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30.03.2020

16:28

Helmut Schleweis im Interview

Sparkassen-Präsident warnt: Viele Unternehmen bekommen keine Förderkredite

Von: Andreas Kröner, Elisabeth Atzler

Die Coronakrise bringt Unternehmer in Not. Doch viele Firmen können auf staatliche Programme nicht zugreifen, sagt DSGV-Präsident Helmut Schleweis. Er fordert weitere Hilfen.

Die Politik muss zusätzliche Maßnahmen beschließen, sagt der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes. dpa

Helmut Schleweis

Die Politik muss zusätzliche Maßnahmen beschließen, sagt der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes.

Frankfurt Sparkassenpräsident Helmut Schleweis schlägt Alarm. Viele Unternehmen, die in der Coronakrise am dringendsten Hilfe benötigten, könnten auf die Stützungsprogramme von Bund und Ländern nicht zugreifen, warnt er im Handelsblatt-Interview. „Manchen Unternehmen wird man mit den bestehenden Förderprogrammen nicht helfen können.“

Im Rahmen des Kreditprogramms der staatlichen Förderbank KfW könnten nur solche Unternehmen Darlehen erhalten, bei denen davon auszugehen sei, dass sie den Kredit innerhalb von fünf Jahren voraussichtlich auch zurückzahlen könnten, sagte Schleweis. „Bei vielen Firmen aus Branchen, die unter der Coronakrise besonders stark leiden, ist dies aktuell nicht der Fall.“

Betroffen seien vor allem Unternehmen, die sehr stark von laufenden Umsätzen lebten und geringe Rücklagen hätten. Dazu zählten etwa Firmen aus den Bereichen Gastronomie, Hotels, Eventmanagement, Catering sowie aus den Sektoren Reise, Verkehr, Logistik, Touristik und Luftfahrt.

Diese Unternehmen bekämen häufig keine Förderkredite, „obwohl sie über ein funktionierendes Geschäftsmodell verfügen, wenn die Wirtschaft nach der Coronakrise wieder anläuft“, sagte Schleweis. „Denn sie können den in der Krise entgangenen Umsatz im Gegensatz zu vielen Produktionsunternehmen nicht nachholen. Ein Hotelbett kann man pro Nacht schließlich nur einmal vermieten.“

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    Wenn solche Unternehmen nicht durch das Raster fallen sollen, muss die Politik aus Sicht von Schleweis zusätzliche Maßnahmen beschließen. „Für solche Unternehmen sind andere Hilfen als Kredite nötig, um die Coronakrise zu überbrücken“, so Schleweis. „Denkbar wären direkte Zuwendungen des Staates.“ Eine andere Option seien 100-prozentige Garantien für Kredite, die erst in sehr ferner Zukunft zurückgezahlt werden müssten. Im Rahmen des KfW-Kreditprogramms übernimmt der Staat aktuell 80 bis 90 Prozent der Haftung.

    Das Wort des DSGV-Chefs hat Gewicht. Die 378 Sparkassen sind Marktführer im Geschäft mit kleinen und mittelständischen Firmen in Deutschland. Ende vergangenen Jahres hatten die Institute Kredite von 444 Milliarden Euro an Unternehmen vergeben, zudem 364 Milliarden Euro an Privatpersonen.

    Lesen Sie hier das komplette Interview:

    Herr Schleweis, viele Unternehmen kommen angesichts der Coronakrise in Existenznot. 20 Prozent der deutschen Firmen fürchten sogar die Insolvenz. Wie groß ist die Not bei Ihren Kunden?
    Bei den Sparkassen gab es im Zuge der Coronakrise bisher rund 300.000 Anfragen von Firmenkunden. Etwa in der Hälfte der Fälle konnten wir zusammen mit den Unternehmen bereits eine erste Lösung finden.

