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22.09.2022

18:52

Geldpolitik

Der Tag der Zinserhöhungen – Die Notenbanken machen Ernst

Von: Jan Mallien, Torsten Riecke, Frank Wiebe

Nach den Amerikanern am Mittwoch haben am Donnerstag die Währungshüter in Großbritannien, der Schweiz und in Norwegen die Leitzinsen erhöht. Die Rezessionsgefahr steigt.

Die Signale der Notenbanken kamen an den Märkten nicht gut an. Reuters

New Yorker Börse

Die Signale der Notenbanken kamen an den Märkten nicht gut an.

Frankfurt, London Es war der Tag der Notenbanken. Einen Tag nachdem die US-Zentralbank Fed ihren Leitzins noch einmal um 0,75 Prozentpunkte angehoben hatte, machten am Donnerstag gleich mehrere große Zentralbanken klar, dass auch sie nicht bereit sind, Kompromisse im Kampf gegen die Inflation einzugehen – auch wenn sie damit eine Wirtschaftskrise riskieren.

„Es wird immer wahrscheinlicher, dass ein Schrumpfen der Wirtschaftsleistung und ein deutlicherer Anstieg der Arbeitslosenquote genau das ist, was nötig ist, um die Inflation zu senken“, warnte Tiffany Wilding, Nordamerika-Ökonomin der US-Fondsgesellschaft Pimco, mit Blick auf die Entscheidung der Fed.
Auch in Großbritannien rechnet die Notenbank mit einer Rezession. Dazu kommt die akute Schwäche des Pfunds gegenüber wichtigen Währungen. Einige Volkswirte warnen bereits vor einer Zahlungsbilanzkrise.

Die britische Notenbank (BoE) hat die Leitzinsen um 50 Basispunkte auf nunmehr 2,25 Prozent angehoben. Das ist der höchste Stand seit 2008. Bereits Anfang August hatten die Notenbanker die Kreditkosten um einen halben Prozentpunkt verteuert. Die Finanzmärkte hatten jedoch mehr erwartet und eine Steigerung von 75 Basispunkten eingepreist. Zugleich kündigten die Notenbanker an, ihren Anleihebestand von 857 Milliarden Pfund ab Oktober sukzessive zu reduzieren.

Die Notenbanker erklärten, sie würden „energisch reagieren“, falls sich der Inflationsdruck als hartnäckiger erweisen sollte. Dazu könnten die Energiehilfen der Regierung beitragen, durch die 150 Milliarden Pfund (172,5 Milliarden Euro) zusätzlich in den Wirtschaftskreislauf gepumpt werden. Die BoE geht nach wie vor davon aus, dass das Land in eine Rezession rutscht, und rechnet damit, dass das britische Bruttoinlandsprodukt (BIP) im dritten Quartal des laufenden Jahres leicht sinken wird.

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    Da das Pfund gegenüber dem Dollar auf den tiefsten Stand seit fast 40 Jahren gefallen ist und nach dem Zinsentscheid weiter an Boden verlor, stehen die britischen Währungshüter unter Handlungsdruck, den Außenwert der Währung zu stabilisieren. Nach der Entscheidung am Donnerstag fiel der Kurs des Pfunds unter die Marke von 1,13 US-Dollar. Seit Jahresbeginn hat es über 16 Prozent an Wert gegenüber der US-Währung verloren und rund vier Prozent im Vergleich zum Euro.

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    Die britische Inflationsrate liegt mit 9,9 Prozent fünf Mal so hoch wie der Zielwert der BoE, und die Notenbanker fürchten, dass die Teuerung weiter in Richtung elf Prozent steigen wird. Dämpfend auf die enormen Preissteigerungen bei Strom und Gas dürfte sich der staatliche Preisdeckel auswirken, den die neue Regierung zum 1. Oktober installiert hat. Danach gilt für Strom und Gas eine Preisobergrenze, damit die Energierechnung für einen Durchschnittshaushalt in den kommenden 24 Monaten nicht über 2500 Pfund (2875 Euro) pro Jahr steigen kann.

    Die Differenz zwischen den staatlich kontrollierten Preisen und den tatsächlichen Marktpreisen will die Regierung durch neue Kredite decken. Die Details dazu wird der neue Finanzminister Kwasi Kwarteng am Freitag in einem Nothaushalt bekannt geben.

    „Auch wenn die unmittelbare Gefahr einer Rezession im kommenden Winter geringer wird, erhöht ein erheblicher fiskalischer Stimulus das Risiko, dass die hohe Inflation länger anhält – und damit die Wahrscheinlichkeit, dass die Bank of England letztlich eine deutlich restriktivere Politik verfolgen muss“, warnt Sandra Horsfield, Ökonomin beim Finanzdienstleister Investec.

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    Die Lage für die britischen Geldpolitiker ist besonders kompliziert, weil sich neben der Energiekrise und dem allgemeinen Preisschub auch die Effekte des Brexits bemerkbar machen. Manche Experten wie der Chefdevisenanalyst der Deutschen Bank, George Saravelos, warnen bereits vor der Gefahr einer Zahlungsbilanzkrise. Er hatte im Vorfeld der Sitzung argumentiert, die Notenbank müsse deutlich reagieren, sonst werde das Pfund stark abwerten. Im ersten Quartal ist das britische Defizit in der Leistungsbilanz, also im Handel von Waren und Dienstleistungen, auf einen Rekordwert von 8,3 Prozent der Wirtschaftsleistung gestiegen. 

