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04.08.2022

16:28

Geldpolitik

Hohe Zinsen, große Sorgen: Bank of England nimmt Rezession in Kauf

Von: Torsten Riecke

Die britische Notenbank erhöht die Leitzinsen um einen halben Prozentpunkt. Dennoch könnte die Inflationsrate in Großbritannien noch auf 13 Prozent steigen.

Die Währungshüter haben einen historischen Zinsschritt gewagt. CAMERA PRESS/Rob Welham

Bank of England in London

Die Währungshüter haben einen historischen Zinsschritt gewagt.

London Die Bank of England (BoE) hebt die Zinsen so stark an wie seit mehr als einem Vierteljahrhundert nicht: Die Notenbank gab am Donnerstag bekannt, die Leitzinsen in Großbritannien um 50 Basispunkte auf 1,75 Prozent zu erhöhen.

Für das Jahresende sagte sie zugleich den Beginn einer langen Rezession im Vereinigten Königreich voraus. Von einer Rezession sprechen Ökonomen, wenn das Bruttoinlandsprodukt zwei Quartale hintereinander schrumpft. Es werde zwar nicht so schlimm wie während der Finanzkrise 2008, aber der Abschwung könne wie in den 1990er-Jahren fünf Quartale dauern, so die Währungshüter.

Bei der Erhöhung handelt es sich nun um den stärksten Schritt seit 27 Jahren. „Der Inflationsdruck im Vereinigten Königreich und im übrigen Europa hat sich verstärkt“, begründeten die Notenbanker den Schritt. Die Entscheidung des geldpolitischen Ausschusses fiel mit einer Mehrheit von acht zu eins deutlicher aus als erwartet.

Henry Moore, Analyst bei der Mitsubishi Financial Group, meint: „Die Zinsen um den höchsten Betrag seit 27 Jahren anzuheben und gleichzeitig eine Rezession vorauszusagen wirkt wie eine unbeholfene Verrenkung.“ Doch die Währungshüter hätten keine andere Wahl gehabt.

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    Die britische Notenbank bewegt sich mit ihrer Entscheidung ungefähr im Gleichschritt mit der US-amerikanischen Federal Reserve (Fed) und der Europäischen Zentralbank (EZB). Auch die EZB hob Ende Juli die Zinsen überraschend um einen halben Prozentpunkt an. Allerdings war dies ihr erster Erhöhungsschritt seit elf Jahren.

    Inflation zuletzt auf 40-Jahres-Hoch

    Die Fed erhöhte die Leitzinsen im Juni und Juli sogar jeweils um 0,75 Prozentpunkte. In den USA liegt der Leitzins damit bereits im Korridor von 2,25 bis 2,5 Prozent. Die Fed hatte im März damit begonnen, die Zinsen anzuheben.

    Zuletzt erreichte die Inflation in Großbritannien mit 9,4 Prozent ein 40-Jahres-Hoch. Die BoE erwartet jetzt, dass sich die Verbraucherpreise in Großbritannien bis zum vierten Quartal 2022 noch auf eine Rate von 13 Prozent erhöhen werden. Die Währungshüter hofften bis zuletzt, dass die Teuerung ihren Höhepunkt mit elf Prozent erreichen würde.

    Grafik

    Verantwortlich für die jüngste Prognose sind laut BoE in erster Linie die hohen Gaspreise. „Der Russland-Schock ist der größte Faktor“, sagte BoE-Gouverneur Andrew Bailey mit Blick auf die wirtschaftlichen Auswirkungen des Krieges in der Ukraine.

    Die Gaspreise hätten sich im Vergleich zum Vorjahr um das Siebenfache erhöht. Das allein trage rund 6,5 Prozentpunkte zur Inflation bei. Die Preise sollen nach BoE-Prognose im gesamten Jahr 2023 auf einem hohen Niveau verharren, bevor die Inflation dann in 2024 wieder auf den Zielwert der Notenbank von zwei Prozent zurückgehe. Bei diesem Niveau sieht die Notenbank Preisstabilität.

    Anleiheverkauf soll bald starten

    Neben der Zinserhöhung kündigte die Notenbank an, dass sie ab September mit der Verkauf der im Zuge ihrer unkonventionellen Geldpolitik aufgekauften Anleihen beginnen wolle. Zunächst sollen – abhängig von den Marktbedingungen – jedes Quartal Wertpapiere in einem Volumen von zehn Milliarden Pfund verkauft werden. Die BoE hatte seit der Finanzkrise Staats- und Unternehmensanleihen in Höhe von 875 Milliarden Pfund gekauft, um ihre lockere Geldpolitik zu unterstützen.

    Zugleich rechnet die Notenbank damit, dass die britische Wirtschaft zum Ende des laufenden Jahres in eine Rezession schlittert, die bis 2024 dauern könnte. Bailey betonte, dass die neue Prognose der Notenbank angesichts der geopolitischen Krisen mit größeren Unsicherheiten als üblich verbunden sei.