    Reißen sich die Unternehmen vor allem um die Förderprogramme von Bund und Ländern?
    Dieser Eindruck entsteht bisweilen in der Öffentlichkeit, ist aber noch verfrüht. Bisher ging es in den meisten Fällen um den Umgang mit bestehenden Krediten. In sehr vielen Fällen haben die Sparkassen die Tilgungen und Zinszahlungen für Darlehen für mehrere Monate ausgesetzt. Darüber hinaus haben Tausende Unternehmen ihre bestehenden Kreditlinien gezogen und sich so zusätzliche Liquidität gesichert. Aber natürlich sprechen wir mit den Kunden auch über die staatlichen Förderprogramme.

    Im Rahmen eines Sonderkreditprogramms der KfW übernimmt der Staat abhängig von der Unternehmensgröße 80 bis 90 Prozent der Haftung. Zudem ist der Zinssatz verbilligt. Beantragt, abgewickelt und ausbezahlt werden die Mittel aber über die Hausbank. Welche Erfahrungen haben die Sparkassen mit diesem Programm bisher gemacht?
    Die meisten Unternehmen wissen, dass sie es hier mit Kreditprogrammen zu tun haben, sprich die Mittel zurückgezahlt werden müssen. Viele Unternehmen wägen deshalb noch ab, ob das Programm zu ihrem Bedarf passt, und diskutieren die Lage erst einmal mit ihrem Steuerberater. Ein Beispiel einer Sparkasse, mit der ich kürzlich gesprochen habe: Sie hat 850 Anfragen von Unternehmen erhalten, aber bisher lediglich zehn konkrete Kreditanträge an die KfW. Bei vielen anderen Häusern sieht es ähnlich aus.

    Warum ist das Interesse so gering?
    Das KfW-Programm ist erst vor einer Woche finalisiert worden. Ich bin mir sicher, dass die Zahl der Kreditanträge für die verschiedenen Förderprogramme von Bund und Ländern noch exponentiell ansteigen wird. Klar ist aber auch: Manchen Unternehmen wird man mit den bestehenden Förderprogrammen nicht helfen können.

    Berlins Wirtschaftssenatorin Ramona Pop hat von den Banken mehr Engagement bei der Bekämpfung der Corona-Folgen gefordert. „Ein Risiko von zehn Prozent kann man schon mal in die Bücher nehmen“, findet sie.
    Jedem, der sich in diesen Tagen politisch äußert, muss eines klar sein: Die KfW und auch die meisten Landesförderinstitute haben Kreditprogramme aufgelegt. Zuschüsse werden nur an Soloselbstständige und Kleingewerbetreibende vergeben. Das bedeutet, dass bankübliche Standards und eine Kredit- und Risikoprüfung durch die Hausbank zwingend vorgeschrieben sind. Die Risikoprüfung der Hausbank muss sich auf 100 Prozent des Kreditvolumens beziehen und nicht nur auf einen Haftungsanteil von zehn oder 20 Prozent. Wenn wir dies nicht ordnungsgemäß im Rahmen der Förderrichtlinien tun, wird die KfW eine Haftungsübernahme ablehnen. Das scheint nicht jedem bewusst zu sein, der sich derzeit öffentlich äußert.

    Warum ist das KfW-Kreditprogramm für viele Firmen ungeeignet?
    Kredite im Rahmen des KfW-Programms können nur Unternehmen erhalten, bei denen davon auszugehen ist, dass sie das Darlehen innerhalb von fünf Jahren auch zurückzahlen können. Bei vielen Firmen aus Branchen, die unter der Coronakrise besonders stark leiden, ist dies aktuell nicht der Fall. Das betrifft vor allem Unternehmen, die sehr stark vom Cashflow, also laufenden Umsätzen, leben und ausgefallene Geschäfte kaum nachholen können.

    Auf Firmen aus welchen Branchen spielen Sie an?
    Bei Gastronomie, Hotels, Eventmanagement, Catering sowie in den Sektoren Reise, Verkehr, Logistik, Touristik und Luftfahrt leben viele Unternehmen von ihrem laufenden Umsatz, die Margen sind relativ niedrig. Häufig haben solche Unternehmen auch relativ wenig Rücklagen. Bei diesen Unternehmen bestehen oft Probleme mit den bestehenden Kreditprogrammen, obwohl sie über ein funktionierendes Geschäftsmodell verfügen, wenn die Wirtschaft nach der Coronakrise wieder anläuft. Denn sie können den in der Krise entgangenen Umsatz im Gegensatz zu vielen Produktionsunternehmen nicht nachholen. Ein Hotelbett kann man pro Nacht schließlich nur einmal vermieten.

