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09.11.2019

16:32

Alternative zur Metropole

Neue Landlust für Stadtmenschen

Von: Matthias Streit

In den Städten fehlen die Wohnungen, auf dem Land herrscht viel Leerstand. Warum es schwer ist, dieses Potenzial zu nutzen, und welche Ideen schon umgesetzt werden.

Teams von Start-ups bis Dax-Konzernen buchen sich meist wochenweise in der Mischung aus Coworking-Space und Rückzugsort ein. Coconat, Tilman Vogler

Coconat

Teams von Start-ups bis Dax-Konzernen buchen sich meist wochenweise in der Mischung aus Coworking-Space und Rückzugsort ein.

Erfurt Der Weg zu Janosch Dietrich führt durch abgeerntete Felder vorbei an herbstlich bunten Bäumen. Nur rund 80 Bewohner leben in dem Dorf, Klein-Glien, anderthalb Zug- und Busstunden vom Berliner Hauptbahnhof entfernt. Dietrich hat hier mit dem „Coconat“ eine Mischung aus Coworking-Space und Rückzugsort geschaffen.

Teams von Start-ups bis Dax-Konzernen buchen sich meist wochenweise ein. Dietrich nennt es „Workation“, Arbeitsurlaub. Das Publikum ist international.

Zwischen den Arbeitsplätzen stehen Sofas, asiatische Statuen, ein Klavier. Im „Cow-Working“-Space gibt es Barhocker in Kuhlederoptik auf Kunstwiese. Im Obergeschoss wird geschlafen, im Sommer auch im Garten im Zelt. Es gibt einen kleinen Künstlerladen, Yogakurse, ein Massageangebot, eine Sauna, Wanderwege über das Grundstück.

Hier will Dietrich, der die meiste Zeit seines Lebens in Berlin verbracht hat, seinen Gästen die Vorzüge des Landlebens näherbringen. Er selbst wohnt im Nachbardorf. Gut ein Dutzend einstiger Gäste haben sich in der Gegend angesiedelt.

Vor Kurzem hat das Land Brandenburg die Region zum „Smart Village“ auserkoren. Brandenburg erhofft sich Ideen, die die Menschen aufs Land locken. Auch die Bundespolitik dürfte sich freuen, wenn der Plan aufgeht.

In den Großstädten fehlen Millionen Wohnungen. Die Mieten steigen. Politiker reagieren empört bis populistisch, weil die Wohnkostenbelastung wächst. Dabei könnte die Lösung ganz einfach sein: Auf dem Land gibt es Leerstand und Platz en masse, „Raumwohlstand“, wie es Dietrich nennt.

Seit 2010 haben sich die Kaufpreise von Wohnungen in einigen Metropolen verdoppelt. Die Zahl der Ersterwerber sinkt seit Jahren. Leisteten sich 2010 noch rund 550.000 Haushalte ihr erstes Wohneigentum, waren es 2017 weniger als 400.000, zeigt eine Analyse des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW).

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Während die Bundesregierung in dieser Legislaturperiode 1,5 Millionen Wohnungen bauen will, stehen auf dem Land fast zwei Millionen leer. Grundstücke auf dem Land sind günstiger als in der Stadt.

„Die Dörfer können eine Antwort auf die überhitzten Ballungszentren sein, aber dafür müssen wir sie stärken“, kommentierte Agrarministerin Julia Klöckner (CDU) im Juli die Ergebnisse der Kommission „Gleichwertige Lebensverhältnisse“. Laut der Interhyp-Wohntraumstudie möchte die Hälfte der Deutschen auf dem Land wohnen, nur 19 Prozent wollen in Großstädten leben.

Digitaler Anschluss

Die Realität sieht anders aus. Zwischen 1995 und 2017 haben Landgemeinden und Kleinstädte mehr Einwohner verloren als gewonnen. Mecklenburg-Vorpommern versucht mit Busausflügen ins Grüne, eine potenzielle Lehrerschaft zu gewinnen. Sachsen geht mit einem Förderprogramm in Ungarn auf die Suche nach künftigen Landärzten. Görlitz in der Lausitz lässt Menschen vier Wochen lang Probe wohnen.

Dass Anspruch und Wirklichkeit derart auseinanderklaffen, überrascht Tobias Koch nicht. „Die Menschen ziehen eben dorthin, wo es Arbeit gibt“, sagt der Bereichsleiter für Region & Standort bei Prognos. Firmen ziehen jedoch selten um. Und wenn doch, dann in Regionen, wo sie Fachkräfte finden – und das sei auf dem Land heute meist das größte Problem.

