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11.07.2018

15:30 Uhr

Leerverkäufe

Hedgefonds wetten mehr als eine Milliarde Euro gegen Deutsche Bank und Commerzbank

VonJürgen Röder

Die Deutsche Bank und die Commerzbank sind im Visier von Short-Spekulanten. Das muss nicht zwangsläufig schlecht für die weitere Kursentwicklung sein.

Hedgefonds wetten gegen Deutsche Bank und Commerzbank dpa

Banken-Skyline

Dunkle Wolken ziehen über der abendlichen Frankfurter Skyline auf. Hedgefonds wetten mehr als eine Milliarde Euro gegen Commerzbank und Deutsche Bank.

DüsseldorfMit über einer Milliarde Euro wetten vier verschiedene Hedgefonds auf weiter fallende Kurse bei den Aktien der Deutschen Bank und der Commerzbank. Besonders im Fokus steht Deutschlands größtes Geldhaus: Vier internationale Investmentfirmen haben derzeit 979 Millionen Euro darauf gesetzt, dass der Kurs der „blauen Bank“ fällt. Dagegen fallen die 172 Millionen Euro, die der US-Hedgefonds AQR Capital Management auf schwächere Notierungen bei der „gelben Bank“ setzt, vergleichsweise gering aus.

Die vier Fonds haben laut aktuellem Stand 4,85 Prozent des gesamten ausgegebenen Aktienkapitals der Deutschen Bank verkauft. Bei der Commerzbank sind es lediglich 1,6 Prozent.

Was sind Leerverkäufe?

Bei Leerverkäufen leihen sich die Investoren Aktien von Unternehmen, bei denen sie mit Kursverlusten rechnen. Dem Verleiher zahlen sie dafür eine Gebühr. Die Papiere verkaufen sie und hoffen darauf, dass die Notierungen fallen. Dann können sie die Aktien später günstiger zurückkaufen und an den Verleiher zurückgeben. Der Gewinn für den Leerverkäufer ist dann die Differenz zwischen Verkaufs- und Kaufpreis abzüglich der Leihgebühr.

Wie groß die Positionen auf deutsche Aktien sind, zeigt eine Übersicht der entsprechenden Handelsblatt-Datenbank. Die Onlineanwendung zeigt alle Leerverkäufe von Investoren („Positionsinhaber“), die mehr als 0,5 Prozent der ausstehenden Aktien eines Unternehmens („Aktiengesellschaft“) ausmachen und im „Bundesanzeiger“ veröffentlicht werden. Dieser dient den deutschen Behörden neben dem Bundesgesetzblatt als Veröffentlichungsorgan für wichtige Bekanntmachungen.

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Die Handelsblatt-Datenbank zeigt: Vor allem der US-Hedgefonds AQR Capital Management setzt auf fallende Kurse und hat neben den 1,6 Prozent bei der Commerzbank bei der Deutschen Bank eine Shortposition in Höhe von 2,4 Prozent. Der vom US-Milliardär Cliff Asness gegründete Fonds gilt als einer der am schnellsten wachsenden Vermögensverwalter weltweit. Daneben sind noch Marshall Wallace (1,34 Prozent), Capital Fund (0,6 Prozent) sowie World Quant (0,51 Prozent) aktiv.

Deutschlands größtes Geldhaus kämpft derzeit mit zwei enormen Problemen.

Schwäche Nummer eins: Die Kosten liegen im Branchenvergleich viel zu hoch. Die Frankfurter müssen über 90 Cent ausgeben, um einen Euro einzunehmen, daran hat sich seit 2012 kaum etwas geändert.

Problem Nummer zwei: Der Bank brechen die Erträge weg. Seit nunmehr sieben Quartalen in Folge erodieren die Einnahmen. Deswegen hat sich der Kurs von 17,12 Euro Mitte Dezember 2017 bis zum Allzeittief von 8,75 Euro Ende Juni 2018 fast halbiert.

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Auf der anderen Seite ist eine Wette auf fallende Kurse für einen Hedgefonds nicht ungewöhnlich. Teilweise dienen solche Geschäfte auch zur Absicherung von Long-Positionen. So hat beispielsweise AQR Capital Management laut der Nasdaq-Datenbank von seinem 96 Millionen US-Dollar umfassenden Portfolio an der US-Technologiebörse 14,5 Prozent in Finanzwerte investiert. Insgesamt verwaltet der Fonds 224 Milliarden US-Dollar.

Sollten die Finanzwerte weltweit nachgeben, hätte der Hedgefonds bereits eine Rendite erzielt, wenn die US-Finanztitel im Vergleich zu ihren deutschen Pendants weniger verlieren. Das wäre auch umgekehrt der Fall, wenn die amerikanischen Finanzpapiere stärker steigen als die Kurse der deutschen Banken.

