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21.04.2019

10:00

Geldanlage

Wie Gesundheitsaktien ihre heilsame Wirkung für das Depot entfalten

Von: Andrea Cünnen

In unsicheren Marktphasen erkennen Anleger an Gesundheitsaktien. Dabei ist die Branche für Anleger auch abseits von Marktturbulenzen interessant.

Auch in Zeiten von schwacher Konjunktur sparen die Menschen nicht bei den Ausgaben für Medikamente. dpa

Medikamente

Auch in Zeiten von schwacher Konjunktur sparen die Menschen nicht bei den Ausgaben für Medikamente.

Frankfurt Gesundheit ist immer ein gutes Geschäft. Selbst wenn die Konjunktur schwächelt – an Ausgaben für Medikamente und medizinische Versorgung sparen die Menschen nicht. Deshalb sind Aktien aus der Gesundheitsbranche weniger zyklisch als die aus anderen Sektoren. Gerade wenn die Börsen kränkeln, greifen auch Anleger in den Medikamentenschrank. Im vergangenen Jahr, als der globale Aktienindex MSCI World gut zehn Prozent verlor, legte der Index MSCI Healthcare immerhin ein Prozent zu.

Die akute Gefahr einer Rezession schätzen Anleger zwar inzwischen deutlich geringer ein als noch im Dezember. Das ist ein Grund dafür, dass Gesundheitsaktien seit Januar mit einem Plus von nur gut einem Prozent schlechter abgeschnitten haben als andere Branchen.

Dazu sind in den vergangenen Tagen in den USA wieder Diskussionen über eine allgemeine staatliche Krankenversicherung inklusive Preissenkungen für Medikamente hochgekocht. Langfristig haben globale Gesundheitsaktien den Markt aber geschlagen. Doch wird das auch in Zukunft so bleiben? Laut Experten stehen die Chancen dafür gut, und das nicht nur, weil die Wirtschaft weniger stark wächst.

„Gesundheitsaktien sind attraktiv bewertet, und wer auf der Suche nach strukturellen Trends für die nächsten zehn Jahre ist, wird bei Gesundheitsaktien fündig“, ist Karsten Stroh, Investmentspezialist beim US-Vermögensverwalter JP Morgan Asset Management, überzeugt. Auch Vinay Thapar, Portfoliomanager beim US-Asset-Manager Alliance Bernstein, ist sicher: „Pharmakonzerne, Gerätehersteller und Gesundheitsdienstleister profitieren von großen, potenziell ertragreichen Trends.“

Große Wachstumstreiber

Dabei machen Strategen vor allem drei große Trends aus: demografischen Wandel, neue Technologien sowie Forschung und Entwicklung. Sie alle betreffen letztlich die gesamte Gesundheitsbranche, die breit gefächert ist. Dominiert wird der Markt von großen Pharmakonzernen wie Johnson & Johnson, Merck, Pfizer, Novartis, Sanofi und Bayer.

Grafik

Doch auch Biotechnologiefirmen und die Medizintechnik spielen eine immer größere Rolle. Außerdem zählen amerikanische Gesundheitsdienstleister wie private Krankenversicherer und Krankenhausbetreiber zum Healthcare-Bereich. Die Grenzen zwischen den Bereichen verschwimmen indes immer mehr.

Längst setzen auch viele große Pharmakonzerne nicht mehr nur auf die Herstellung von relativ einfachen Pillen, sondern auch auf ungleich komplexere biologische Medikamente aus lebenden Zellen. Fusionen und Übernahmen in der Branche nehmen zu. Aktuell kauft der US-Pharmakonzern Bristol-Myers Squibb den Biotechnologiekonzern Celgene. Mit einem Volumen von 90 Milliarden Dollar wäre es laut Informationsdienst Refinitiv die bislang teuerste Akquisition der Branche.

Noch gibt es aber auch viele Unternehmen, die sich vorwiegend auf Biotechnologie konzentrieren. Deren Geschäft ist deutlich volatiler als die Gesundheitsbranche insgesamt. Für Anleger, die nicht nur auf die Chancen im Gesundheitsbereich setzen wollen, sondern ihr Depot gegen allzu starke Schwankungen zumindest ein wenig immunisieren wollen, empfiehlt sich deshalb eine Anlage in breit anlegende aktive oder passive Healthcare-Fonds.

