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16.10.2019

16:39

Geldpolitik

Österreichischer Notenbankchef Holzmann fordert grundlegenden Kurswechsel der EZB

Von: Jan Mallien, Hans-Peter Siebenhaar

Österreichs Notenbankchef Holzmann kritisiert die Niedrigzinspolitik der EZB als nicht nachhaltig. Große Hoffnungen setzt er in die designierte neue EZB-Präsidentin Lagarde.

Der 70-Jährige hat im September seinen Job als Chef der Oesterreichischen Nationalbank angetreten. Bloomberg

Robert Holzmann

Der 70-Jährige hat im September seinen Job als Chef der Oesterreichischen Nationalbank angetreten.

Wien In seinem Wiener Büro nimmt Robert Holzmann im Ledersessel unter einem Bild des populären Tiroler Malers Alfons Walde Platz. Die alpine Dorfszene hat es dem in der Obersteiermark aufgewachsenen Wirtschaftswissenschaftler angetan. Nach fünf Wochen an der Spitze der Oesterreichischen Nationalbank hat es sich der 70-Jährige in der imposanten Zentrale gemütlich eingerichtet. Zum Gesprächsauftakt macht sich der Ökonom eine Dose des inoffiziellen österreichischen Nationalgetränks Red Bull auf.

Im Interview mit dem Handelsblatt fordert der österreichische Notenbankchef einen grundlegenden Kurswechsel der Europäischen Zentralbank (EZB). „Ich plädiere dafür, zu überprüfen, ob das bisherige Paradigma der EZB noch richtig ist“, sagte das EZB-Ratsmitglied. In den vergangenen zehn bis 15 Jahren habe die neokeynesianische Sicht die Geldpolitik beherrscht.

Auch Notenbanker, die sich kritisch zu Wort gemeldet hätten, würden diese Sicht nicht infrage stellen – im Gegensatz zu Holzmann: „Bei mir ist es so, dass ich das Paradigma grundsätzlich infrage stelle.“ Er sei davon überzeugt, dass negative Zinsen keine nachhaltige Politik seien.

Holzmann wurde von der früheren rechtspopulistischen Regierungspartei FPÖ als Gouverneur der Oesterreichischen Nationalbank durchgesetzt und trat Anfang September sein Amt an. Von sich selbst sagt Holzmann, er habe den früheren FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache zum Euro bekehrt.

Der Notenbanker sieht unter der designierten neuen EZB-Präsidentin Christine Lagarde zudem die Möglichkeit, das Inflationsziel der EZB von unter, aber nahe zwei Prozent zu ändern. Die Chancen dafür stünden nicht schlecht. „Die Revision des Inflationsziels wird stattfinden.“

Im aktuellen wirtschaftlichen Umfeld habe es wenig Sinn, mit großem geldpolitischem Aufwand auf eine Inflation von knapp unter zwei Prozent zu kommen. „Diesen Ansatz der EZB halte ich für eine schlechte Politik“, sagte der 70-Jährige.

Holzmann kritisierte zudem, dass die nationalen Notenbanken zu wenig Einfluss auf die geldpolitischen Entscheidungen der EZB hätten. „Die Macht der EZB beruht in hohem Maße auf der Fähigkeit, mit ihren vielen Mitarbeitern in Frankfurt viele Papiere zu produzieren.“

Selbst für mittelgroße Notenbanken wie die Oesterreichische Nationalbank sei es unmöglich, alle Kommissionen der EZB personell zu bestücken. Von der designierten neuen EZB-Präsidentin Christine Lagarde fordert Holzmann ein Umsteuern: „Ich erwarte, dass Lagarde einen Prozess in der EZB startet, der die nationalen Notenbanken stark einbinden wird.“

Lesen Sie hier das gesamte Interview:

Herr Gouverneur, Österreich übt in der Politik häufig eine Vermittlerrolle aus. Aktuell ist die Geldpolitik der EZB sehr umstritten. Sehen Sie sich als Brückenbauer zwischen den unterschiedlichen Interessen der Notenbanker?
Ich bin neu im EZB-Rat und nicht mit den alten Denkmustern aufgewachsen. Dadurch kann ich neue Ideen einbringen

Gibt es zu viel Gruppendenken bei der EZB?
Meine Einschätzung ist, dass das neokeynesianische Paradigma von fast allen in der EZB akzeptiert ist.

