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17.07.2019

15:06

Finanzinvestoren

Es fehlt an Megadeals: Das Private-Equity-Geschäft in Deutschland bricht ein

Von: Robert Landgraf

Osram ist eine Ausnahme: Das Übernahmegeschäft enttäuscht im ersten Halbjahr. Finanzinvestoren kündigen dennoch mehrere Großübernahmen an.

Die Offerte der Finanzinvestoren Bain Capital und Carlyle für den Beleuchtungshersteller zählt zu den bislang größten Private-Equity-Deals in Deutschland. Bloomberg

Osram

Die Offerte der Finanzinvestoren Bain Capital und Carlyle für den Beleuchtungshersteller zählt zu den bislang größten Private-Equity-Deals in Deutschland.

Frankfurt Der Schock hielt nur kurz an. Bereits wenige Stunden nach der Ankündigung seines Übernahmeangebots blies der österreichische Chip- und Sensorhersteller AMS die Bieterschlacht um den Beleuchtungshersteller Osram wieder ab. 38,50 Euro je Osram-Aktie standen Mitte Juli im Raum.

Damit bleibt es für Osram weiterhin lediglich beim Angebot der beiden Finanzinvestoren Bain Capital und Carlyle, die den kriselnden Münchener Konzern übernehmen wollen. Die beiden bieten 35 Euro je Aktie und damit insgesamt 3,4 Milliarden Euro. Die Offerte für die ehemalige Siemens-Tochter zählt somit zu den bislang größten Deals von Private Equity in Deutschland 2019.

Diese Milliardentransaktion kann allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass der deutsche Markt für Private Equity im ersten Halbjahr nur mit „angezogener Handbremse“ gestartet ist. Nach den Berechnungen des Beratungsunternehmens EY fiel der Transaktionswert in den ersten sechs Monaten auf 7,3 Milliarden Euro. Im Vorjahreszeitraum waren es noch 11 Milliarden Euro. In beiden Fällen zählten die Experten 112 Transaktionen.

Besonders in Zeiten von Nullzinsen ist Private Equity bei den Investoren gefragt. Aus gutem Grund: Nach den Worten des Private-Equity-Fachmanns Gregor von Deuten von Coller Capital haben immerhin 84 Prozent der Großanleger seit dem Beginn ihrer Investments in Private Equity Nettorenditen von mindestens elf Prozent erzielt.

In der Halbzeitbilanz 2019 fehlten vor allem Megadeals mit einem Volumen von mindestens einer Milliarde Euro. Während Finanzinvestoren im ersten Halbjahr 2018 drei Transaktionen mit einem Gesamtwert von 7,3 Milliarden Euro abgeschlossen hatten, betrug der Gesamtwert der beiden Milliardendeals in der ersten Jahreshälfte 2019 zusammen 5,2 Milliarden Euro. Größte Übernahme des ersten Halbjahrs war der Kauf des Methacrylat-Verbundes von Evonik durch Advent International für drei Milliarden Euro.

Die Nachfrage bleibt dennoch hoch

Für EY-Partner Michael Kunz, der den Bereich Private Equity im deutschsprachigen Raum führt, ist das zurückgegangene Volumen kein Warnsignal. „Einige sehr große Deals sind trotz eines günstigen Marktumfeldes nicht zustande gekommen“. Das könne im zweiten Halbjahr schon wieder ganz anders aussehen. EY beobachte, dass die Nachfrage weiter sehr hoch bleibe.

Zu den gescheiterten Übernahmen in den ersten Monaten des Jahres zählte das geplatzte Angebot für die Online-Plattform Scout 24 durch die beiden Finanzinvestoren Hellman & Friedman sowie Blackstone. Die beiden Beteiligungshäuser wollten das Unternehmen von der Börse nehmen, scheiterten aber an der Mindestannahmeschwelle von 50 Prozent plus eine Aktie.

Mit einer Offerte von 46 Euro je Aktie in bar und damit einem Deal-Volumen von 5,7 Milliarden Euro hätte es die teuerste Übernahme eines deutschen Unternehmens durch Private Equity werden können. Nun bleibt der Kauf des Arzneimittelherstellers Stada durch Bain und Cinven aus dem Jahr 2017 mit einem Volumen von 5,6 Milliarden Euro weiterhin der Rekordhalter.

Dass es im Rest des Jahres in schnellem Takt weiter geht, zeigt der Verkauf des Spezialfolienherstellers Infiana Group durch die Deutsche Beteiligungs AG an den Finanzinvestor Pamplona Capital Management. Außerdem stehen nach den Worten von Kunz einige große Carve-outs, also Ausgründungen von Unternehmensteilen in eigenständige Gesellschaften an: „Für Finanzinvestoren stellen sie gute Gelegenheiten dar“, erklärt er.

Dazu zählt etwa das Verpackungsgeschäft von Bosch, für das der Konzern rund ein Jahr lang einen Käufer gesucht hat. Der Finanzinvestor CVC kauft den Bereich Verpackungstechnik mit 6100 Mitarbeitern, der zuletzt laut Finanzkreisen mit 850 Millionen Euro bewertet worden war.

Übernahmehunger von Private Equity

Der Plan der Finanzinvestoren ging zwar bei Scout 24 nicht auf. Anders sollte es aber etwa bei Osram und der Offerte von KKR für den Axel-Springer-Verlag sein, der auf der Basis des Angebots von 63 Euro je Aktie mit 6,8 Milliarden Euro insgesamt bewertet wird.

Das Beteiligungsunternehmen KKR will mindestens ein Aktienpaket von 20 Prozent erwerben. Das entspräche einem Volumen von 1,36 Milliarden Euro oder mehr für den Finanzinvestor. Die Großaktionäre Friede Springer und der Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner wollen ihre Anteile von zusammen 45,5 Prozent in jedem Fall behalten. Das Angebot an die Aktionäre gilt bis zum 2. August.

In den nächsten Jahren wird es sicherlich nicht bei Osram und Springer bleiben, die sich von der Börse zurückziehen – gerade auch wegen des Übernahmehungers von Private Equity. „In den nächsten zwei Jahren wird es mehr Fälle geben, als wir je zuvor gesehen haben“, betont Rainer Langel, Europachef der Investmentbank Macquarie.

Das hängt auch mit den niedrigen Zinsen zusammen. Die Finanzinvestoren können sich zum einen günstig refinanzieren. Zum anderen wachsen die privaten Kapitalmärkte rasant wegen der hohen Ertragschancen. „Der Private-Equity-Branche stehen momentan zwei Billionen Dollar für Investments zur Verfügung, die angelegt werden müssen“, sagt Birger Berendes, der bei der Bank of America das Geschäft mit Fusionen und Übernahmen im deutschsprachigen Raum leitet.

Deshalb sind Finanzinvestoren bereit, rekordverdächtig hohe Preise in Zeiten niedriger Zinsen wie im Fall des Leuchtmittelherstellers Osram zu bezahlen. Bain und Carlyle legen beim Kaufpreis rund das 13-fache des operativen Gewinns hin.

Es gibt also genug Gründe, die die Übernahmen von Private Equity im zweiten Halbjahr treiben. EY sieht ohnehin viele interessante Objekte auf dem Markt. „Denn zahlreiche Unternehmen befinden sich angesichts der Digitalisierung mitten im Umbau und trennen sich von Firmenteilen, die nicht mehr zum Kerngeschäft gehören“, betont Wolfgang Taudte, Partner bei EY.

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