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25.07.2019

11:21

Geldpolitik

Wie Christine Lagarde in der EZB ankommt

Von: Thomas Hanke, Jan Mallien, Helmut Steuer

Viele Notenbanker reagieren positiv auf die künftige Chefin – doch es gibt auch Bedenken. Dabei geht es vor allem darum, dass Lagarde keine Ökonomin ist.

EZB: Wie Christine Lagarde in der EZB ankommt AP

Christine Lagarde

Am 1. November tritt die Französin die Nachfolge von Mario Draghi an der Spitze der EZB an.

Frankfurt Wenn Mario Draghi heute auf seiner Pressekonferenz die Ergebnisse der EZB-Ratssitzung vorträgt, wird er noch einmal im Fokus der Öffentlichkeit stehen. Es wird einer seiner letzten großen Auftritte im Amt als Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) sein. Ende Oktober tritt der Italiener nach acht Jahren Amtszeit ab – und die bisherige Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Christine Lagarde, tritt seine Nachfolge an.

Viele Reaktionen auf Lagarde sind positiv, es gibt aber auch Bedenken. Schließlich fehlt ihr die Erfahrung als Notenbankerin. „Ich schätze ihre Kompetenz und Integrität sehr“, sagte aber der finnische Zentralbankchef Olli Rehn dem Handelsblatt. Rehn war zehn Jahre lang Mitglied der Europäischen Kommission und während der Finanz- und Euro-Krise Kommissar für Wirtschaft und Währung. Aus dieser Zeit kennt er Lagarde gut.

Bei der EZB werde ihre „Erfahrung im Umgang mit dem breiten Portfolio politischer und länderspezifischer Fragen beim IWF zum Tragen kommen“, sagte der 57-Jährige. „Sie hat erstklassige Kommunikationsfähigkeiten bewiesen, die im Umgang mit Finanzmärkten, politischen Entscheidungsträgern und auch mit der Zivilgesellschaft wichtig sind.“

Auch EZB-Direktor Benoit Coeuré hatte Lagarde zuvor einzigartige Qualifikationen bescheinigt. „Sie weiß, wie die globale Wirtschaft funktioniert. Sie weiß, wie Europa funktioniert. Und sie weiß, wie man mit den Finanzmärkten kommuniziert“, hatte er kurz nach der Nominierung Lagardes gesagt.

Offiziell teilten die Währungshüter am Donnerstag mit, dass man keine Einwände gegen die Ernennung von IWF-Chefin Lagarde zur Nachfolgerin von EZB-Präsident Draghi habe. Lagarde sei anerkannt mit professioneller Erfahrung in den Themen Geldpolitik oder Banken.

Trotz des Lobes wird die Gemengelage für Lagarde im EZB-Rat nicht einfach. Draghi hat zuletzt eine weitere Lockerung der Geldpolitik in Aussicht gestellt und neben Zinssenkungen auch weitere Anleihekäufe ins Spiel gebracht. Dies dürfte bei Anhängern einer strafferen Geldpolitik wie dem niederländischen Notenbankchef Klaas Knot oder Bundesbank-Präsident Jens Weidmann auf wenig Begeisterung stoßen. Beide hatten sich zuletzt mit Kritik am Kurs der EZB zurückgehalten – wohl auch, um ihre Ambitionen auf die Draghi-Nachfolge nicht zu gefährden.

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Nachdem das Rennen nun entschieden ist, könnten sie öffentlich wieder schärfere Kritik üben. Hinzu kommt die Enttäuschung bei den Kandidaten, die es nicht geschafft haben. Der Franzose François Villeroy de Galhau musste erleben, dass Frankreichs Präsident Emmanuel Macron ihm Lagarde quasi vor die Nase setzt.

Gegenüber dem Handelsblatt erklärte er aber, dass die in Brüssel gefundene Einigung „eine sehr gute Nachricht“ sei und er Christine Lagarde gratuliere. Nach Jean-Claude Trichet und Mario Draghi werde sie „eine große Präsidentin der EZB“ sein. „Sie kann auf meine volle Unterstützung im EZB-Rat zählen“, sagte Villeroy de Galhau.

