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19.11.2021

14:30

Geldpolitik

Lagarde und deutsche Finanzelite streiten über Inflationsgefahren

Von: Andreas Kröner, Jan Mallien

Die EZB-Präsidentin hält den aktuellen Preisschub für vorübergehend und sieht keinen Bedarf für eine baldige Zinserhöhung. Deutsche Bankenvertreter widersprechen.

Die EZB-Präsidentin erteilt einer Zinswende im kommenden Jahr trotz der derzeit erhöhten Inflation erneut eine deutliche Absage. dpa

Christine Lagarde

Die EZB-Präsidentin erteilt einer Zinswende im kommenden Jahr trotz der derzeit erhöhten Inflation erneut eine deutliche Absage.

Frankfurt Schlagabtausch zwischen der EZB und der deutschen Finanzelite: Während die Vorstandschefs der größten deutschen Privatbanken auf einer Finanzkonferenz in Frankfurt eine Abkehr von der jahrelangen Niedrigzinspolitik fordern, sieht EZB-Präsidentin Christine Lagarde dafür aktuell keinen Bedarf.

„Wir dürfen uns angesichts von vorübergehenden und angebotsbedingten Inflationsschocks nicht zu einer frühzeitigen Straffung der Geldpolitik verleiten lassen“, sagte die Französin beim European Banking Congress. Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing widersprach umgehend. Er erwarte, dass der Teuerungsschub länger anhalten werde als von Notenbank voraussagt, sagte Sewing. „In dieser Hinsicht denke ich, dass eine Reaktion auch der Zentralbank früher kommen sollte, als wir gerade gehört haben.“

Die Preise steigen seit Monaten deutlich an. In Deutschland legten die Verbraucherpreise im Oktober um 4,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu – im Euro-Raum lag die etwas anders berechnete Inflationsrate bei 4,1 Prozent. Lagarde räumte ein, dass der aktuelle Preisschub vor allem Personen mit geringem Einkommen hart treffe. Eine vorzeitige Straffung der Geldpolitik würde aus ihrer Sicht aber „den Druck auf die Haushaltseinkommen nur verschlimmern“.

Die EZB-Präsidentin bekräftigte ihre Aussage, wonach sie eine Zinserhöhung im kommenden Jahr für unwahrscheinlich hält. Sie verwies darauf, dass sich Geldpolitik erst mit zeitlicher Verzögerung auf die Wirtschaft niederschlägt. Daher ist es aus ihrer Sicht nicht sinnvoll, auf einen vorübergehenden Inflationsschock zu reagieren. Ein solcher Schritt würde sich erst dann auf die Wirtschaft auswirken, wenn der Schock bereits vorüber sei. 

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    Zudem sieht Lagarde derzeit Angebotsengpässe als wichtigen Preistreiber, also zu geringe Produktionskapazitäten für bestimmte Güter wie Chips. Bei diesem Problem sei eine Straffung der Finanzierungsbedingungen eher kontraproduktiv.

    Entscheidung über Anleihekäufe im Dezember

    Laut Lagarde ist angesichts der beispiellosen Situation durch die Pandemie derzeit „schwer vorherzusagen, wann die aktuellen Inflationstreiber nachlassen werden“. Sie bekräftigte jedoch ihre Sicht, dass ein Großteil des Inflationssprungs durch Sonderfaktoren zu erklären ist, die sich im nächsten Jahr allmählich wieder abschwächen sollten.

    Ob der Inflationsanstieg vorübergehend ist oder länger anhält, spielt für den geldpolitischen Kurs der EZB eine entscheidende Rolle. Im Dezember entscheidet die Notenbank darüber, wie es mit ihren massiven Anleihekäufen im nächsten Jahr weitergeht. Einige Ratsmitglieder warnen vor Inflationsrisiken und drängen daher auf eine schnellere Straffung.

    Bundesbank-Präsident Jens Weidmann mahnte auf der Veranstaltung, die EZB dürfe sich nicht zu lange auf die derzeit sehr lockere geldpolitische Linie festlegen. Falls Inflationserwartungen und Löhne stärker steigen, sei weiterer Preisauftrieb möglich. „Es könnte durchaus sein, dass die Inflationsraten mittelfristig nicht wie bisher prognostiziert unter unser Ziel sinken,“ warnte er.