Was meinen Sie genau?
In den letzten zehn bis fünfzehn Jahren hat die sogenannte neokeynesianische Sicht die Geldpolitik beherrscht. Das ist quasi die Heirat zwischen Keynesianismus und Finanzmarkt-Denken. Auf der einen Seite geht es darum, die Nachfragelücke in der Volkswirtschaft zu schließen. Auf der anderen Seite räumt man den Finanzmärkten eine sehr große Bedeutung ein, weil sie die geldpolitischen Impulse auf die Realwirtschaft übertragen sollen. 

Aus Ihrer Sicht teilen also fast alle in der EZB das neokeynesianische Paradigma. Auch diejenigen, die sich gegen das Lockerungspaket im September ausgesprochen haben?
Ja. Auch Notenbanker, die sich kritisch zu Wort gemeldet haben, stellen das Paradigma nicht infrage. Bei mir ist es so, dass ich das Paradigma grundsätzlich infrage stelle. Ich bin davon überzeugt: Negative Zinsen sind keine nachhaltige Politik. Ich will dazu ermutigen, dieses fragwürdige Paradigma zu überdenken.

Sehen auch andere Kollegen – zum Beispiel aus Mittel- und Osteuropa – das kritisch?
Ich nehme den Wunsch in einigen Ländern der Region nach einer Veränderung wahr. Aber niemand geht so weit wie ich und fordert einen Stopp des neokeynesianischen Paradigmas. Ich plädiere dafür, zu überprüfen, ob das bisherige Paradigma der EZB noch richtig ist. Wir dürfen nicht nur die kurzfristigen geldpolitischen Zinssätze betrachten, sondern müssen auch auf die langfristigen Folgen schauen.

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Was spricht aus Ihrer Sicht gegen Negativzinsen?
Nullzinsen oder gar Negativzinsen sind ein Sprung in den Hyperraum à la Star Trek. Bei einem Zinssatz von unter null greifen viele einfache ökonomische Mechanismen nicht mehr. Untersuchungen zeigen, dass Investoren anders reagieren, seit die Negativzinsen eingeführt wurden. Ich glaube, das Paradigma von negativen Zinsen stellt keine nachhaltige Politik dar.

Warum?
Dahinter steht der Glaube, dass Negativzinsen die Nachfrage erhöhen. Wenn ich mit Unternehmern und Konsumenten spreche, sehe ich dafür keine Anhaltspunkte. Weder investieren die Unternehmen wegen der Negativzinsen mehr, noch kaufen die Konsumenten mehr. Vielleicht kaufen die Konsumenten sogar weniger, weil sie mehr auf die Seite legen müssen, um ihr Sparziel zu erreichen. Es gibt also keine positiven Effekte auf die Nachfrage. Auf der anderen Seite gibt es aber weitere Verzerrungen bei den Vermögenspreisen.

Was meinen Sie genau?
Wegen der niedrigen Zinsen suchen Investoren verzweifelt nach Rendite. Dadurch steigen zum Beispiel die Preise für Gold oder Kryptowährungen. Außerdem wird ein Immobilienboom angefacht. Die Preise für Wohnungen und Mieten steigen und steigen. Das birgt die Gefahr, dass es zu Blasen in der Euro-Zone kommt, so wie wir es vor einigen Jahren in Irland oder Spanien mit schlimmen Folgen für die Volkswirtschaft erleben mussten. Außerdem drücken die niedrigen Zinsen die Produktivität und die Dynamik der Unternehmen.

Inwiefern?
Die extrem niedrigen Zinsen und die hohe Liquidität sorgen dafür, dass unprofitable Unternehmen mit schwacher Produktivität länger überleben. Dadurch wird eine Marktbereinigung verhindert, die sehr wichtig für die Dynamik der Volkswirtschaft ist. Wenn die Negativzinsen die Produktivität und das langfristige Wachstum verringern, dann sind weitere Zinssenkungen eher eine Todesspirale als eine Rettungsspirale.

