Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

23.10.2018

10:22

Bundesbank-Analyse

ETFs könnten einen Absturz an den Märkten beschleunigen

Von: Frank Wiebe

Wenn es an den Märkten brennt, sind börsengehandelte Fonds nach einer Analyse der Bundesbank manchmal im Nachteil gegenüber traditionellen Fonds.

Bundesbank: ETFs könnten Absturz an den Märkten beschleunigen dpa

Fallende Kurse

Wenn es knallt, gelten plötzlich andere Regeln.

Frankfurt Seit Jahren schon gibt es die Diskussion: Sind börsengehandelte Fonds, so genannte ETFs (Exchange Traded Funds), gefährlich? Verzerren sie die Märkte, und können sie sogar das gesamte Finanzsystem ins Wanken bringen?

Die Deutsche Bundesbank wollte es genau wissen und hat nachgerechnet. Dabei hat sie besonders Tage mit hohem Stress an den Märkten unter die Lupe genommen – den 6. Mai 2010, den 24 August 2015 und den 5. Februar 2018. Das Ergebnis lautet zusammengefasst: Anleger bekommen bei Kurseinbrüchen möglicherweise relativ schlechte Kurse, wenn sie ETFs verkaufen wollen.

Einen Einfluss auf die Preisbildung an den Märkten stellt die Bundesbank bisher nicht fest, schließt aber nicht aus, dass sich das mit wachsender Bedeutung der ETFs ändern könnte. Außerdem heißt es: „Insgesamt scheinen die von ETFs ausgehenden spezifischen Risiken für das gesamte Finanzsystem derzeit – auch wegen der noch vergleichsweise geringen Größe des Sektors – begrenzt.“ Immerhin gebe es aber „Potenziale zur kurzfristigen Verstärkung von Phasen ausgeprägter Anspannung an den Finanzmärkten“, schreibt die Bundesbank im neuesten Monatsbericht.

Für Anleger ist vor allem interessant, in welcher Beziehung ETFs anders reagieren als klassische Investmentfonds, die nicht selber an der Börse gehandelt werden, oder als direkt gekaufte Wertpapiere. Hier fällt vor allem eines auf: In ruhigen Marktphasen sind ETFs besonders liquide, bei hohem Stress können sie aber besonders illiquide sein.

Dabei misst die Bundesbank Liquidität ganz klassisch durch die Spanne zwischen An- und Verkaufspreisen. Die ist in normalen Phasen bei ETFs im Durchschnitt niedriger als bei der direkten Anlage. In den Jahren 2013 bis 2017 etwa lag diese Spanne, der „Spread“, beim Dax selber bei 4,5 Basispunkten (0,045 Prozent), beim entsprechenden ETF aber nur bei 3,9 Basispunkten.

Bei europäischen Aktien war der Abstand besonders groß: 4,5 Basispunkte beim FTSE Europe gegenüber 1,9 Basispunkten bei den ETFs. Und beim US-Index S&P 500 lag die Spanne bei 2,5 Basispunkten gegenüber nur 0,5 Basispunkten bei den ETFs. Die Beispiele zeigen auch: Je größer der Markt, desto liquider sind die Indizes und vor allem die entsprechenden ETFs.

Wenn Panik aufkommt, sind die Anbieter von ETFs anders als bei traditionellen Fonds aber nicht verpflichtet, die Anteile sofort zum anteiligen Wert des zugrunde liegenden Portfolios zurückzunehmen. Daher kann es vorkommen, dass der Börsenwert eines ETFs stärker sinkt als der seines eigenen Portfolios.

In der Regel gleicht sich das sehr schnell wieder aus, außerdem sind die Anbieter auch verpflichtet, bei größeren Abweichungen einzugreifen. Aber in einer Panik verkaufen ja besonders viele Anleger – und bekommen also möglicherweise schlechtere Kurse als bei der direkten Anlage oder auch bei einem klassischen Fonds.

