Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

10.07.2019

06:37

Geldpolitik

EZB-Chefvolkswirt Lane: Notenbank notfalls zum Handeln bereit

Von: Jan Mallien

EZB-Chefökonom Lane hat via Twitter Fragen zur europäischen Geldpolitik beantwortet. Er wies dabei auf die Gefahren für den Wachstumsausblick hin.

Der neue Chefökonom der EZB äußerte sich ausführlich via Twitter. Reuters

Philip Lane

Der neue Chefökonom der EZB äußerte sich ausführlich via Twitter.

Frankfurt Seit knapp einem Monat ist der Ire Philip Lane neuer Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank. Am Dienstag nun hat er sein erstes größeres Interview gegeben – auf Twitter. 45 Minuten lang antwortete er dort auf Fragen von Nutzern.

Lane gilt als der neue starke Mann bei der Notenbank. Als Chefvolkswirt plant er maßgeblich die geldpolitische Strategie der EZB. Wenn im November der bisherige EZB-Chef Mario Draghi abtritt, könnte seine Rolle noch entscheidender werden, da die designierte Nachfolgerin Christine Lagarde keine Ökonomin ist – und daher stärker auf den Rat Lanes angewiesen sein dürfte.

Eines wurde bei der Fragestunde deutlich: Lane tickt geldpolitisch sehr ähnlich wie der aktuelle Notenbankchef Mario Draghi. Ein Kursschwenk ist von ihm nicht zu erwarten. „Wir haben sicherlich die Instrumente und besitzen einen guten Leistungsnachweis bei der Antwort auf unterschiedliche Gefahrenquellen“, erklärte er. Die EZB sei bereit zu handeln, um die Inflation in Richtung ihres Ziels zu bringen. Die Notenbank strebt eine Inflation von knapp unter zwei Prozent an, die sie als optimal für die Wirtschaft ansieht. Dieses Ziel verfehlt sie aber seit Jahren.

Um die die Inflation anzuschieben, hat die EZB bereits für über zwei Billionen Euro vor allem Staatsanleihen gekauft. Außerdem hat sie die Leitzinsen auf das Rekordtief von null Prozent gesenkt. Banken, die überschüssige Liquidität bei der EZB halten, zahlen einen Minuszins von 0,4 Prozent.

Auf die Frage, ob dem Euroraum eine ähnliche Entwicklung wie in Japan droht, wo die Zinsen schon seit Jahrzehnten bei null Prozent oder darunter liegen, antwortete Lane: Proaktive Maßnahmen einschließlich negativer Zinsen seien der sicherste Weg, um sicherzustellen, dass die Inflation auf das EZB-Ziel steigt. Eine vorübergehende Phase negativer Zinsen sei nötig, um in Zukunft positive Zinsen zu erreichen. Fast wortgleich hat dies auch Mario Draghi in der Vergangenheit gesagt. Momentan rechnen viele Ökonomen damit, dass die EZB die Zinsen im September noch weiter senken wird. Ihre nächste Zinssitzung ist am 25. Juli.

Zu den wirtschaftlichen Aussichten schrieb Lane auf Twitter, dass die anhaltende Unsicherheit das Wachstum im Euroraum belastet. Eine Rezession erwartet er nicht. Aber: „Es gibt Risiken für das Wachstum.“ Erhebliche geldpolitische Unterstützung sei weiterhin nötig.

Dass führende EZB-Notenbanker Fragestunden auf Twitter abhalten, ist nicht unüblich. Ähnlich wie Lane haben dies bereits andere EZB-Direktoriumsmitglieder wie sein Amtsvorgänger Peter Praet und Benoit Coeure getan. Dabei konnten Twitter-Nutzer sie jeweils eine Stunde lang direkt ansprechen. Die Notenbanker antworteten über den Account der EZB. Sie wählen selbst aus, auf welche Fragen sie antworten wollen – und auf welche nicht.

Vorsichtiger sind die meisten Geldpolitiker dabei, selbst auf Twitter mit einem eigenen Profil in Erscheinung zu treten, obwohl einige durchaus einen Account haben, über den sie Diskussionen verfolgen.

Geldpolitik: Wie Notenbanken weltweit mit neuen Kommunikationskanälen experimentieren

Geldpolitik

Wie Notenbanken weltweit mit neuen Kommunikationskanälen experimentieren

Die Notenbanken haben oft Mühe, mit der breiten Bevölkerung zu kommunizieren. Experten wie der Ökonom Michael Weber fordern jetzt einen neuen Ansatz.

Im Bundesbank-Vorstand hat einzig der ehemalige Politiker Burkhard Balz einen öffentlichen Account aus seiner Zeit als Abgeordneter im Europaparlament, den er weiterführt. Aus dem EZB-Direktorium ist niemand aktiv. Ein eifriger Zwitscherer aus dem EZB-Rat ist der finnische Notenbankchef Olli Rehn mit 18 500 Followern. Auch der frühere EZB-Vizepräsident Vitor Constancio diskutiert seit dem Ende seiner Amtszeit bei der Notenbank eifrig auf Twitter mit. Für Aufsehen auf Twitter sorgte auch die Notenbank von Jamaika. Sie hat vor kurzem eine Kampagne mit Videos von Reggae-Musikern gepostet, die sich musikalisch mit dem Inflationsziel befassen.

Mehr: Auf dem EU-Gipfel soll informell über einen möglichen neuen IWF-Chef gesprochen worden sein. Danach wollen die Europäer Mark Carney zu Lagardes Nachfolger machen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×