Wenn Spannungen auftauchen, dürfte sich Lagardes zugleich offener und auf Konsens bedachter Umgangston bewähren. Mario Draghi genießt zwar großen Respekt unter den Mitarbeitern der Notenbank und bei seinen Kollegen im EZB-Rat. Gleichzeitig gilt er aber auch als ungeduldig und als jemand, der oft in sich gekehrt ist und Entscheidungen eher im kleinen Kreis von Vertrauten trifft. Im Zweifel fällt er wichtige Beschlüsse auch ohne Einstimmigkeit im EZB-Rat. Lagarde dagegen wird nachgesagt, stärker auf andere Menschen zuzugehen. Möglicherweise gelingt es ihr, Kritiker einzubinden.

Ihre teamorientierte Art sollte auch im seit Jahren angespannten Verhältnis zwischen Mitarbeitervertretern und der EZB-Spitze helfen. Noch bevor feststand, wer Draghi im Amt beerbt, hatte die EZB-Mitarbeitergewerkschaft IPSO einen offenen Brief an seinen Nachfolger oder seine Nachfolgerin geschrieben. Darin kritisierte sie unter anderem „das Fehlen eines echten Sozialdialogs“.

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„Ich hoffe, dass sich durch Christine Lagarde etwas ändert,“ sagt Carlos Bowles, Vizepräsident der EZB-Mitarbeitergewerkschaft IPSO und langjähriger Personalratschef. „Sie ist dafür bekannt, Menschen zusammenzubringen, und ist möglicherweise offener, ihren Mitarbeitern zuzuhören.“ Beim IWF soll sich Lagarde beispielsweise regelmäßig mit Mitarbeitervertretern getroffen haben.

Viele Anhänger hat Lagarde unter den Frauen in der EZB. Aktuell ist unter den sechs Mitgliedern im EZB-Direktorium und den 25 Mitgliedern im EZB-Rat nur eine Frau, die Deutsche Sabine Lautenschläger. Daher freuen sich viele, dass die EZB nun erstmals von einer renommierten Frau geführt wird.

Vor schwierigen Aufgaben

Lagarde könnte die Strukturen in der Notenbank so verändern, dass es andere Frauen künftig leichter haben, Karriere zu machen. Dies ist ein sehr kontroverses Thema unter den Mitarbeitern. Die Notenbank will 35 Prozent der Management-Positionen mit Frauen zu besetzen. Umstritten sind nicht nur die Zielvorgaben, sondern vor allem auch die Frage, wie sie sich erreichen lassen.

Diskutiert wird in den EZB-Türmen auch darüber, dass die studierte Juristin Lagarde keine Ökonomin ist und bisher keine Erfahrung bei einer Notenbank gesammelt hat. Viele Mitarbeiter sehen das als Makel. Die EZB ist stark wissenschaftlich geprägt.

Auf ihren Konferenzen und in manchen fachlichen Diskussionen geht es bisweilen um komplexe mathematische Modelle. Kritiker sind überzeugt: Ihre neue Chefin muss diese verstehen. Andere sagen, dass es an der Spitze eher auf politische Fähigkeiten ankommt – gerade bei einer Notenbank, die für 19 Mitgliedsländer zuständig ist. Wichtiger sei, dass die neue Präsidentin gut zuhören könne.

Klar ist auf jeden Fall, dass Lagarde in Frankfurt vor schwierigen Aufgaben steht. „Die EZB wird in naher Zukunft mit mehreren Herausforderungen konfrontiert sein: schwache Inflation, unsichere wirtschaftliche Aussichten, geopolitische Spannungen und der Brexit, um nur einige zu nennen“, sagt der finnische Notenbankchef Olli Rehn. Er sei sich aber sicher, dass die Französin diese Aufgaben meistern wird: „In jedem Fall erwarte ich einen reibungslosen und erfolgreichen Übergang der EZB-Führung.“

Mehr: Frankreich will Kristalina Georgiewa als Chefin des IWF – obwohl sie zu alt ist. Sonst ist aber kein EU-Staat daran interessiert, die Altersgrenze abzuschaffen.

Kommentare (2)

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Herr MastoSk MastoSk

25.07.2019, 11:35 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Kommentare sind keine Werbeflächen“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

Herr Hans Schönenberg

25.07.2019, 11:39 Uhr

Sie soll ihre Chance bei mir haben; obwohl für mich Zweifel bestehen. Meiner Ansicht nach hat der Kauf von irren Mengen an Anleihen absolut nichts gebracht. Ebenso die Minuszinsen, die wahrscheinlich auch irgendwann den normalen Sparer mit seinen Rücklagen treffen wird. Null-Zinsen und Mini-Zinsen gibt es ja schon sehr lange. Aber besser als Draghi zu sein kann kein Kunststück sein.

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