    Was können Sie tun, um solchen Firmen zu helfen?
    Man muss ein Problem sehen: Am einfachsten können die Unternehmen Förderkredite bekommen, die sie am wenigsten benötigen. Für Förderkreditprogramme häufig nicht geeignet sind die Unternehmen, die aktuell gerade am dringendsten Hilfe benötigen. Für solche Unternehmen sind andere Hilfen als Kredite nötig, um die Coronakrise zu überbrücken. Denkbar wären direkte Zuwendungen des Staates. Eine andere Option wären 100-prozentige Garantien für Kredite, die erst in sehr ferner Zukunft zurückgezahlt werden müssen.

    Einige Bankenvertreter haben mit der KfW und der Politik intensiv darüber diskutiert, ob der Staat bei Hilfskrediten 100 Prozent der Haftung übernehmen soll. Wäre das eine Lösung?
    Bei einer Staatshaftung von 100 Prozent würden wir nicht mehr über einen normalen Kreditprozess sprechen, da wären wir schon beinahe im Bereich der Zuwendung. Das kann eine Option sein. Dort müsste man dann allerdings die Hausbanken von den engen Fesseln der normalen Kreditvergabeprozesse befreien.

    Grafik

    Einige Familienunternehmer kritisieren, dass sie für einen Förderkredit mit ihrem privaten Vermögen haften sollen, also auch mit ihrem Haus und der Altersvorsorge. Können Banken davon in der Coronakrise nicht absehen?
    Offensichtlich haben manche die politische Kommunikation so verstanden, dass der Staat für alles hafte. Das ist aber nicht der Fall. Die staatlichen Förderinstitute verlangen von den Hausbanken bei Förderkrediten, dass sie bankübliche Standards einhalten. Deshalb sind Mithaftungen etwa der Unternehmer keine Idee der Hausbanken, sondern branchenübliche Kreditvergabestandards.

    Direkte staatliche Hilfen, die nicht zurückgezahlt werden müssen, gibt es für kleine Gewerbetreibende und sogenannte Soloselbstständige. Wie läuft dieses Programm?
    Das Ganze ist auf Ebene der Bundesländer geregelt und funktioniert sehr unterschiedlich. In Bayern, Baden-Württemberg oder auch Brandenburg etwa klappt es hervorragend. Förderinstitute in einzelnen Bundesländern waren auf die Flut der Anträge dagegen strukturell noch nicht ausreichend vorbereitet. Wir rechnen aber damit, dass dort in den nächsten Tagen nachgearbeitet wird und dass die Soloselbstständigen bundesweit unkompliziert Geld erhalten.

    Wie gehen die Sparkassen mit den Zuschüssen um?
    Sobald wir eine Bestätigung der zuständigen Landesbehörde haben, zahlen wir das Geld unbürokratisch aus. Wir werden sicherstellen, dass die staatlichen Zuschüsse nicht mit möglichen Zahlungsrückständen bei den Sparkassen verrechnet werden. Sie stehen den Kunden somit in vollem Umfang zur Verfügung. Wir arbeiten gerade mit Hochdruck daran, das technisch sicherzustellen.

    Auch viele Privatkunden geraten durch die Coronakrise finanziell in Bedrängnis. Wie gehen Sie damit um?
    Die Sparkassen bieten Privatkunden bereits seit dem 26. März an, die Tilgung von Darlehen auszusetzen. Das gilt für Ratenkredite genauso wie für Immobilienfinanzierungen. Voraussetzung ist, dass durch Corona Einnahmen ausgefallen sind und die Kunden nicht anderweitig zahlen können. Wir vertrauen unseren Kunden, dass sie dieses Instrument nicht zweckwidrig einsetzen. Die Kunden müssen online lediglich zwei Fragen per Klick beantworten. Bis heute – Montagvormittag – haben von dieser Möglichkeit 124.000 Menschen Gebrauch gemacht. Für viele ist das eine große Entlastung.