Die Bundesbank nennt noch ein weiteres Risiko. ETFs generieren zum Teil einen guten Anteil ihres eigenen Ertrags dadurch, dass sie Wertpapiere verleihen, oft an Investoren, die sie im Rahmen von Termingeschäften vorübergehend benötigen. In der Regel bekommen sie dafür andere Papiere als Sicherheit.

In schwierigen Marktphasen kann es passieren, dass solche Geschäfte platzen, der ETF das verliehene Papier also nicht zurückbekommt, und die Sicherheit sich auf einmal als ungenügend herausstellt. In dem Fall kann es zu Verlusten kommen, die der Anleger zu tragen hat, und bei „extremen Szenarien“ könnte ein „allgemeiner Verkaufsdruck“ entstehen, „welcher die Preisrückgänge noch beschleunigen würde“.

Altersvorsorge: Euro für Euro zum Vermögen – Was Einsteiger über ETF-Sparpläne wissen müssen

Altersvorsorge

Euro für Euro zum Vermögen – Was Einsteiger über ETF-Sparpläne wissen müssen

Immer mehr Anleger sparen regelmäßig mit Fonds. Sie setzen vor allem auf preiswerte Indexprodukte, sogenannte ETFs. Das Angebot wächst rasant.

Die Bundesbank schreibt aber, dass solche Leihgeschäfte auch von traditionellen Fonds betrieben werden. Das zusätzliche Risiko besteht also nur gegenüber der direkten Anlage. Anders gesagt: Das Problem sind eher die Leihgeschäfte als die ETFs.

Außerdem gibt es neben ETFs, die tatsächlich Wertpapiere erwerben, auch solche, die zum Beispiel einen Aktienindex nachbilden, indem sie bestimmte Geschäfte am Terminmarkt abschließen. Dabei spielen vor allem Swaps eine Rolle, bei denen bestimmte Vermögensgegenstände auf Zeit gegen andere ausgetauscht werden, also eine Art gegenseitiger Leihe stattfinde.

Bei einer Krise könnte es passieren, dass solche Geschäfte platzen, weil die Gegenseite nicht liefern kann. Besonders in Europa, heißt es aber bei der Bundesbank, sei der Anteil der synthetischen ETFs zurückgegangen. Tatsächlich gibt es seit Längerem weltweit einen Trend, dass Investoren auf eine reale Anlage ihres Gelds pochen, weil sie misstrauisch gegenüber den Konstruktionen sind, auf denen die synthetischen ETFs basieren.

Insgesamt sind ETFs vor allem für Aktien beliebt, und vor den meisten klassischen Fonds zeichnen sie sich durch deutlich niedrigere Kosten aus. Außerdem werden ETFs meist als passive Fonds aufgelegt, die einen Börsenindex nachbilden, statt auf einem aktiv verwalteten Portfolio zu beruhen. Es gibt aber in kleinerem Umfang auch aktiv gemanagte ETFs, und umgekehrt, vor allem im institutionellen Bereich, auch passive Anlage, die keine ETFs sind.

Fazit also: Wirkliche Risiken durch ETFs für das Finanzsystem sind bisher nicht absehbar, jedenfalls nicht in höherem Maß als durch traditionelle Fonds. Anleger dagegen können in Krisensituationen mit einem ETF möglicherweise etwas schlechter abschneiden als mit der direkten Anlage oder mit einem traditionellen Fonds.

Dafür ist bei einer direkten Anlage aber zumindest für Privatanleger keine so breite Risikostreuung möglich wie mit Fonds. Und gegenüber traditionellen Fonds dürften die generell niedrigeren Kosten der ETFs die möglichen Nachteile bei Marktturbulenzen bei Weitem überwiegen.

Korrekturvermerk: In einer ersten Fassung waren als Einheit bei den Spreads irrtümlich "Prozent" statt "Basispunkte" angegeben worden.

Handelsblatt Premium

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×