Dass Neugründungen das Blatt wenden könnten, scheint eine verwegene Hoffnung. Rund 16 Prozent aller neu gegründeten Start-ups kamen 2018 aus Berlin, zeigt eine Analyse der Wirtschaftsprüfer von KPMG. Elf Prozent entfielen auf die Metropolregion Rhein-Ruhr. Bundesländer wie Thüringen, Brandenburg oder auch das Saarland schafften es nur knapp über jeweils ein Prozent.

Dennoch gibt es eine Reihe von Menschen, die aufs Land ziehen. Eine Analyse des Thinktanks Neuland21 zeigt: Auffallend viele der neuen Landbewohner arbeiten in Wissens- und Kreativberufen – von Programmierern und Grafikdesignern über Architekten und Journalisten bis hin zu Sozialwissenschaftlern oder Kulturmanagern.

Ihr Vorteil: Sie können einen Großteil ihrer Arbeit überall erledigen. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) stellte 2016 fest, dass es bei 40 Prozent der Beschäftigten die Möglichkeit gebe, im Homeoffice zu arbeiten. Doch nur zwölf Prozent der Beschäftigten nutzten dies.

„Einerseits bleibt die Frage, ob Deutschland jemals von der Präsenzkultur wegkommt. Andererseits brauchen wir einfach eine bessere digitale Infrastruktur“, glaubt Silvia Hennig, Gründerin von Neuland21. „Der Anschluss an die digitale Autobahn sollte heute so selbstverständlich sein wie der Anschluss an das Strom- und Wassernetz.“

Eigentlich sollten schon Ende 2018 alle Haushalte Zugang zu schnellem Internet mit einer Geschwindigkeit von mindestens 50 Megabit pro Sekunde (Mbit/s) haben. Tatsächlich waren es 88 Prozent. Und der Glas‧faserausbau stockt: Erst 3,2 Prozent der stationären Breitbandanschlüsse in Deutschland sind laut OECD im Juni 2018 mit einem Glasfaserkabel verbunden gewesen. Der OECD-Schnitt liegt bei 30 Prozent.

Auch für Dietrich vom Coconat waren 50 Mbit eine Grundvoraussetzung für seine Ansiedlung in Klein-Glien. Das Smart-Village-Projekt soll die guten Voraussetzungen nutzen. Bislang enthält die Ideensammlung über 20 Projekte, vom Bürgerjournalismus über eine Mitfahrzentrale bis zur Gemeinde-App, die Nachrichten, Veranstaltungen oder den Abfallkalender bündelt. Künftig sollen darüber auch öffentliche Dokumente wie der Führerschein beantragt werden können. Wer Förderung will, muss Fördermöglichkeiten für sein Projekt selbst prüfen. Das Smart Village ist vielmehr ein Sammelbegriff.

Hier soll den Gästen die Vorzüge des Landlebens nähergebracht werden. Coconat, Steffen Lehmann

Coconat

Hier soll den Gästen die Vorzüge des Landlebens nähergebracht werden.

Digitale Infrastruktur allein hilft nicht, wenn die Verkehrs- und die soziale Infrastruktur wegzubrechen drohen. In den ostdeutschen Flächenländern musste seit Mitte der 1990er-Jahre mehr als ein Drittel der Grundschulen schließen. Betroffen waren davon vor allem Dörfer, in denen die Zahl der Schulanfänger infolge von Abwanderung und Alterung stark rückläufig war, heißt es in der Studie „Urbane Dörfer“ von Neuland21.

Bricht die Daseinsvorsorge weg, ist die für Deutschland so typische „polyzentrale Struktur massiv in Gefahr“, sagt Reiner Nagel, Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur. Deutschland hat im Gegensatz zu beispielsweise Großbritannien nicht ein Wirtschaftszentrum schlechthin, sondern viele über das Land verteilte Knotenpunkte.

Nagel ist überzeugt, dass der ländliche Raum die Großstädte entlasten kann, sofern es Mindeststandards sozialer Versorgung gibt. Wichtig sei, dass es in einem Oberzentrum der Region Infrastruktur vom Krankenhaus über Schulen bis zur Kultur gebe. Gerade die Ortskerne müssten gestärkt werden, um wieder Begegnungsorte zu schaffen.

Vor allem ältere Generationen und junge Menschen mit temporärem oder spezifischem Wohnbedarf treffen nicht auf adäquate Angebote, heißt es im Baukulturbericht 2016/2017 von Nagels Institution. Umso mehr seien die Gemeinden gefragt, private Bauherren bei Planungs- und Baufragen zu beraten oder auf kommunalen Grundstücken Projekte zu initiieren, die den lokalen Wohnungsmarkt ergänzen.