    Commerzbank-Chef rechnet mit herausforderndem Jahr 2022

    Große deutsche Geldhäuser sehen diese Gefahr ebenfalls. Aus Sicht von Deutsche-Bank-Chef Sewing sprechen mehrere Gründe für eine länger anhaltende, höhere Inflation. Die Ausbreitung der Delta-Variante des Coronavirus werde die globalen Lieferketten weiter beeinträchtigen und auf jeden Fall bis ins erste Halbjahr 2022 hinein zu inflationären Tendenzen führen, sagte Sewing. Zudem habe die Coronakrise fortwährende Folgen für den Arbeitsmarkt. „Es gibt Personalengpässe – in der Finanzbranche, aber auch in der Wirtschaft allgemein.“

    Darüber hinaus gebe es eine strukturelle Inflation, die oft unterschätzt werde. Die gestiegenen Anstrengungen für mehr Klimaschutz führten zu höheren Energiekosten. „Das wird auch über das Jahr 2022 hinaus so bleiben“, sagte Sewing, der auch Präsident des deutschen Privatbankverbands BdB ist. Für die europäischen Banken seien die Negativzinsen in der Euro-Zone ein Wettbewerbsnachteil gegenüber US-Geldhäusern, die von einem besseren Zinsumfeld profitierten.

    Commerzbank-Chef Manfred Knof beurteilt die Lage ähnlich. „Wir gehen davon aus, dass die Inflation bleiben wird und dass dies künftig eine Herausforderung darstellen wird.“ Viele Kunden der Commerzbank klagten über steigende Energiekosten.

    Darüber hinaus sei offen, wie stark die globalen Lieferengpässe und die vierte Coronawelle der deutschen Wirtschaft 2022 zusetzten. „Ich gehöre deshalb zu denjenigen, die davon ausgehen, dass es ein herausforderndes Jahr wird“, sagte Knof. Sorgen bereiteten ihm auch die wachsenden Spannungen zwischen dem Westen und China und protektionistische Trends in der Weltwirtschaft, schließlich seien viele deutsche Firmen stark vom Export abhängig.

    BNP-Chef findet „endlose Diskussion über Inflation“ fehl am Platz

    Deutlich positiver beurteilt Jean Lemierre, der Chef der französischen Großbank BNP, die Lage. Inflation bedeutete immer auch Wachstum, und das sei gut, sagte er. „Statt eine endlose Diskussion über Inflation zu führen, lasst uns über Wachstum diskutieren!“

    Viele seiner Kunden in Europa wollten investieren oder ihre Geschäftsmodelle anpassen. „Sie sehen die Zukunft positiv und sprechen nicht die ganze Zeit über Inflation und Kosten.“

    EZB-Präsidentin Lagarde führt den aktuellen Preisschub stark auf vorübergehende Faktoren zurück. Einer davon sind mechanische sogenannte Basiseffekte. So lag die Inflation im ersten Pandemiejahr 2020 im Euro-Raum bei lediglich 0,3 Prozent. Im Vergleich zu den sehr niedrigen Vorjahreswerten hat sie nun angezogen.

    Laut Schätzungen der Bundesbank hat in Deutschland außerdem die Rücknahme der Mehrwertsteuersenkung aus dem vergangenen Jahr in der zweiten Hälfte 2022 etwa 1,2 Prozentpunkte zur höheren Inflation beigetragen.

    Mehr als die Hälfte der Inflation auf Energiepreise zurückzuführen

    Mehr als die Hälfte des Preisanstiegs im Euro-Raum war zudem auf höhere Energiepreise zurückzuführen. Im Oktober stiegen diese um 23,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr – der höchste Anstieg seit Beginn der Währungsunion.

    Hier erwartet Lagarde, dass sich der Anstieg nicht im aktuellen Umfang fortsetzt. „Obwohl die Energiepreise in den kommenden Monaten voraussichtlich erhöht bleiben werden, sollten sie sich im Laufe des Jahres 2022 stabilisieren“, sagte sie. Dieses Muster sei in der Vergangenheit nach starken Anstiegen üblich gewesen. Die Preise für Öl, Gas und Strom am Terminmarkt würden bereits auf einen künftigen Preisrückgang hindeuten.

    Einen weiteren Grund für die derzeit hohe Inflation sieht die EZB-Präsidentin durch verändertes Konsumverhalten nach der Pandemie. Es gebe eine gewisse Verlagerung der Nachfrage von Dienstleistungen hin zu Industriegütern. Zum Beispiel hätten Leute ihre Mitgliedschaft im Fitnessstudio gekündigt und dafür mehr Trainingsgeräte für zu Hause gekauft. All diese Faktoren sind aus Sicht von Lagarde weitgehend temporär. Dagegen betonte sie, dass die Lohnentwicklung bisher weiterhin schwach ist. Das wird sich aus ihrer Sicht erst allmählich ändern.

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