Das gilt auch deshalb, weil Anleger mit Investments in Einzelaktien selbst bei großen Pharmakonzernen schmerzhafte Verluste erleiden können – wie das Beispiel Bayer zeigt. Von den globalen Wachstumstreibern, die auch laut Maximilian-Benedikt Köhn, Analyst beim Vermögensverwalter DJE Kapital, „für die Branche intakt“ sind, ist der demografische Wandel der bekannteste. Die Weltbevölkerung wächst nicht nur, sie wird im Durchschnitt auch älter, und mit steigendem Alter steigen die Gesundheitsausgaben.

Staaten geben mehr Geld für Gesundheit aus

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) geht davon aus, dass allein in den 36 OECD-Mitgliedsländern der Anteil der Gesundheitsausgaben bis zum Jahr 2060 auf 9,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts der Länder steigen wird. Zum Vergleich: Im Jahr 2010 betrug der Anteil gerade mal 6,2 Prozent.

Tatsächlich dürfte der Anstieg noch größer sein, denn Schwellenländer wie China, Brasilien, Russland oder Indien gehören nicht zur OECD. „Der wachsende Anteil der Mittelschicht und steigender Wohlstand dürften auch in den Schwellenländern zu einer höheren Nachfrage im Gesundheitssektor führen“, glaubt Investmentspezialist Stroh. Und das nicht nur, weil sich die Bevölkerung dort mit steigendem Einkommen mehr um ihre Gesundheit kümmern kann.

Sondern auch, weil Wohlstandskrankheiten wie zum Beispiel Fettleibigkeit, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes weiter zunehmen dürften. Zu den Profiteuren des demografischen Wandels gehört nach Einschätzung von JP Morgan Asset Management der US-Pharmakonzern Merck, der etwa 30 Prozent seines Umsatzes in den Schwellenländern erwirtschaftet.

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Der zweite Wachstumstreiber – neue Technologien wie Robotik und Automatisierung, Künstliche Intelligenz und Big Data – erfasst weltweit alle Branchen, bietet im Gesundheitssektor laut Experten aber besonders große Chancen. In der Medizintechnik zum Beispiel werden Roboter zunehmend in der Chirurgie eingesetzt.

Für attraktiv hält Portfolio-Manager Thapar von Alliance Bernstein in diesem Bereich das in der Medizin-Robotik führende US-Unternehmen Intuitive Surgical. Dessen Technologie habe sich in der Branche „mit hohen Eintrittsbarrieren für Wettbewerber“ bewährt. Künstliche Intelligenz und Big Data helfen bei der Diagnostik, der Entwicklung von Medikamenten und Therapien und bei der Überwachung von Krankheitsbildern.

Nicht nur alle großen Pharmakonzerne, sondern auch einige Technologiekonzerne drängen in den Markt. Die Gesundheitsbranche muss hier mit Unternehmen wie zum Beispiel Google oder Apple konkurrieren – das gilt als Herausforderung für den Sektor. Noch gibt es aber auch viele kleinere Unternehmen, die mit neuen Technologien in der Gesundheitsbranche erfolgreich sind.

Zu den kleinen Firmen, die sich im Portfolio des Gesundheitsfonds von JP Morgan Asset Management befinden, gehört zum Beispiel Teladoc Health, ein Anbieter, der Patienten in den USA die Kontaktaufnahme zu einem Arzt per Web, Telefon oder App innerhalb von weniger als zehn Minuten ermöglicht, und in den USA den Bereich Telemedizin dominiert.

Risiken und Nebenwirkungen

Der dritte Wachstumstreiber der Healthcare-Branche — Forschung und Entwicklung – ist ebenfalls sehr stark. „Die Geschwindigkeit der Innovationen im Gesundheitssektor ist beispiellos“, meint Analyst Stroh. Weltweit seien derzeit mehr als 7000 Medikamente in der Entwicklung. „Allerdings sollten Anleger dem Drang widerstehen, wissenschaftliche Durchbrüche vorherzusagen“, warnt Thapar.

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„Tatsächlich werden letztlich nur zehn Prozent der Medikamente, die klinisch getestet werden, auch zugelassen“, weiß auch Stroh. Das zeigt: Auch ein Investment in die Gesundheitsbranche hat Risiken und Nebenwirkungen. Bei einer breiten Streuung dürfte sich aber die positive Langzeitwirkung zeigen.

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