Wie so etwas aussehen kann, ist in Brannenburg in der Nähe von Rosenheim zu beobachten. Dort entsteht das Projekt „Dahoam im Inntal“. Finanziert wird es vom Investor Wolfgang Endler, umgesetzt von Rupert Voß. Auf einer alten Kasernenfläche in der 6 300-Seelen-Gemeinde entstehen 520 Wohnungen. Neben Miets- und Eigentumswohnungen sowie Einfamilienhäusern entstehen ein Montessori-Kinderhaus, ein Pflegeheim und betreutes Wohnen für Menschen mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen.

Hätten er und Endler nur Eigentumswohnungen erstellt, hätten sie viel Geld verdienen können, sagt Voß. Der Unternehmensberater versteht sich jedoch als sozialer Unternehmer.

Für den sozialen Wohnraum, der ebenfalls auf dem Gelände entstehen soll, wählte er ein 40-jähriges statt des typischen 25-jährigen Fördermodells. „Ich ticke einfach ein bisschen anders“, sagt Voß über sich selbst. Das dachten offenbar zunächst auch die Brannenburger. Das Konzept mit teils viergeschossigen Häusern stieß in der Allgäu-Gemeinde mit ihren pittoresken Landhöfen anfangs auf Skepsis, berichtet Bürgermeister Matthias Jokisch. Dass der soziale Wohnraum in einem vierstöckigen Gebäude untergebracht werden soll, sei nur mit einer Stimme Mehrheit durch den Gemeinderat gekommen.

Voß ist überzeugt, dass sein Konzept den Ort lebendiger macht. Neben den verschiedenen Wohnformen gibt es unter anderem einen großen Begegnungsplatz in der Mitte der Anlage, Gemeinschaftsgärten, Grillplätze und Boccia-Bahnen. Voß, ein ehemaliger Schreinermeister, kann sich vorstellen, sein Konzept auch in andere Gemeinden zu bringen. Mit Investor funktioniere es aber erst ab 500 Wohnungen.

Ankommen im Dorf

Eine gute Verkehrsanbindung, das zeigen Brannenburg und Klein-Glien, ist eine wichtige Grundvoraussetzung. „Wir haben in Umfragen herausgefunden, dass viele Berliner Angst haben, auf einem toten Gleis zu landen“, sagt Dietrich vom Coconat.

Dass die zehnminütige Busverbindung von Bad Belzig nach Klein-Glien regelmäßig bedient wird, macht den Umstieg offenbar verkraftbar. „Wer in Städten sozialisiert ist, hat das Bedürfnis, hin- und wieder zurückzufahren, um Freunde zu treffen oder ins Theater zu gehen“, erklärt Hennig von Neuland21.

Das größte Hindernis, dass Städter vom Umzug aufs Land abhält, sei allerdings das Sozialgefüge. Die meisten Menschen scheuen sich, allein heraus aus der Stadt zu ziehen. „Zu wissen, nicht allein rauszuziehen, sondern mit einer Gruppe Gleichgesinnter, führt dazu, dass der Gedanke für viele attraktiver wird“, sagt Hennig.

Tatsächlich gebe es eine Reihe von Beispielen. So gibt es in Wiesenburg etwa das Kodorf, wo 30 bis 150 Tiny Houses entstehen sollen. Hennig rät solchen Stadt-Land-Umzugsgemeinden, schon früh den Kontakt zu suchen und auch Angebote wie Versammlungs- und Begegnungsorte für das Dorf zu schaffen. Das stärke die Integration.

So hat es auch Dietrich gemacht. Inmitten seines Gutshofs gibt es einen großen Platz. Hier steht eine kleine Mosterei aus dem Dorf. Werkstätten sind geplant. Und die Bewohner treffen sich hier zum Weihnachtsmarkt.

Wo der Austausch gelingt, könnten alle profitieren: die Städter von niedrigeren Lebenskosten, Gemeinden vom Zuzug. Bad Belzig, zu dem Klein-Glien gehört, wurde vor wenigen Jahren noch ein Bevölkerungsschwund auf 8500 Einwohner vorausgesagt. Heute liegt die Einwohnerzahl stabil bei 11.500.

Und Bürgermeister Roland Leisegang denkt dank einer erfreulichen Geburtenrate sogar über eine neue Kita nach. Vom Smart Village erhofft er sich weiteren Schwung, bleibt aber Realist: „Wir werden sicher kein neues Silicon Valley.“

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