    Schweizer Notenbank

    Umgekehrt ist die Situation in der Schweiz. Dort hat der Franken aufgewertet, was die Inflationsprobleme abgemildert hat. In der Schweiz zeigte sich die Inflationsrate im August mit 3,5 Prozent, berechnet als Vergleich zum Vorjahr, vergleichsweise moderat. Dennoch hob die Schweizerische Nationalbank (SNB) den Leitzins am Donnerstag um 0,75 Prozentpunkte auf 0,5 Prozent an.

    Dies ist die größte Erhöhung seit 20 Jahren. Sie war im Vorfeld erwartet worden. Notenbankchef Thomas Jordan warnte vor Zweitrundeneffekten, also Preiserhöhungen als Reaktion auf vorangegangene Kostensteigerungen. In ihrem Statement erklärte die SNB ihre Bereitschaft, bei Bedarf am Devisenmarkt zu intervenieren.

    Sie werde Devisen verkaufen, wenn der Schweizer Franken abwertet. Auch wenn der Franken aufwertet, will sie eingreifen, aber nur dann, wenn er „übermäßig aufwertet“. Jordan signalisierte weitere Zinserhöhungen, ließ aber offen, wann solche Schritte folgen könnten und in welchem Umfang. Die SNB hob ihre Inflationsprognose für dieses Jahr von 2,8 auf drei Prozent an. Für nächstes Jahr erwartet sie 2,4 Prozent und für 2024 dann 1,7 Prozent.

    „Wenn Sie unsere neue bedingte Inflationsprognose betrachten, sehen Sie, dass es am Ende des Prognose‧horizonts eine Dynamik gibt, die nach oben zeigt“, sagte Jordan. „Dies deutet klar darauf hin, dass die Wahrscheinlichkeit besteht, dass die Geldpolitik weiter gestrafft wird.“ Karsten Junius, Ökonom der Privatbank Safra Sarasin, geht davon aus, dass die SNB die Zinsen im Dezember ein weiteres Mal um einen halben Prozentpunkt erhöhen wird.

    Norges Bank

    Deutlich weiter mit den Zinserhöhungen ist die norwegische Notenbank. Sie hob den Schlüsselzins bereits zum sechsten Mal seit September 2021 auf nun 2,25 Prozent an. Die Währungshüter begründeten dies ebenfalls mit der zuletzt rasch gestiegenen Inflation, die im August bei 6,5 Prozent lag.

    Allerdings sieht die Notenbank klare Anzeichen für eine Abkühlung der Wirtschaft, was die Inflation weiter dämpfen werde. Eine schnellere Zinserhöhung werde nun das Risiko einer Verfestigung der Inflation auf einem hohen Niveau und die Notwendigkeit einer stärkeren Straffung der Geldpolitik auf längere Sicht verringern. Die Bank kündigte an, der Leitzins werde im November wahrscheinlich noch einmal angehoben.

    Türkische Zentralbank

    Anders als viele andere Akteure senkte die türkische Notenbank den Leitzins am Donnerstag überraschend um einen vollen Prozentpunkt von 13 auf zwölf Prozent. Die meisten Ökonomen hatten nicht damit gerechnet, da die Inflation in der Türkei im August auf über 80 Prozent gestiegen ist. Dies ist das höchste Niveau seit 1998.

    In einer Lage wie die derzeitige in der Türkei die Zinszügel zu lockern, widerspricht der gängigen ökonomischen Lehrmeinung. AP

    Türkischer Präsident Recep Tayyip Erdogan

    In einer Lage wie die derzeitige in der Türkei die Zinszügel zu lockern, widerspricht der gängigen ökonomischen Lehrmeinung.

    Der Chefvolkswirt des Internationalen Bankenverbands (IIF), Robin Brooks, verwies darauf, dass die türkische Notenbank bereits vor einem Jahr unerwartet die Zinsen gesenkt und damit eine unkontrollierte Abwertungsspirale bei der türkischen Währung Lira ausgelöst habe. „Es besteht das Risiko, dass sich dies jetzt wiederholt“, sagte er.

    Senkt die Notenbank die Zinsen, wird es für internationale Investoren weniger attraktiv, Geld in der Türkei anzulegen. Angesichts der starken Teuerung ist der Realzins, also der Nominalzins abzüglich der Inflation, dort sehr weit im negativen Bereich. Seit Jahresbeginn hat die türkische Lira rund 27 Prozent an Wert gegenüber dem Dollar verloren. 

    Die Notenbank in Tokio (BoJ) behält ihre Niedrigzinspolitik unverändert bei. Der weitgehend von der Notenbank gesteuerte Zins für kurzfristige Staatsanleihen (JGBs) befindet sich weiterhin bei minus 0,1 Prozent und der für zehnjährige JGBs bei maximal 0,25 Prozent. Kurz nach dem Zinsentscheid startete Japans Finanzministerium jedoch über die BoJ eine Devisenintervention, um den Yen zu stützen. Es war der erste Eingriff am Devisenmarkt seit 1998.

    „Einseitige Interventionen sind auf Dauer wenig erfolgversprechend, das hat die BoJ bereits schmerzhaft erfahren müssen“, sagte Commerzbank-Analystin Esther Reichelt. „Sie könnten aber vielleicht ausreichen, der BoJ Zeit zu verschaffen, falls sie eine baldige Abkehr von der ultra-expansiven Geldpolitik erwägt.“

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