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29.07.2019

14:28

Neil Woodford

„Orakel von Oxford“: Großbritanniens bekanntester Fondsmanager soll vor dem Rauswurf stehen

Der einstige Star-Fondsmanager hat mit mäßiger Performance und einer Fondsschließung das Vertrauen der Anleger verspielt. Jetzt soll sein Rauswurf bevorstehen.

Großbritannien: Fondsmanager Woodford könnte vor dem Rauswurf stehen Reuters

Neil Woodford is seen in this undated handout picture

Woodford galt lange als genialer Investor. Seinen Ruf als „Stockpicker“ hatte er sich beim US-Fondsriesen Invesco erarbeitet.

Frankfurt, London Der einstige Star-Fondsmanager Neil Woodford steht in seiner eigenen Firma vor dem Aus. Das oberste Management des britischen Investmentfonds Woodford Patient Capital Trust denkt laut übereinstimmenden Medienberichten darüber nach, den Fondsmanager abzusetzen.

Der börsennotierte Woodford Patient Capital Trust (WPCT.L) trägt zwar Woodfords Namen, die Unternehmensleitung kann aber einen anderen Manager mit der Verwaltung der Vermögenswerte beauftragen.

Woodford schockte seine Anleger im vergangenen Monat, als er sein Flaggschifffonds, den Equity Income Fund, sperrte, um weitere Abflüsse zu verhindern. Die Aktien der börsennotierten Gesellschaft haben seit dem Einfrieren des Equity Income Fund rund ein Drittel im Wert eingebüßt. Die Gesellschaft notiert mit einem Abschlag auf den Netto-Vermögenswert von gut einem Drittel.

Der Verwaltungsrat der Fondsgesellschaft spielt nun nach eigener Aussage mit mehreren externen Fondsmanagern verschiedene Optionen durch. Das teilte das Unternehmen am Montag mit.

In einer separaten Mitteilung gab das Unternehmen zudem bekannt, dass Woodford Anfang Juli 1,75 Millionen Aktien seiner Gesellschaft verkauft hat. Das entspricht rund 60 Prozent seiner Beteiligung. Woodford benötigte das Geld angeblich, um persönliche Schulden wie Steuerschulden zu begleichen.

Dem Vorstand teilte der Manager den Schritt erst Ende vergangener Woche mit. Analysten von der Investmentbank JP Morgan Cazenove kritisierten deshalb im einem Kommentar die lange zeitliche Lücke zwischen Verkauf und Information. Es sei daher „wenig überraschend“, dass der Vorstand nun über Alternativen zu Woodford nachdenke.

Andere Fondsexperten halten eine Ablösung Woodfords dagegen für einen Fehler, zumal der Fondsmanager aktuell ohne Verdienst arbeite und sein Portfolio wie kein anderer kenne. Der Unternehmensvorstand hat mitgeteilt, dass Woodford kein Einkommen erhalte, solange der Fonds eingefroren sei.

Vertrauen in die Branche erschüttert

Woodford galt lange als genialer Investor. Seinen Ruf als „Stockpicker“ hatte er sich beim US-Fondsriesen Invesco erarbeitet. Als er sich 2014 selbstständig machte, folgten ihm viele loyale Anleger. In Anlehnung an US-Investor Warren Buffett, dem „Orakel von Omaha“, wurde Woodford auch das „Orakel von Oxford“ genannt.

Um seinem Ruf gerecht zu werden, ging er immer höhere Risiken ein. Der Ruf des einstigen Starmanagers nahm dabei massiv Schaden. Laut dem Indexanbieter MSCI waren bis zu 80 Prozent der Anlagen in seinem Equity Income Fund schwer verkäuflich.

Nach mäßiger Performance verloren Anleger zunehmend den Glauben an Woodfords Fähigkeiten und zogen ihr Kapital ab. Als Anfang Juni auch der öffentliche Pensionsfonds der Grafschaft Kent seine Einlagen von 260 Millionen Pfund zurückforderte, zog Woodford die Reißleine. Er stoppte alle Auszahlungen aus dem Equity Income Fund, um weitere Abflüsse zu verhindern.

Daten des Analyseunternehmens Morningstar zufolge wollte Woodford damit Zeit gewinnen, um kleinste bis mittelgroßen Aktien zu verkaufen und Liquidität aufzubauen. Ende Mai machten diese 97 Prozent des Fondsvermögens aus.

Stattdessen versetzte das Einfrieren des Fonds die Anleger in Panik. So kündigte der Vermögensverwalter St. James Place die Zusammenarbeit auf, womit Woodford auf einem Schlag die Zuständigkeit für 3,5 Milliarden Pfund verlor – das waren 40 Prozent des von ihm verwalteten Kapitals.

Der radikale Schritt erschüttert zudem das Vertrauen in die gesamte Branche. „Woodford war eine Galionsfigur der Branche“, sagt ein Londoner Fondsmanager. Die Enttäuschung über ihn werfe nun einen Schatten auf den ganzen Sektor. Aktive Fondsmanager stehen unter Druck, weil seit Jahren immer mehr Kapital in die günstigeren passiven Indexfonds abfließt.

Der Druck auf Woodford und die Branche dürfte noch weiter zunehmen. Einflussreiche Britische Politiker äußerten bereits, dass die Fondsbranche sich infolge des Falles Woodford auf eine stärkere Überprüfung einstellen sollte. Der Bank-of-England-Chef Mark Carney äußerte bereits im Finanzausschuss des britischen Parlamentes, dass täglich verfügbare Fonds, die massiv illiquides Vermögen hielten, „auf einer Lüge aufgebaut sind“.

Mehr: Massive Kapitalabflüsse belasten die Fonds bekannter Manager wie Bruno Crastes oder Neil Woodford. Lesen Sie hier was das für die Branche bedeutet.

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