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20.06.2019

18:25

Geldpolitik

Wie Fed und EZB die Märkte in Atem halten

Von: Andrea Cünnen, Katharina Kort, Ingo Narat, Anke Rezmer

Die US-Notenbank und die EZB bereiten Investoren auf neue Lockerungsrunden vor. Das drückt die Anleiherenditen nach unten und befeuert den Goldpreis.

Der Chef der US-Notenbank will „angemessen handeln“. AP

Jerome Powell

Der Chef der US-Notenbank will „angemessen handeln“.

Frankfurt, New York Fed-Chef Jerome Powell hat geliefert. Die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) hat zwar den Leitzins am späten Mittwochabend unverändert in einem Band zwischen 2,25 und 2,5 Prozent belassen. Aber Powell bereitete die Märkte auf Zinssenkungen im nächsten halben Jahr vor. Die US-Währungshüter wollen „angemessen handeln“, wenn die Abwärtsrisiken für die US-Konjunktur zunehmen.

Das Wort „handeln“ war die große Neuerung im Statement der Notenbank. „Powell hat die Tür für eine Zinssenkung im Juli weit geöffnet“, sagt Lee Ferridge, der beim US-Vermögensverwalter State Street Global Markets den Bereich Multi Assets leitet.

Die Märkte setzen schon länger darauf, dass die US-Währungshüter in diesem Jahr die Leitzinsen senken, und erwarten dabei sogar mehr als einen Zinsschritt nach unten. Das ist der Hauptgrund dafür, dass die Kurse an den Aktien- und Anleihemärkten in diesem Jahr bereits so deutlich gestiegen sind.

Und nicht nur Powell bringt sich in Stellung für eine Öffnung der Geldschleusen, sondern auch Mario Draghi, Chef der Europäischen Zentralbank (EZB). Am Dienstag hatte er mit seiner Rede beim Notenbankertreffen im portugiesischen Sintra die Rolle rückwärts der EZB angekündigt. Draghi signalisierte die Bereitschaft, im Kampf gegen niedrige Inflationsraten zu einer ultralockeren Geldpolitik zurückzukehren.

Dabei könnten auch die milliardenschweren Anleihekäufe, die die Notenbank erst in diesem Jahr gestoppt hat, wieder ins Spiel kommen. Zinssenkungen und Entlastungen für Banken sind ebenfalls möglich. Der Leitzins der EZB liegt seit mehr als drei Jahren bei null Prozent.

Für Übernachteinlagen bei der EZB müssen Banken mit einem Zinssatz von minus 0,4 Prozent quasi eine Gebühr zahlen. Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank hält Schritte der EZB für nötig, wenn sich die Inflationserwartungen in den kommenden Monaten weiter verringern. „Dann würde die EZB handeln“, sagt Kater. Er rechnet aber eher damit, dass die EZB wieder Anleihen aufkauft, als dass sie den Leitzins senkt.

Deutliche Reaktionen bei Anleihen

Auf die Kehrtwende der Notenbanken reagierten besonders die Anleihemärkte auffällig. Im Gegenzug zu den steigenden Kursen sackten die Renditen ab. Die Rendite der zehnjährigen deutschen Bundesanleihe markierte bereits nach der Draghi-Rede ein historisches Tief von minus 0,33 Prozent.

Nach der Fed-Sitzung am Mittwoch fiel dann die Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihe zum ersten Mal seit November 2016 unter die Marke von zwei Prozent.

Damit hätte noch im vergangenen November kaum jemand gerechnet. Damals war die Rendite zehnjähriger US-Papiere mit 3,3 Prozent auf den höchsten Stand seit mehr als sechs Jahren gestiegen. Investoren fürchteten zu dieser Zeit noch, dass die Fed die Leitzinsen zu schnell anheben und damit die Konjunktur abwürgen könnte.

Diese Ängste sind jetzt passé. Investoren setzen darauf, dass die US-Notenbank die Wirtschaft stützt – die vor allem durch den von US-Präsident Donald Trump angezettelten Handelsstreit geschwächt wird. Dabei sind die Unsicherheiten mit Blick rund um den Handelsstreit ein weiterer Auslöser für die Rally der amerikanischen, aber auch der deutschen Staatsanleihen.