    Der BoE-Gouverneur sieht Handlungsbedarf. Bloomberg

    BoE-Gouverneur Andrew Bailey

    Der BoE-Gouverneur sieht Handlungsbedarf.

    „Die britische Wirtschaft steuert auf eine Stagflation zu, in der eine hohe Inflation und eine Rezession gleichzeitig auf die Wirtschaft einwirken“, sagte Stephen Millard, stellvertretender Direktor des National Institute for Economic and Social Research (NIESR). Die durchschnittlich verfügbaren Einkommen der Briten könnten dadurch im laufenden Jahr um 2,5 Prozent sinken. Mehr als fünf Millionen Haushalte hätten keinerlei Ersparnisse, um die steigenden Lebenshaltungskosten aufzufangen, und könnten sich nur mit höheren Schulden über Wasser halten.

    Die BoE hatte die Refinanzierungsrate für britische Banken seit Dezember 2021 in fünf kleinen Schritten erhöht, konnte damit aber den Preisauftrieb nicht dämpfen.

    Inflation ist auch hausgemacht

    Obwohl die Inflation in Großbritannien vor allem von externen Faktoren wie den hohen Energiepreisen und globalen Lieferengpässen getrieben wird, haben sich auch die Inflationserwartungen auf dem unter einem Angebotsmangel leidenden Arbeitsmarkt, im Lebensmitteleinzelhandel sowie bei Dienstleistungen nach oben bewegt. „Wir machen uns Sorgen, dass sich die Inflation festsetzt“, sagte Bailey.

    Die durchschnittlichen Lohn- und Gehaltssteigerungen liegen mit vier Prozent bereits über der Marke, die von der Notenbank als verträglich mit ihrem Inflationsziel angesehen wird. Der Notenbank-Chef warnte deshalb vor „zu hohen“ Lohnforderungen, räumte aber ein, dass die Realeinkommen der Briten weiter sinken würden.

    „Der inländische Inflationsdruck wird in der ersten Hälfte des Prognosezeitraums voraussichtlich stark bleiben“, prophezeit die BoE und verweist darauf, dass Unternehmen ihre höheren Kosten durch höhere Preise an die Verbraucher weitergeben wollten. Die reagierten auf die höheren Lebenshaltungskosten mit höheren Nominallohnforderungen. Die Bedingungen auf dem britischen Arbeitsmarkt, höhere Löhne durchzusetzen, sind bei einer Arbeitslosenquote von nur 3,8 Prozent günstig.

    Mitglieder der Lokführergewerkschaft Aslef (Associated Society of Locomotive Engineers and Firemen) streiken vor der Paddington Station. dpa

    Britische Bahnarbeiter streiken für höhere Löhne

    Mitglieder der Lokführergewerkschaft Aslef (Associated Society of Locomotive Engineers and Firemen) streiken vor der Paddington Station.

    Dieser Ansicht ist auch der frühere britische Notenbanker Andrew Sentance, der heute die Denkfabrik Cambridge Econometrics berät. „Ich hätte eine Zinserhöhung um einen Dreiviertelprozentpunkt bevorzugt.“

    Der wachsende Zinsunterschied zu den USA hatte in den vergangenen Wochen auch den Außenwert des britischen Pfunds gegenüber dem Dollar geschwächt und die Importe noch einmal verteuert. Allerdings hat sich der Trend in den vergangenen Tagen in Erwartung einer starken Zinssteigerung wieder umgekehrt, wodurch das Pfund zuletzt Auftrieb erhielt. Nach der Zinsentscheidung hat das Pfund jedoch zunächst leicht nachgegeben: Die Währung des Vereinigten Königreichs fiel auf ein Tagestief von 1,2102 Dollar nach zuvor 1,2181 Dollar. Händler führten dies auf die Rezessionsängste zurück.

    Erste Anzeichen einer Besserung

    Ökonomen der niederländischen Großbank ING sehen in der britischen Wirtschaft bereits erste Anzeichen, dass der Preisauftrieb nachlässt. Verbraucherumfragen deuteten darauf hin, dass die Inflationserwartungen und die Kerninflation (ohne Energie- und Lebensmittelpreise) ihren Höhepunkt bereits überschritten hätten, schreibt ING-Ökonom James Smith.

    Unter Druck steht die Bank of England auch von politischer Seite. Liz Truss, die in den Umfragen führende Kandidatin für die Nachfolge des zurückgetretenen Premierministers Boris Johnson, will das geldpolitische Mandat überprüfen und die erst seit 1997 unabhängige Notenbank möglicherweise wieder stärker durch das Parlament kontrollieren lassen.

    Bis Ende der 1990er-Jahre legte der britische Finanzminister die Leitzinsen fest und ließ sich dabei von der Bank of England beraten. Bailey wies darauf hin, dass die BoE der Preisstabilität verpflichtet sei, das Inflationsziel jedoch von der Regierung gesetzt werde. Truss hat umfangreiche Steuersenkungen angekündigt, die nach Meinung von Ökonomen die Inflation noch beschleunigen und die Zinsen noch weiter nach oben treiben könnten.

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