    Der Verband der PSD Banken hat gefordert, die Politik solle nicht nur Selbstständigen mit nicht rückzahlungspflichtigen Zuschüssen helfen, sondern auch Privatpersonen und Familien. Was halten Sie davon?
    Je mehr Menschen in Lohn und Brot bleiben, desto weniger müssen sich finanzielle Sorgen machen. Priorität muss deshalb haben, Wirtschaft und Unternehmen zu stabilisieren. Ich will ohnehin sagen, dass die Programme der deutschen Politik richtig und beispiellos sind. Wenn es in Teilen noch hakt, ändert das nichts an deren Richtigkeit. Dann muss man schnell nachjustieren.

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    Unternehmen reagieren auf die Krise unterschiedlich. Adidas, Puma, H&M und Deichmann haben angekündigt, in der Coronakrise die Mietzahlungen auszusetzen. Gibt es bei den Sparkassen ähnliche Überlegungen?
    Mietzahlungen aussetzen – bei Sparkassen? (lacht) Das halte ich für ausgeschlossen. Die Notmaßnahmen der Politik zielen doch immer auf diejenigen in unserer Gesellschaft, die sich selbst aktuell nicht helfen können. Ich halte es für unmöglich, wenn das als Einladung ausgelegt wird, nicht mehr zu seinen eingegangenen Verpflichtungen zu stehen. Gesellschaftliche Verantwortung und Solidarität in dieser Zeit bedeutet, das zu leisten, was man selbst leisten kann.

    Wie hoch werden die Belastungen für die Sparkassen durch die Coronakrise ausfallen?
    Das kann man aktuell nicht seriös beurteilen. Die Sparkassen haben die vergangenen guten zehn Jahre genutzt, um ihre Vorsorgereserven aufzustocken und so für schwere Zeiten gerüstet zu sein. Dieses Polster brauchen wir jetzt und können auch in der Krise das tun, wofür wir da sind: unseren Kunden helfen.

    Sollen oder müssen Sparkassen in Krisenzeiten im Notfall auch mal rote Zahlen hinnehmen, um Unternehmen zu helfen?
    Es ist nicht unser Ziel, rote Zahlen zu schreiben, aber man kann das auch nicht ausschließen. Wir sind in einer Situation, wo wir jeden Tag exponentiell dazulernen und die Lage immer wieder neu einschätzen müssen.

    Die Lage des Sparkassensektors war schon vor der Coronakrise angespannt. Jetzt kommen die Belastungen durch die Coronakrise dazu. Viele Reformbemühungen wie die Schaffung eines Zentralinstituts wurden erst mal auf Eis gelegt. Wie schlecht ist es um den Sparkassensektor bestellt?
    Jetzt ist nicht die Zeit, sich um unsere internen Strukturen zu kümmern. Jetzt brauchen unsere Kunden unsere Hilfe – das und nur das hat Priorität. Der Einsatz der Mitarbeiter ist derzeit enorm – in den noch geöffneten Filialen, im Homeoffice und teilweise mit paralleler Kinderbetreuung. Und das Zusammengehörigkeitsgefühl in der Sparkassenfamilie ist beeindruckend. Wir werden aber nach der Krise nicht in der gleichen Welt ankommen, aus der wir gestartet sind. Es wird schwer werden, aber ich bin sicher: Wir werden das Coronavirus besiegen. Danach haben wir wahrscheinlich auch noch einen klareren Blick, was unsere Kunden brauchen und wie wir unsere Gruppe daraufhin weiterentwickeln müssen. Dass es dann großen Weiterentwicklungsbedarf gibt, steht für mich außer Frage. Der Sparkassensektor ist wirtschaftlich stabil und bereit, sich auf die zukünftigen Bedürfnisse der Kunden einzustellen.

    Herr Schleweis, vielen Dank für das Interview.

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