalen Zeiten bekommen Geschäftsbanken von der EZB Zinsen für überschüssiges Geld, das sie bei der Zentralbank parken. Im Juni 2014 senkten die Währungshüter den Zins unter die Nullgrenze. Aktuell müssen die Kreditinstitute einen Strafzins von 0,4 Prozent zahlen. Das Ziel ist eine Schwächung des Euro und ein Abbau der Einlagen der Banken bei der EZB.

Geldspritzen

Ende 2011/Anfang 2012 unterstützte die EZB Banken mit Notkrediten (LTRO) im Volumen von einer Billion Euro. Die Kredite wurden zu Mini-Zinsen und für drei Jahre gewährt. 2014 folgten weitere Notkredite, allerdings diesmal in deutlich geringerem Umfang.

Kauf von Kreditpaketen

Seit Herbst 2014 kauft die EZB Pfandbriefe (Covered Bonds) und gebündelte Kreditverbriefungen (ABS). Das soll Geschäftsbanken Freiräume zur Vergabe von Krediten verschaffen.

Staatsanleihen Käufe

Im Mai 2010 begann die EZB erstmals mit dem Kauf von Staatsanleihen. Das „Securities Markets Programme“ (SMP) sollte den Anstieg der Renditen von Anleihen angeschlagener Euro-Länder bremsen. Bis Anfang 2012 kaufte die EZB Staatspapiere für rund 220 Milliarden Euro, zumeist italienische Anleihen. Im September 2012 ersetzte das Programm „Outright Monetary Transactions“ (OMT) diese Maßnahme: Die EZB erklärt sich dabei bereit, notfalls unbegrenzt Anleihen von Krisenstaaten zu erwerben. Gekauft wurde in diesem Rahmen bisher keine Anleihe.

Quantitative Lockerung

Für die sogenannte Quantitative Lockerung druckt sich die Zentralbank quasi selbst Geld und kauft damit in großem Stil Anleihen - Staatsanleihen und andere Papiere wie Unternehmensanleihen. Das tut die EZB seit März 2015. Bis mindestens Ende März 2017 wollen die Währungshüter auf diese Weise 1,74 Billionen Euro in den Markt pumpen. Das soll die Konjunktur ankurbeln und die anhaltend niedrige Inflation wieder in Richtung der EZB-Zielmarke von knapp unter 2,0 Prozent befördern.

Folgendes Ergebnis sticht besonders heraus: Trotz wiederholter Horrorgeschichten in den Medien über steigende Preise neigen die Deutschen laut der Studie dazu, die Inflation weniger zu überschätzen als die meisten anderen Europäer. Hingegen wird in Ländern mit höherer Inflation (z.B. Bulgarien, Lettland oder Rumänien) oder in denen es wirtschaftlich schlechter läuft (z.B. Italien oder Griechenland) die Wahrnehmung der Inflation deutlich stärker von der Realität entkoppelt. Schweden, Finnen, Dänen, Franzosen und Belgier sind am genauesten, besonderes wenn es um die Vorhersage der Inflation geht.

Laut der Studie „neigen Konsumenten stärker zur Überschätzung der Inflation während einer Rezession“. War bei der Einführung der Währungsunion die Differenz zwischen Wahrnehmung und Realität auf ihrem Höchststand, haben sich die Dinge seither langsam verbessert – womöglich auch aufgrund der Tatsache, dass die Inflationsrate in den vergangenen Jahren nahe null gelegen ist.

Und Politiker dürften sich mit dem Gedanken trösten, dass die erwartete zukünftige Inflation immer unter der wahrgenommenen aktuellen Inflation lag, was das Vertrauen in die Fähigkeit der Zentralbanken widerspiegelt, die Preise grundsätzlich im Griff zu behalten.

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Kommentare (3)

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G. Nampf

21.04.2017, 12:47 Uhr

Um sich ja nicht eingestehen zu müssen, daß die Inflation schon viel zu hoch ist und es Zeit ist, fiskalpolitisch umzusteuern

- negiert man zuerst die Inflation erst einmal

- falls die Inflation in einem Land (welchem wohl, etwa D?) zu hoch ist, definiert man sie um (= Durchschnittsinflation in ganz Europa)

- falls die Durchschnittsinflation Gefahr läuft, zu hoch zu werden, rechnet man sie anders aus ("Kerninflation", also ohne Energiepreise)

- falls auch das nicht mehr geht, erklärt man die Konsumenten für blöde und schwadroniert von "gefühlter Inflation"



Herr Ralf Müller

24.04.2017, 19:56 Uhr

Wenn der Preis eines Gutes steigt und gleichzeitig der Preis eines anderen fällt, so nimmt der Verbraucher bei schelchter Laune, wie zum Beispiel in einer Rezession, primär die Preissteigerung war und ignoriert den fallenden Preis des anderen Gutes. So ergibt sich eine hohe gefühlte Preissteigerung auch wenn es in Summe gar keine gegeben hat.

Frau Lana Ebsel

27.04.2017, 14:46 Uhr

Nach der Auflösung der EU kann Draghi dann die Zinsen in Italien so oft anheben wie er will, um die Inflation in seinem Land zu bremsen. Leute wie er treiben mit ihren Lügen und Vertragsbrüchen endgültig jedem gutwilligen Bürger die Lust auf diese Zwangsgemeinschaft aus. Lügen und Betrug kommen vor dem Fall.

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