Aber hängen die niedrigen Zinsen nicht auch damit zusammen, dass die Bevölkerung in den Euro-Ländern immer älter wird und dadurch die Produktivität und die langfristigen Wachstumsaussichten immer geringer werden?
Ja, die Geldpolitik darf nicht allein für die geringen Zinsen verantwortlich gemacht werden. Sie verstärkt vielleicht den Trend, den es ohnehin gibt. Aber als Notenbank können wir nur die kurzfristigen Zinsen festlegen. Der langfristige Zins hängt letztlich von den Wachstumsaussichten und der Produktivitätsentwicklung ab. Aus ökonomischen Gründen sollen die kurzfristigen Zinsen unter den langfristigen Zinsen liegen. Das heißt: Wenn die langfristigen Zinsen weiter sinken, kommen sie mit den kurzfristigen Zinsen schneller an die Nullgrenze. Daher kommen sie nicht umhin zu schauen, was die Mechanismen sind, um den langfristigen Zinssatz nach oben zu treiben. 

Welche sind das?
Es gibt weltweit einen großen Sparüberhang. Dieser hängt zum Beispiel damit zusammen, dass die Schwellenländer in den vergangenen Jahren viel weniger Kapital bekommen haben, als sie brauchten. In der Vergangenheit ist viel Kapital vom Norden in den Süden geflossen. Das funktioniert jetzt nicht mehr so wie in der Vergangenheit. Wir sollten zum Beispiel darüber nachdenken, wie wir Afrika unterstützen können, unser Überschusskapital zu verwenden und gleichzeitig dort Wohlstand aufzubauen und den Migrationsdruck zu verringern.

Aber lässt sich das Problem des Sparüberhangs nur dadurch lösen, dass man mehr Kapital exportiert?
Eine andere Möglichkeit ist, dass man mehr in die künftige Produktivität investiert, zum Beispiel durch Investitionen in Infrastruktur. Ich kann Ihnen keine ausgearbeitete modelltheoretische Alternative zur Verfügung stellen. Aber ich kann Ihnen eine Reihe von Dingen sagen, warum die aktuelle Politik nicht gut ist.

Sehen Sie die Negativzinsen kritischer als die Anleihekäufe? Ihr deutscher Amtskollege Jens Weidmann hatte mit den Negativzinsen weniger Probleme.
Ich sehe sowohl die Negativzinsen als auch die Anleihekäufe sehr kritisch. Durch das Anleiheprogramm wird es für Staaten noch leichter, sich zu verschulden. Zwangsläufig kommt es zu gefährlichen Verzerrungen. Zu welchen Problemen die Intervention der Notenbank am Anleihemarkt führen kann, zeigt sich aktuell in den USA. Dort musste die Federal Reserve stark eingreifen und dem Markt viel Liquidität zur Verfügung stellen, weil der frühere Interbankenmarkt ausgetrocknet war.

Die Anleihekäufe und die Negativzinsen sollen die Inflation im Euro-Raum wieder in Richtung der Zielmarke der EZB von unter, aber nahe zwei Prozent bringen. Sie haben sich für ein niedrigeres Inflationsziel von 1,5 Prozent ausgesprochen. Sehen Sie Chancen, dass sich unter der neuen EZB-Präsidentin Christine Lagarde etwas am Inflationsziel ändert?
Die Chancen dafür stehen nicht schlecht. Die Revision des Inflationsziels wird stattfinden. Im aktuellen wirtschaftlichen Umfeld macht es wenig Sinn, mit großem geldpolitischem Aufwand auf eine Inflation von knapp unter zwei Prozent zu kommen. Diesen Ansatz der EZB halte ich für eine schlechte Politik.

Ihr Vorvorgänger im Amt, Klaus Liebscher, und andere frühere Notenbanker wie Otmar Issing haben jüngst in einem Memorandum die Geldpolitik der EZB kritisiert. Teilen Sie die Position?
Ich halte es für sehr wichtig und richtig, dass so erfahrene Experten ihre Vorschläge öffentlich auf den Tisch legen. Ich habe das auch positiv öffentlich kommentiert. Der Seitenruf war nicht als Zwischenruf von Kermit in der Muppet-Show gedacht, sondern als sehr ernsthafte Unterstützung. Das war eine wichtige Botschaft.

