Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

02.12.2022

11:41

Geldpolitik

Lagarde warnt vor zu starker Konjunkturförderung durch Haushaltspolitik

Lagarde betont, dass für ausbalanciertes Wachstum, Geld- und Fiskalpolitik Hand in Hand arbeiten müssten. Mitte Dezember entscheidet die EZB über ihren nächsten Zinsschritt.

Lagarde vermutete zuletzt, die Inflation habe ihren Höhepunkt noch nicht erreicht. Reuters

EZB-Präsidentin Christine Lagarde

Lagarde vermutete zuletzt, die Inflation habe ihren Höhepunkt noch nicht erreicht.

Brüssel, Frankfurt, Bangkok EZB-Präsidentin Christine Lagarde hat davor gewarnt, dass einige europäische Regierungen mit ihrer Haushaltspolitik die Nachfrage zu stark ankurbeln könnten. Der dadurch geschaffene Überhang an Nachfrage könnte die Geldpolitik zu einer stärkeren Straffung zwingen als sonst notwendig wäre, sagte Lagarde am Freitag auf einer Konferenz der thailändischen Notenbank und der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Bangkok.

„Bedauerlicherweise deuten derzeit zumindest manche der fiskalischen Maßnahmen, die wir bei vielen Regierungen in Europa und vor allem im Euro-Raum analysieren, in Richtung der letzteren Kategorie“, sagte sie. Geldpolitik und Fiskalpolitik müssten für nachhaltiges ausbalanciertes Wachstum Hand in Hand arbeiten.

Die EU-Kommission geht inzwischen davon aus, dass die Wirtschaft im Euro-Raum im vierten Quartal und im ersten Quartal 2023 schrumpfen wird. Zu den Gründen zählt sie hohe Energiepreise, Kaufkraftverluste bei privaten Haushalten, das schwächere globale Umfeld und striktere Finanzierungsbedingungen.

„Wir brauchen höhere Investitionen und Strukturreformen, um die Angebotsbeschränkungen zu beseitigen und sicherzustellen, dass das Produktionspotenzial nicht durch die sich verändernde Weltwirtschaft beschnitten wird“, sagte Lagarde. „Und das ist eine große Frage und eine Unsicherheit, die wir haben“, fügte sie hinzu.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Angesichts dieser „außergewöhnlicher Unsicherheit“ hat Christine Lagarde, Präsidentin der Europäischen Zentralbank, betont, dass die Inflationserwartungen der EZB stabil sein müssten. Die Öffentlichkeit müsse wissen, dass die Inflationsrate wieder auf das Zielniveau gebracht wird, wie Lagarde auf der Konferenz in Bangkok mitteilte.

    Wir müssen der Öffentlichkeit, den Beobachtern und den Kommentatoren signalisieren, dass die Inflation in allen Szenarien rechtzeitig zu unserem mittelfristigen Ziel zurückkehren wird. EZB-Präsidentin, Christine Lagarde

    „Wir Zentralbanker müssen eine Geldpolitik umsetzen, die die Erwartungen stabilisiert, damit die Erwartungen am Ziel festgemacht bleiben“, so Lagarde in Bangkok. „Wir müssen der Öffentlichkeit, den Beobachtern und den Kommentatoren signalisieren, dass die Inflation in allen Szenarien rechtzeitig zu unserem mittelfristigen Ziel zurückkehren wird“, führte sie aus. „Das ist das Beste, was wir im aktuellen Umfeld tun können.“

    Bei der EZB-Sitzung am 14. und 15. Dezember werden die Notenbanker entscheiden, ob sie eine dritte Zinserhöhung in Folge um 75 Basispunkte vornehmen oder das Tempo auf einen halben Punkt drosseln. Im November hat die Teuerung im Euroraum erstmals seit anderthalb Jahren nachgelassen. Sie betrug allerdings immer noch 10%.

    Der Chefvolkswirt der EZB, Philip Lane, betonte am Donnerstag bei einer Konferenz in Florenz, dass es einige Zeit dauere, bis der eingeleitete Zinserhöhungskurs der Währungshüter in der Wirtschaft seine volle Wirkung entfaltet. „Es gibt im Kern sehr schnell eine Eins-zu-Eins-Reaktion im Anleihemarkt“. Bei den Kreditzinsen der Banken dauere es dagegen ein Jahr. In drei Monaten spiegele sich etwa die Hälfte eines geldpolitischen Schrittes in den Kreditzinsen wider, in sechs Monaten etwa 80 Prozent. Etwa ein Jahr brauche es, bis dort der Schritt komplett angekommen sei.

    Inflationseindämmungen nicht vorzeitig stoppen

    „Wir dürfen nicht erwarten, dass die Geldpolitik sich sofort auf die Finanzierungsbedingungen auswirkt“, sagte der Chefvolkswirt. Die Geldpolitik bewirke aber, dass sich mit der Zeit die Finanzierungsbedingen hinreichend verschärfen, die Nachfrage gedämpft werde und sich der Preisdruck abschwäche.

    Anfang der Woche hatte Lagarde erklärt, sie wäre überrascht, wenn die Teuerung ihren Höhepunkt erreicht hätte. Einige ihrer EZB-Kollegen aus dem Falkenlager haben davor gewarnt, bei den Bemühungen zur Inflationseindämmung vorzeitig nachzulassen. Auch Chefvolkswirt Lane betonte, es werde einige Zeit benötigen, die Geldpolitik zu normalisieren. Lane wies zugleich aber auch darauf hin, dass die Realzinsen im Euro-Raum, in denen die Inflation berücksichtigt wird, bereits ziemlich deutlich gestiegen seien.

    Am Freitag warnte Lagarde, die Aussichten blieben noch einige Zeit ungewiss. „Wir machen eine sehr, sehr herausfordernde Zeit durch, in der sich der Boden unter unseren Füßen verschiebt“, sagte sie.

    Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

    Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

    Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

    ×