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21.06.2019

19:16

Geldanlage

Die Geldflut lockt: Warum Aktien, Anleihen und der Goldpreis simultan steigen

Von: Andrea Cünnen

Anleger setzen darauf, dass die Notenbanken die Märkte wieder mit Geld fluten. Die Investoren interpretieren die Signale der Währungshüter unterschiedlich.

Warum Aktien, Anleihen und der Goldpreis simultan steigen dpa

Börse in Frankfurt

„Die Notenbankpolitik ist derzeit der entscheidende Faktor für alle Märkte“, sagt Carsten Klude von der Privatbank M.M Warburg.

Frankfurt Mitunter könnte man denken, dass die Investoren an den verschiedenen Finanzmärkten in Filterblasen leben. Anders ist auf den ersten Blick kaum zu erklären, dass die Kurse an den Anleihemärkten und am Goldmarkt derzeit ebenso steigen wie die Aktienkurse. Das erscheint wie ein Widerspruch, denn Anleihen und Gold gelten als Anlagen für Krisenzeiten, Aktien dagegen als Anlagen für Investoren, die auf gute Zeiten für die Wirtschaft und damit auch für die Unternehmen setzen.

Doch die Investoren leben in keiner Filterblase. Im Gegenteil: Sie alle verfolgen ähnliche Nachrichten.

Dazu gehört der sich zuspitzende Handelsstreit zwischen den USA und China. Beim G20-Gipfeltreffen Ende kommender Woche erwartet kaum jemand einen Durchbruch. Dazu gehören auch die wachsenden Spannungen im Nahen Osten zwischen den USA und ihrem Verbündeten Saudi-Arabien mit dem Iran, wo die USA zuletzt kurz vor einem Militärschlag standen. Und dazu gehören die sich vielfach verschlechternden wirtschaftlichen Frühindikatoren wie zum Beispiel gesunkene Geschäftsklimaindizes.

Das alles bietet wenig Anlass zur Hoffnung auf eine bessere Wirtschaftsentwicklung – und gibt von daher eigentlich den in Anleihen und Gold Sicherheit suchenden Investoren recht. Doch es gibt noch andere Nachrichten, die Investoren in ihre jeweilige Anlageklassen treiben: Die großen Notenbanken haben den Märkten eine neue Geldflut in Aussicht gestellt.

„Die Notenbankpolitik ist derzeit der entscheidende Faktor für alle Märkte“, sagt Carsten Klude, Chefvolkswirt und Leiter des Asset Managements bei der Privatbank M.M Warburg. Für Robert Halver, Leiter der Kapitalmarktanalyse der Baader Bank, treibt die angekündigte „Liquiditätshausse“ die Kurse an den verschiedenen Märkten und überdeckt so die fundamental schlechteren Aussichten für die Aktienmärkte. Und das dürfte laut Halver noch eine Weile so bleiben.

Die Notenbanker wurden deutlich

Tatsächlich wurden die Notenbanker zuletzt überraschend konkret. Mario Draghi, Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), hat am Dienstag Zinssenkungen oder eine mögliche Wiederaufnahme der Anleihekäufe in Aussicht gestellt, wenn sich Wirtschafts- und Inflationsausblick in der Euro-Zone nicht bessern.

Einen Tag später erklärte Jerome Powell, Chef der US-Notenbank (Fed), dass auch die Fed bereit sei zu handeln, wenn die Abwärtsrisiken für die US-Konjunktur und die US-Inflation zunehmen. Am Donnerstag kam dann gleichsam als Echo von Japans Notenbankchef Haruhiko Kuroda die Aussage, das auch die Bank of Japan bereit sei, notfalls die Zinsen noch weiter zu senken und die Anleihekäufe auszuweiten.

Das hatte unmittelbare Folgen: Die Kurse von Staatsanleihen sind in der vergangenen Woche so stark gestiegen, dass im Gegenzug in Deutschland die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe auf das Rekordtief von bis zu minus 0,33 Prozent absackte. Die Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihe sank zwischenzeitlich erstmals seit November 2016 unter die Marke von zwei Prozent.

Der Goldpreis kletterte auf das Fünfjahreshoch von in der Spitze 1410 Dollar je Feinunze (31,1 Gramm). Ein Rekordhoch erreichte auch der US-Leitindex S&P 500 mit 2958 Punkten. In Deutschland notierte der Dax mit bis zu 12.425 Zählern zwischenzeitlich auf dem höchsten Stand seit September vergangenen Jahres.

