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03.12.2019

17:23

Indexfonds werden immer preiswerter, in den USA gibt es sogar den ersten, der Kunden Geld schenkt. EyeEm/Getty Images

Erfolgreiche Geldanlage

Indexfonds werden immer preiswerter, in den USA gibt es sogar den ersten, der Kunden Geld schenkt.

Indexfonds

Mit Minusgebühren lassen sich Fondsanleger nicht ködern

Von: Ingo Narat

Der erste US-Indexfonds mit Negativgebühr überzeugt die Kunden ganz offensichtlich nicht. Trotzdem glauben Experten: Die Gebühren werden weiter sinken.

Es klingt verrückt: Da wird ein Geldgeschenk gemacht, und der Angesprochene lehnt es ab. So passiert es gerade in den USA. Dort bietet das Fintech Salt Financial seit März einen börsengehandelten Indexfonds an. Dieser „Exchange Traded Fund“ lockt mit einer Jahresgebühr von minus 0,05 Prozent für die ersten 100 Millionen Dollar an Anlegergeldern.

Wer also 10.000 Dollar in den ETF auf einen US-Aktienindex steckt, der bekommt fünf Dollar gutgeschrieben. Es ist das erste Produkt mit einer solchen Negativgebühr.

Die Zwischenbilanz nach einem halben Jahr allerdings ist für den Anbieter ernüchternd. Anleger haben nur neun Millionen Dollar investiert.

Als Marketinggag Geld zu verschenken und so Aufmerksamkeit bei potenziellen Kunden zu erregen, reicht also ganz offensichtlich nicht, um Investoren von einem Produkt zu überzeugen. Das misslungene Experiment macht auch deshalb in Übersee Schlagzeilen und lädt ein zu der Frage: Ist damit der langjährige Trend zu immer tieferen Gebühren im Anlagemanagement zu Ende? Viele Experten erwarten das nicht, werten das Beispiel Salt Financial eher als Ausnahmefall.

Der Flop allerdings überrascht Fachleute kaum. Die Null ist anscheinend eine feine Trennlinie. „Ein Geschenk entwertet den Qualitätseindruck des Produkts; da weiß man nicht genau, was aus dem Anbieter wird“, meint Jan Altmann, Analyst bei der Online-Plattform Justetf. Jan-Peter Dolff, Chef des Vermögensverwalters Comgest, urteilt ähnlich: „Ich würde mein Geld keiner Firma geben, bei der ich mich frage, ob sie das nötig hat.“ Da beginne man darüber nachzudenken, ob in der Firma vielleicht operative Risiken schlummerten.

Den Rutsch in negative Gebühren hatten indes viele Experten erwartet. Bereits seit vergangenem Jahr bietet die große US-Fondsgesellschaft Fidelity auf ihrem Heimatmarkt insgesamt vier nicht börsengelistete Indexfonds mit Nullgebühr an.

Grafik

Die sind zwar nur auf der Fidelity-Plattform handelbar. Aber sie haben immerhin 7,6 Milliarden Dollar Kundengelder eingesammelt. In diesem Frühjahr brachte Sofi, ursprünglich eine Onlineplattform für Studentenkredite, in Übersee zwei ETFs mit Nullgebühr auf den Markt. Mehr als 70 Millionen Dollar steckten Investoren bislang in die beiden Produkte.

In Europa nehmen die Anbieter ihre Gebühren ebenfalls immer weiter zurück, sie sind jedoch noch ein ganzes Stück von den Extremversuchen jenseits des Atlantiks entfernt. Zuletzt reduzierten große Adressen wie Amundi und Vanguard die Sätze für ihre ETFs. Das französische Haus Lyxor wird sich dem Senkungsreigen anschließen.

Es gibt Gründe für den allgemeinen Abwärtstrend: Großinvestoren machen Druck, die Anbieter konkurrieren hart, und sie können Kostenvorteile bei steigenden Anlagevolumina weitergeben.

