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30.11.2022

11:10

Geldpolitik

Inflation im Euro-Raum weit unter Erwartungen – Das könnte Folgen für den nächsten Zinsschritt haben

Von: Leonidas Exuzidis

Die Inflationsrate ist im November auf 10,0 Prozent gesunken. Die Europäische Zentralbank bremst aber schon mal die Hoffnung, dass der Höhepunkt überschritten ist.

Das nächste Treffen des EZB-Rats findet Mitte Dezember statt. dpa

Europäische Zentralbank

Das nächste Treffen des EZB-Rats findet Mitte Dezember statt.

Frankfurt Die Inflationsrate im Euro-Raum schwächt sich erstmals seit vielen Monaten ab. Doch Experten sehen den Gipfel der Teuerung noch nicht erreicht, und auch die Europäische Zentralbank (EZB) macht klar, dass die Zeit der Zinserhöhungen noch längst nicht vorbei ist.

Binnen Jahresfrist kletterten die Verbraucherpreise im November einer ersten Schätzung zufolge um 10,0 Prozent. Noch im Oktober hatte der Preisanstieg bei 10,6 Prozent gelegen, dem höchsten Wert seit Einführung des Euros. Damit ist die Teuerungsrate in der 19-Ländergemeinschaft erstmals seit Mitte 2021 gesunken. Eigentlich hatten Volkswirte für den November mit einer höheren Rate von 10,4 Prozent gerechnet.

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Bereits am Dienstag hatte mit Deutschland die größte Volkswirtschaft des Währungsraums neue Preisdaten vorgelegt. Legt man den harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) zugrunde, die Berechnungsmethode für den Euro-Raum, ist die deutsche Inflation im November auf 11,3 Prozent zurückgegangen (von 11,6 im Oktober). Auch in Italien, Spanien und den Niederlanden hat der Preisdruck etwas nachgelassen. Das stärkt die Debatte, ob der Höhepunkt der Inflation mittlerweile erreicht sein könnte.

Wann erreicht die Inflation ihren Höhepunkt?

Im Euro-Raum allerdings scheint der sogenannte „Peak“ trotz des Rückgangs im November noch entfernt. Erst am Montag betonte Christine Lagarde, der Gipfel der Teuerung sei noch nicht erreicht. „Das würde mich überraschen“, so die Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB). Die Volkswirte der EZB würden eher das Risiko weiterer Preissteigerungen sehen. Die EZB strebt eine Inflationsrate von zwei Prozent an.

Unter Experten besteht Einigkeit, dass die EZB bei ihrer nächsten Sitzung am 15. Dezember die Leitsätze erneut anheben wird. In den nächsten Tagen dürfte sich abzeichnen, ob die Tendenz eher in Richtung einer Erhöhung um 50 oder doch erneut um 75 Basispunkte geht. Zuletzt hatten sich die Währungshüter für große Schritte entschieden.

Die EZB, insbesondere Lagarde selbst, hat mehrfach deutlich gemacht, sich bei den Zinsentscheidungen noch stärker als sonst an der aktuellen Datenlage zu orientieren. Die neuen Preisdaten von Mittwoch gelten daher als Argument für einen moderateren Schritt. Dafür würden viele Ratsmitglieder plädieren, sagte Fritzi Köhler-Geib, die Chefvolkswirtin der KfW.

„Eine kleinere Zinsanhebung sollte aber nicht bedeuten, dass die EZB bereits ein Ende des Zinsanhebungszyklus im Auge hat“, kommentierte Thomas Gitzel, der Chefvolkswirt der VP Bank. Man habe „noch ein gutes Stück Weg vor sich.“ Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer sagte mit Verweis auf die weiter hohe Kerninflation: „Im kommenden Jahr dürfte der unterliegende Preisdruck hartnäckig hoch bleiben.“

Nach drei Zinsschritten seit Juli liegt der Leitzins im Euro-Raum mittlerweile bei 2,0 Prozent. Der für das Finanzsystem hauptsächlich relevante Einlagenzins liegt bei 1,5 Prozent. Diese Verzinsung erhalten Banken für überschüssiges Kapital, das sie über Nacht bei der Notenbank parken.

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Mit einer Erhöhung des Einlagenzinses über 2,0 Prozent würde die Notenbank nach der Einschätzung mancher Ökonomen in den restriktiven Bereich vordringen, die Leitsätze würden die Konjunktur dann also bremsen. Das aktuelle Niveau gilt als sogenannter neutraler Bereich, in dem eine Volkswirtschaft weder gebremst noch gestärkt wird. Die Einordnung der Zinsbereiche ist jedoch mit starker Unsicherheit behaftet.

Ein Vordringen in den restriktiven Bereich wäre mittlerweile keine Überraschung mehr. EZB-Direktorin Isabel Schnabel hat diesen Schritt zuletzt klar in Aussicht gestellt. Dies sei notwendig, „um sicherzustellen, dass die Inflation so schnell wie möglich zu unserem mittelfristigen Inflationsziel zurückkehrt und keine Zweitrundeneffekte auftreten“, sagte Schnabel in der Vorwoche. Die Notenbankerin sieht also die Gefahr einer Lohn-Preis-Spirale.

Manche Ökonomen und Währungshüter fürchten jedoch, das entschlossene Vorgehen der EZB könnte die ohnehin angeschlagene Konjunktur weiter schwächen. Sie plädieren daher für eine weichere Geldpolitik und weniger Dynamik im Zinserhöhungszyklus.

Befürworter einer strikten Geldpolitik wie etwa Bundesbank-Präsident Joachim Nagel, im Fachjargon „Falken“ genannt, verweisen dagegen auf die zweistelligen Inflationsraten und die schädlichen Effekte auf die Konjunktur. Diesen schwierigen Balanceakt muss die EZB meistern.

Wesentlicher Preistreiber im November ist einmal mehr Energie, die 34,9 Prozent mehr kostete als im Vorjahr. Allerdings hat sich die Dynamik reduziert. Im Oktober stiegen die Preise noch um 41,5 Prozent. Lebensmittel zogen um 13,6 Prozent an. Die Kerninflation, die schwankungsanfällige Preise für Energie und Lebensmittel ausklammert, lag mit 5,0 Prozent wie schon im Oktober auf Rekordniveau.

Am Aktienmarkt sorgten die neuen Inflationsdaten für moderaten Optimismus. Der deutsche Leitindex Dax legte bis zum Nachmittag leicht zu, genau wie das Marktbarometer für die Euro-Zone, der Euro Stoxx 50. Der Euro verteidigte gegenüber dem US-Dollar seine Tagesgewinne von zuletzt 0,4 Prozent.

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