Der simultane Aufschwung verlor zwar am Freitag etwas an Schwung, aber dennoch gilt: Die Investoren an den Anleihemärkten und am Goldmarkt interpretieren die Ankündigungen der Zentralbanken offensichtlich anders als die Investoren an den Aktienmärkten. Die auf Sicherheit bedachten Anleger fürchten den Wirtschaftsabschwung.

Gelingt die Konjunkturbelebung?

Die Aktieninvestoren gehen davon aus, dass die Notenbanken – vor allem die Fed und die EZB – es schaffen werden, die Konjunktur wieder zu beleben. „Wenn das gelingt, könnten Aktien und Anleihen noch eine Weile steigen“, sagt Klude.

Doch das ist es nicht allein. Anleihen profitieren unmittelbar davon, wenn die Leitzinsen sinken, weil sinkende Leitzinsen auch die Kapitalmarktzinsen, sprich die Anleiherenditen nach unten drücken. Ebenso würden Anleihen wohl profitieren, wenn die EZB ihr Anleihekaufprogramm wieder aufnimmt und so die Nachfrage beflügelt.

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Die niedrigen Anleiherenditen wiederum treiben die Investoren in die Aktienmärkte. „Die klassische Alternative, in unsicheren Zeiten Geld in sicheren Staatsanleihen zu parken, funktioniert bei Minus-Renditen am Anleihemarkt nicht mehr“, sagt Halver von der Baader Bank. Damit ist es zum Teil auch der Anlagenotstand, der Anleger in Aktien treibt. Halver hat davon eine genaue Vorstellung: „Wenn die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe bei vier Prozent läge, stünde der Dax höchstens bei 8000 Punkten“.

Auch die neue Hausse beim Goldpreis hängt mit den niedrigen Anleiherenditen zusammen. Gold gilt zwar als sicherer Anlagehafen, bringt aber keinen Zins. Inzwischen verlieren Anleger aber auch verstärkt wieder mit Anleihen Geld, wenn sie die Papiere bis zur Fälligkeit halten.

Weltweit sind inzwischen Anleihen im Volumen von 12,5 Billionen Dollar im Minus. Von daher fällt der Zinsnachteil des Goldes gegenüber Anleihen weg. Real, also nach Abzug der Inflationsrate, gilt das auch für US-Staatsanleihen. Das ist ein Grund dafür, dass Gold jetzt als klassische Krisenanlage wieder in der Gunst der Investoren steigt.

Besser als klassische Anleihen wie Bundesanleihen oder Pfandbriefe findet Halver Investments in Gold im derzeitigem Umfeld allemal. Eine Beimischung von zehn Prozent Gold am liquiden Vermögen hält der Kapitalmarktstratege „für nicht verkehrt“. Anleger im Euro-Raum müssen allerdings bedenken, dass Gold in Dollar gehandelt wird. „Wenn die Fed die Leitzinsen senkt, könnte das den Dollar schwächen und zumindest einen Teil der möglichen Kursgewinne von Gold für Euro-Anleger aufzehren“, gibt Klude von M.M. Warburg zu bedenken.

Dem Aktienmarkt sollten Anleger laut Halver „treu bleiben“. Auch Klude sieht derzeit keinen Grund für Anleger, sich aus Aktien zu verabschieden – auch wenn der Großteil der aktuellen Aktienhausse zunächst wohl gelaufen sei. Kurzfristig hält er beim S&P 500 und an den europäischen Märkten zwar noch ein Plus von fünf bis sechs Prozent für möglich. Am Jahresende dürften die Börsen aber wohl kaum höher stehen als jetzt. Das meinen auch viele andere Strategen. Die Notenbanken stützen die Märkte zwar, aber ob das auch auf Dauer funktioniert, ist fraglich.

Kommentare (1)

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Herr Helmut Metz

21.06.2019, 19:58 Uhr

Das "Problem" sind die Anleihen (= Forderungen).
Die steigen insbesondere in einem (leicht) disinflationären Umfeld, wie man es bis ca. Mitte 2018 vorfand. Ein steigendes Zinsniveau ist sehr schlecht (gerade deshalb manipulieren die ZB´s den Zinssatz nach unten), ganz schlecht sind dagegen sowohl Starkdeflation (weil dann der "Ausfall" der Forderungen droht), wie auch stark steigende Inflation. Um die Anleihen dann zu "stützen", müssen die ZB´s heftig "drucken" bzw. die Anleihen monetarisieren - aber dann geht eben die Währung in den Keller...

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