Die Hedgefonds setzten nicht nur in Deutschland, sondern noch stärker in Italien auf fallende Kurse von Finanzwerten. Neben kleineren Leerverkäufen der Aktien von Unicredit (0,58 Prozent) und Intesa Sanpoalo (0,57 Prozent) des US-Fonds Bridgewater sind vor allem Banco Popolare (Banco BPM) und BPER (ehemals Banca Popolare Emil Romagna) im Visier der Short-Seller. Bei der Banco Popolare haben beispielsweise insgesamt acht Hedgefonds 6,21 Prozent des gesamten Kapitals leerverkauft.

Denn die italienischen Banken ächzen noch immer unter der Last notleidender Kredite. Noch immer stehen hochgradig ausfallgefährdete Kredite im Volumen von mehr als 200 Milliarden Euro in den Büchern italienischer Kreditinstitute.

Hinzu kommt: Allein die italienischen Banken halten Staatsanleihen ihres Heimatlandes im Wert von 342 Milliarden Euro in ihren Büchern. Mit den steigenden Risikoaufschlägen sinken automatisch die Kurse dieser alten, niedriger verzinsten Papiere. Sollten die Kursverluste an den Anleihemärkten anhalten, könnte die Bankenkrise, die sich mit der milliardenteuren Rettung der Monte dei Paschi di Siena vorerst beruhigt hatte, schnell wieder ausbrechen.

Wie Leerverkäufe funktionieren

Was ist das Prinzip eines Leerverkaufs?

Bei normalen Leerverkäufen wetten Investoren auf fallende Kurse von Wertpapieren. Sie verkaufen Wertpapiere, die sie sich zuvor von anderen Anlegern gegen eine Gebühr geliehen haben, zu einem fest vereinbarten Kurs. Sinkt der Preis bis zum Lieferdatum, können sie sich billiger wieder eindecken und die geliehenen Papiere zurückgeben.

Wie verdient man an Leerverkäufen?

Die Differenz zwischen dem niedrigeren Kurs und dem höheren Verkaufspreis abzüglich der Gebühr streichen die Investoren - oft Hedgefonds - als Gewinn ein.

Was sind die Risiken bei Leerverkäufen?

Geht die Wette verloren, also steigt der Preis, besteht die Gefahr, dass die Anleger zu einem höheren Kurs wieder einsteigen müssen, um die geliehenen Papiere zurückzugeben. Dann droht ein Verlust in den Büchern der Leerverkäufer.

Wie unterscheiden sich ungedeckte Leerverkäufe?

Bei ungedeckten Leerverkäufen ist das Prinzip dasselbe. Allerdings haben sich die Investoren noch nicht einmal die Wertpapiere geliehen. Zum Lieferdatum besitzen die Händler von ungedeckten Leerverkäufen so keinerlei Papiere. Dadurch wird mit Anteilen gehandelt, die gar nicht existieren. Für den Markt erhöht das die Risiken deutlich. Kursausschläge werden dadurch um ein vielfaches verstärkt. Dann werden die Wetten der Investoren zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung: Wenn alle auf einen Kursverfall wetten, tritt dieser auch ein.

Was ist der Vorteil bei ungedeckten Leerverkäufen?

Im Erfolgsfall sind die Gewinnchancen höher, da keine "Leihgebühr" anfällt.

Sind Leerverkäufe denn nur zu verteufeln?

Leerverkäufe erfüllen oft auch einen wichtigen wirtschaftlichen Zweck. Denn damit können sich Firmen und andere Investoren gegen Kursrisiken absichern. Wer etwa in einigen Monaten Rohstoffe kaufen muss und mit höheren Preisen rechnet, kann durch einen erfolgreichen Leerverkauf in anderen Bereichen für Ausgleich sorgen. Zudem sorgen diese Geschäfte für ausreichende Liquidität an den Märkten.

Mit welchen Einschränkungen dürfen Leerverkäufe in Europa getätigt werden?

In Deutschland sind ungedeckte Leerverkäufe von Aktien und Staatsanleihen von Euro-Ländern seit einem Jahr per Gesetz ganz verboten. Nach dem Kollaps der US-Investmentbank Lehman Brothers im September 2008 hatten viele Länder zumindest vorübergehend ähnliche Maßnahmen beschlossen. Um die Transparenz der Geschäfte zu erhöhen, hat die Finanzaufsicht BaFin zudem eine Meldepflicht für Leerverkäufe von Aktien der zehn größten deutschen Finanz- und Versicherungshäuser eingeführt. Ab März 2012 gilt ohnehin eine gesetzliche Meldepflicht für alle Leerverkäufe von Aktien.

Und was sagt die EU?

Auf Ebene der Europäischen Union (EU) ist das Vorgehen noch umstritten, vor allem was ein Verbot von Leerverkäufen mit Kreditausfallversicherungen (CDS) auf europäische Staatsanleihen betrifft. Das EU-Parlament dringt hier auf eine schärfere Regelung als die meisten Mitgliedsstaaten.

Milliardenschwere Short-Spekulationen erlebt der deutsche Aktienmarkt in diesem Jahr nicht zum ersten Mal. Bereits Ende Januar 2018 hat der US-Hedgefonds Bridgewater das Gründers Ray Dalio massiv auf fallende Kurse bei mehreren Dax-Werten gesetzt. Zu Hochzeiten, zum Beispiel Ende März, betrug diese Summe mehr als acht Milliarden Euro. Aufschlussreich ist dabei der zeitliche Vergleich zwischen der Short-Spekulation und der Dax-Entwicklung.