Nach Angaben der Fondsresearch-Firma Morningstar sank in Europa während der vergangenen zehn Jahre die durchschnittliche Jahresgebühr für weltweit anlegende Aktienprodukte von 1,8 auf 1,5 Prozent. ETFs sind weit preiswerter, weil sie wegen der Abbildung einer Messlatte wie der Euro Stoxx 50 oder der Dax keine Kosten für Fondsmanager und Research haben. Doch auch in dieser Anlageklasse sanken die Gebühren über den gleichen Zeitraum von 0,5 auf 0,3 Prozent (siehe Grafik).

Dieser Trend dürfte anhalten. „Senkungen bleiben auf der Tagesordnung“, meint etwa Morningstar-Analyst Ali Masarwah. Seiner Meinung nach „muss das auch so sein, denn Gebühren sind der beste Wettbewerbsvorteil von ETFs“.

Es gibt viele ETFs auf populäre Indizes wie S&P 500 oder Euro Stoxx 50. In ihnen steckt auch das meiste Kapital. Deshalb sind dort die Jahresgebühren in Höhe von etwa 0,05 bis 0,1 Prozent bereits am tiefsten. Morningstar-Mann Masarwah hält den weit höheren Durchschnittssatz von 0,3 Prozent für globale Aktien-ETFs dagegen und urteilt: „Da ist noch viel Luft nach unten.“

ETF-Markt wächst rasant weiter

Experte Altmann sieht dabei den größten Indexfondsanbieter in den USA als Trendsetter. Vanguard veröffentlicht die Durchschnittsgebühr seiner Produkte, und die ist über die Jahre gefallen. Sie liegt momentan bei lediglich 0,1 Prozent.

Der Markt wächst, und auch die Vanguard-Produkte wachsen. Daraus folgert Altmann über die als Genossenschaft organisierte Gesellschaft: „Sie gibt die Größenvorteile über tiefere Gebühren an ihre Anleger weiter und nimmt damit auch den allgemeinen Trend in Europa vorweg.“ In Europa wächst der ETF-Markt weiter rasant und ist inzwischen auf über 800 Milliarden Euro angeschwollen.

Manche Anbieter versuchen, sich mit speziellen Produkten gegen die aufgrund fallender Gebühren erodierenden Einnahmen zu stemmen. „Da geht es um Themen wie Nachhaltigkeit, Megatrends, um Nischenmärkte oder das sogenannte Faktor-Investing, bei denen spezielle Indizes nach bestimmten Vorgaben regelmäßig neu berechnet werden“, sagt Altmann. Mit solchen Fonds müssen die Anbieter dank der individuellen Konstruktion kaum Konkurrenten und damit auch kaum Preiskonkurrenz fürchten.

Ein Beispiel ist der „L&G Robo Global Robotics and Automation“ für Aktien von Firmen aus der Roboter- und Automationstechnik mit Gesamtkosten von jährlich 0,8 Prozent. Ebenso teuer ist der „Hanetf Kmefic FTSE Kuwait Equity“ für Aktien aus Kuwait.

Die breite Diskussion um immer tiefere Gebühren hat für einige Fachleute allerdings eine Schlagseite. Mit fortschreitender Annährung an die Nullmarke geraten die Senkungsmeldungen ihrer Meinung nach an den Rand der Absurdität.

„Es gibt ein Niveau, da spielen die Gebühren aus Sicht des Anlegers praktisch keine Rolle mehr“, meint etwa Comgest-Mann Dolff. Seien die Kosten schon gering, dann mache es kaum einen Unterschied, wenn sie noch weiter gesenkt würden.

Anders gesagt: Eine Verringerung der Jahresgebühr von beispielsweise 0,1 auf 0,05 Prozent entspricht aus der Investmentperspektive vielleicht der Indexveränderung innerhalb weniger Sekunden. Die hätte dann keinen spürbaren Einfluss auf den längerfristigen Ertrag des Anlegers.

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