Sie waren bisher externer Beobachter: Wie fällt denn Ihre Bilanz der Amtszeit von Mario Draghi aus?
Herr Draghi ist zu bewundern für seine Worte „Whatever it takes“, also die Aussage, alles innerhalb des Mandats Mögliche zu tun, um den Euro zusammenzuhalten. Zentralbanken müssen Liquidität bei einem Bankrun zur Verfügung stellen, aber auch bei einem Run am Anleihemarkt. Mit dieser Aussage hat er dafür gesorgt, dass die EZB von einer halben zu einer ganzen Zentralbank geworden ist. Ohne diese Handlung hätte es für den Euro nicht gut ausgesehen. Die Frage danach war aber, ob es dieser intensiven Senkungen des Zinses bedurft hat. Aus meiner Sicht jedenfalls nicht.

Kritiker sagen, die EZB sei unter Draghi zentralistischer geworden. Er würde die nationalen Notenbankchefs nicht genug einbeziehen. Wie sehen Sie das?
Die Macht der EZB beruht in hohem Maße auf der Fähigkeit, mit ihren vielen Mitarbeitern in Frankfurt viele Papiere zu produzieren. Selbst für mittelgroße Notenbanken wie die Oesterreichische Nationalbank ist es unmöglich, alle Kommissionen der EZB personell zu bestücken. Kleinere Notenbank haben überhaupt keine Chance mehr.

Ist denn das bei der US-Notenbank Federal Reserve (Fed) anders?
In den USA gibt es zwölf regionale Distrikt-Notenbanken, die sich die intellektuelle Freiheit erhalten haben, die Fed in Washington zu kritisieren. Auch die regionalen Notenbanken wie beispielsweise in St. Louis reden dort in der Geld- und Fiskalpolitik mit. Damit wird ein Gegengewicht zur Fed geschaffen, und es gibt einen intellektuellen Wettbewerb. In der Euro-Zone gibt es das so nicht. Die EZB zelebriert ihr Paradigma. Die Möglichkeit gegen dieses Paradigma aufzutreten geht gegen null. Keiner im EZB-Rat, nicht einmal die Bundesbank, hat die Ressourcen, ein Gegengewicht zu diesem Paradigma einzunehmen.

EZB-Chef Mario Draghi ist oft mit geldpolitischen Reden vorgeprescht und hat damit Erwartungen an den Märkten geweckt. Kritiker sagen, er hätte damit den Rat unter Druck gesetzt und vor vollendete Tatsachen gestellt. Wie sehen Sie das? 
Ich erwarte, dass Lagarde einen Prozess in der EZB startet, der die nationalen Notenbanken stark einbinden wird.

Der EZB-Rat wirkt nach außen zerstritten. Wird es für Draghis Nachfolgerin Christine Lagarde nicht schwer, das Gremium wieder zu einen?
Ich erkenne keine Zerstrittenheit im EZB-Rat. Jeder von uns will das Beste für Europa. Keiner hat die Wahrheit für sich gepachtet. Mein Diskussionsbeitrag soll nicht für Streit sorgen. Ich will zum rationalen Nachdenken anregen.

Ihr Vorgänger Ewald Nowotny hat auf eine enge Partnerschaft mit der Bundesbank und seine Freundschaft mit Jens Weidmann gesetzt. Werden Sie das fortsetzen?
Bevor ich den Job übernommen habe, bin ich privat nach Frankfurt geflogen, um mit Jens Weidmann zu sprechen. Das war mir persönlich wichtig. Ich rede aber auch mit anderen Kollegen in Spanien und Italien. Bedingt durch das eigene Land sehen wir Dinge bisweilen anders. Doch es ist eine gute Stimmung da, um die Währungspolitik unter Lagarde in eine neue Richtung zu treiben.

Sie wurden als Gouverneur der Oesterreichischen Nationalbank von der rechtspopulistischen FPÖ durchgesetzt. Ist das ein Nachteil für ein EZB-Ratsmitglied?
Es ist sicher kein Vorteil, von einer Partei unterstützt worden zu sein, die sich derzeit in einer schweren Krise befindet. Ich wurde zwar von der FPÖ vorgeschlagen, doch von der Regierung unter Kanzler Sebastian Kurz nominiert und von Bundespräsident Alexander Van der Bellen – übrigens mein früherer Professor an der Universität – ernannt. Jeder, der mich kennt, weiß: Ich war und bin Wirtschaftsliberaler. Daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern.
Herr Holzmann, vielen Dank für das Interview.

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