Das Volumen der Bridgewater-Short-Spekulation entsprach anfangs dem Umsatzvolumen einer Aktie an jeweils rund zwei Handelstagen – was sehr hoch ist. Weil der Dax-Crash Ende Januar/Anfang Februar mit dem Beginn der Leerverkäufe zeitlich übereinstimmt, wurde Bridgewater von einigen Börsianern eine Mitschuld an dieser Entwicklung gegeben. In diesem Zeitraum rutschte das deutsche Börsenbarometer um rund zehn Prozent ab. Denn der erste Teil eines Leerverkaufs besteht aus dem Verkauf der geliehenen Aktien.

Doch es gibt noch einen zweiten Teil des Geschäfts: den anschließenden Rückkauf der geliehenen Aktien, möglichst natürlich zu einem niedrigeren Preis als beim Verkauf.

Zwar lässt sich im Rückblick der Bridgewater-Spekulation keine exakte Gewinn-und-Verlust-Bilanz ziehen, auch, weil die Einstands- und Ausstiegspreise nicht bekannt wurden. Schließlich müssen nur Leerverkaufspositionen oberhalb von 0,5 Prozent veröffentlicht werden. Doch die Bayer-Aktie beispielsweise stieg seit der Veröffentlichung der Bridgewater-Leerverkäufe bis zum Ende der Spekulationen kontinuierlich. Es war wohl eine einzelne Fehlspekulation.

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Innerhalb von weniger als einem Monat hat Bridgewater seine Spekulationen gegen Dax-Titel massiv zurückgefahren. Das könnte sich auf den Aktienmarkt auswirken.

Ein komplett anderes Bild zeigte die Deutsche Bank: Hier hat die Spekulation von Ray Dalio auf fallende Kurse bestens funktioniert. Das Wertpapier von Deutschlands größtem Geldhaus fiel seit Ende Januar 2018 bis Mitte April um rund 25 Prozent und hat im Verlauf niemals den Startwert wieder erreicht.

Die wichtige Frage lautet nun: Wann trennen sich die vier Fonds von ihren Leerverkäufen auf die Deutsche Bank in Höhe von knapp einer Milliarde Euro? Denn das Ende solch einer massiven Short-Spekulation läutet in vielen Fällen Kurssteigerungen ein. So wie bei Bridgewater: Als der US-Hedgefonds mit dem zweiten Teil seiner Leerverkäufe begann, also die jeweiligen Aktien kaufte, begann der Dax mit der Erholung.

Das Dax-Jahrestief betrug 11.787 Zähler am 26. März. Am 19 April fielen Spekulationen von Bridgewater unter die meldepflichtige Schwelle von 0,5 Prozent. An diesem Tag notierte der deutsche Leitindex oberhalb von 12.500 Zählern. So betrachtet sind die weiteren Aussichten für den Kurs der Deutschen-Bank-Aktie nicht unbedingt schlecht.

Kommentare (3)

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Herr Lothar Bitschnau

11.07.2018, 15:56 Uhr

Heute ist die Deutsche Bank der Spielball.
Früher war sie doch der Spieler, oder lieg ich falsch ?

Herr Andre Peter

11.07.2018, 18:12 Uhr

Sehr mutig, diese Hedgefonds...
Die Deutsche Bank wird von ihrem Großaktionär Cerberus beraten, da sollten doch einige Neuerungen zu einem besseren Ergebnis führen.
Zudem ist der aktuelle Marktwert nur 1/3 des Buchwertes. Man kauft für 33 Cent einen Dollar - hört sich gut an.
Mal sehen, wo die Deutsche Bank und die Commerzbank in 12 Monaten stehen.

Herr Helmut Metz

11.07.2018, 18:48 Uhr

Sollten diese Hedgefonds tatsächlich "Erfolg" haben, wird schlicht und ergreifend niemand mehr da sein, der ihnen den "Gewinn" auszahlt.
Weil dann nicht nur die Deutsche Bank und die Commerzbank fallen werden, sondern früher als von diesen Hedgefonds erwartet nämlich eintritt:
"Schlußendlich werden sie ALLE fallen, weil das ganze System marode ist und nicht überlebensfähig."
https://www.youtube.com/watch?v=64pDQUhnAsI
Wer unbedingt wetten will, dem gebe ich einen meiner Meinung nach weitaus erfolgversprechenderen Tipp: nämlich eine Wette auf den ziemlich zügigen Bankrott der Türkei:
https://www.finanzen.net/devisen/us_dollar-tuerkische_lira-kurs
Verheerende Leistungsbilanz, explodierende ZInsen auf türkische Staatsanleihen, Einbruch des wichtigsten Devisenbringers (Tourismus) - und ein durchgeknallter Staatschef: da heißt es jetzt halt bald "Schicht im Schacht"...

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