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10.09.2019

16:30

Immobilien

Baubranche boomt weiter, warnt aber vor zu hohen Kosten für Energieeffizienz

Von: Matthias Streit

Die strengen Energiestandards im Wohnungsbau würden das Bauen weiter verteuern. Der Zentralverband des Deutschen Baugewerbes plädiert für neue Fördermöglichkeiten.

Die Kosten für energieeffizientes Bauen nehmen laut einer Analyse exponentiell zu, je höher der angestrebte Standard ist. dpa

Wohnungsbau in Hamburg

Die Kosten für energieeffizientes Bauen nehmen laut einer Analyse exponentiell zu, je höher der angestrebte Standard ist.

Erfurt Am 20. September trifft sich das Klimakabinett, um über Maßnahmen für den Klimaschutz zu debattieren. Und es dürfte an diesem Tag nicht lange dauern, bis das Gespräch auf den Immobilienbereich fällt. Im Gebäudesektor fallen etwa 30 Prozent der CO2-Emissionen Deutschlands an, die Hälfte davon im Wohnungssektor.

Kurz vor diesem Termin präsentiert nun der Zentralverband des Deutschen Baugewerbes (ZDB) neben seinem aktuellen Lagebericht auch eine Analyse zu den Baukosten. Das Fazit der Studie mit dem Titel „Auswirkungen energetischer Standards auf die Bauwerkskosten und die Energieeffizienz im Geschosswohnungsbau in Deutschland“: Je effizienter das Haus, desto höher die Baukosten – und diese übersteigen oft das Einsparpotential.

Durchgeführt hat die Studie die Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen (ARGE). Die Analyse basiert auf den abgerechneten Kosten bei mehr als 35.000 Wohnungen mit über 2,8 Millionen Quadratmetern Wohnfläche. Heraus kam dabei eine Kostenübersicht für den aktuell gängigen Baustandard nach der Energieeinsparverordnung (EnEV 2016) bis zum energiesparendsten Niveau, dem KfW-Effizienhaus-40-Standard.

Wie hoch die Kosten liegen, fasst Reinhard Quast, Präsident des ZDB zusammen: „Bei einer Anhebung der Standards von dem derzeit geltenden EnEV 2016 auf das Effizienzhaus 40 steigen allein die Bauwerkskosten um 260 Euro pro Quadratmeter. Das sind bei 100 Quadratmetern Wohnfläche 26.000 Euro.“

Konkret liegen die Bauwerkskosten laut Analyse im EnEV-2016-Standard bei 1.666 Euro im Median pro Quadratmeter. Beim Effizienzhaus steigt der Wert auf 1.926 Euro. Das Energieeinsparpotenzial sei mit jährlich 18 Kilowattstunden pro Quadratmeter vergleichsweise gering. „Die Entwicklung bei Kosten und Verbräuchen laufen nicht linear. Bei ambitionierten energetischen Standards steigen die Kosten aufgrund des hohen baukonstruktiven und anlagentechnischen Aufwands exponentiell an, während die Kurve des möglichen Einsparpotenzials beim Energieverbrauch immer weiter abflacht“, sagt Dietmar Walberg, Geschäftsführer der ARGE.

Noch nicht berücksichtigt sind in den Zahlen Grundstücks-, Erschließungs- und Nebenkosten. Rechne man diese hinzu, kumulierten sich schon im heute gängigen Standard die Baukosten etwa in Hamburg auf rund 4.000 Euro pro Quadratmeter, erklärt Walberg. „Das führt dazu, dass sie heute kaum noch einen Mietwohnungsbau hinbekommen, in dem für unter zehn Euro pro Quadratmeter vermietet werden kann“, sagt Walberg.

Am Immobilienmarkt stellt sich die Gretchenfrage: Mehr Klimaschutz oder mehr bezahlbarer Wohnraum?

Die Bundesregierung hat das Ziel vorgegeben, den Gebäudebestand bis 2050 klimaneutral zu machen. Das, so scheint es, ist aktuell mit höheren Kosten verbunden. Bereits im vergangenen Jahr kündigte Vonovia, Deutschlands größter privater Wohnungskonzern, an, die energetischen Modernisierungen zurückzufahren – wegen mangelnder Akzeptanz der Mieter. Das, was sie nach Modernisierungsmieterhöhungen bei der Kaltmiete draufzahlten, sparten sie bei der Warmmiete nicht ein.

Damit die Zeche am Ende nicht komplett die Mieter zahlen müssen, plädiert der ZDB für neue Fördermöglichkeiten. Die KfW-Förderung sollte nach Ansicht des Verbands deutlich erhöht und um steuerliche Anreize ergänzt werden, um die Energieeffizienz in Wohn- und Nichtwohngebäuden erheblich zu steigern.

70 Prozent der Wohngebäude wurden vor 1979 errichtet

Über Neubau allein wird das Ziel eines klimaneutralen Bestandes ohnehin nicht zu erreichen sein: Etwa 70 Prozent der insgesamt 18 Millionen Wohngebäude in Deutschland wurden vor 1979 errichtet, also zu einer Zeit, als es noch keine oder nur sehr geringe Anforderungen an den Wärmeschutz gab. Zusätzlich liegt die Sanierungsrate, also der Anteil alter Wohnungen, die auf den aktuellen Standard gebracht werden, gerade einmal bei einem Prozent pro Jahr.

Die Baubranche hat in den vergangenen Jahren vom Immobilienboom in Deutschland und stärkeren Infrastrukturinvestitionen profitiert. Der ZDB erhöhte seine Prognose für das Umsatzwachstum in diesem Jahr von sechs auf 8,7 Prozent und peilt Erlöse von 137,5 Milliarden Euro an. 2020 sei mit einem Plus von fünf Prozent zu rechnen. Die Zahl der Beschäftigten werde in diesem Jahr auf 855.000 steigen, ein Fünftel mehr als noch vor zehn Jahren.

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