Die Zinspapiere gelten als sicherer Anlagehafen in Krisenzeiten. Das gilt auch für Gold. Der Preis für eine Feinunze (31,1 Gramm) des Edelmetalls schnellte am Donnerstag um bis zu drei Prozent auf 1 386 Dollar in die Höhe und kostete damit so viel wie seit fünf Jahren nicht.

Aktienmärkte unentschieden

An den Aktienmärkten war die Reaktion nicht ganz so eindeutig. Nach der Draghi-Rede legten Börsen diesseits und jenseits des Atlantiks kräftig zu. Am Mittwoch gab es wenig Bewegung, erst am Donnerstag ging es mit den Kursen wieder bergauf, der Dax erreichte sogar zwischenzeitlich ein neues Jahreshoch, der S&P 500 ein Allzeithoch.

Allerdings waren die absoluten Kursbewegungen an Fronleichnam nicht auffällig hoch, und das hat gute Gründe. Denn die Abkühlung der Konjunktur, die sich auch in den sinkenden Inflationsraten zeigt, können die Notenbanken nur begrenzt aufhalten.

„Den Währungshütern geht langsam die Munition im Kampf gegen zu niedrige Inflationsraten aus“, meint Deka-Chefvolkswirt Kater. Auch Hans-Joachim Reinecke, Chef des Fondshauses Union Investment, bezweifelt, dass die Notenbanken die Aktienmärkte dauerhaft stützen können.

Was die Investoren vor allem verunsichert, sind die Machtspiele der Politik – vor allem der von US-Präsident Trump angezettelte Handelsstreit. Entscheidend wird hier – zumindest nach Ansicht von Sébastian Galy, Makrostratege beim Vermögensverwalter Nordea Asset Management – der G20-Gipfel Ende des Monats sein.

Galy fürchtet, dass die Gespräche zwischen Trump und Chinas Staatspräsident Xi Jinping scheitern werden. Die angedrohte Ausweitung der US-Zölle auf alle chinesischen Waren würde dann voraussichtlich zu einer Abwertung der chinesischen Währung führen, meint Galy.

Furcht vor Währungskrieg

An einer Abwertung des Yuans ist Trump aber nicht gelegen. Er wettert seit Monaten gegen die Aufwertung des US-Dollars und macht dafür auch Fed-Chef Powell verantwortlich. Ein starker Dollar erschwert die Exporte der USA. Seit Februar vergangenen Jahres hat der Dollar allein gegenüber dem Euro rund elf Prozent zugelegt. Es ist kein Geheimnis, dass der US-Präsident den von ihm ernannten Fed-Chef am liebsten austauschen würde.

Auch die geldpolitische Wende der EZB bringt den US-Präsidenten in Rage. „Mario Draghi kündigte gerade an, dass weitere Impulse kommen könnten, die den Euro gegenüber dem Dollar sofort fallen ließen“, twitterte der US-Präsident kurz nach der Draghi-Rede in Sintra. Dies sei unfair gegenüber den USA. Mit den Währungsabwertungen seien die Europäer „seit Jahren durchgekommen – zusammen mit China und anderen.“

Solche Aussagen schüren Ängste vor einem Währungswettlauf, also einem Abwertungswettbewerb der Nationen. Peter Chattwell, Zinsexperte der japanischen Bank Mizuho, hält diesen bereits seit dem späten Mittwoch für eingeläutet: „Das Fed-Treffen bringt einen weltweiten Währungskrieg in unser zentrales Szenario.“ Chattwell fürchtet einen „Abwärtswettlauf für den weltweiten Zinsmarkt, einen Abwärtswettlauf für die Währungskurse.“

Powell dagegen bemüht sich um Nüchternheit. Er betonte, dass die Fed unabhängig von der EZB handle. „Alle Zentralbanken sind fokussiert auf ihre heimischen Standpunkte“, stellte Powell klar. Die Fed sei auf ihren Ausblick konzentriert und nicht auf die Aktivitäten der anderen Zentralbanken.

Feststehen dürfte aber: Die Politik und die Notenbanken werden die Investoren an den Märkten weltweit noch lange in Atem halten.

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