Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

25.09.2019

15:00

Immobilien

Wo Wohnen für Studenten besonders teuer ist

Von: Matthias Streit

Die Mietanstiege haben sich in den deutschen Großstädten zuletzt allgemein verlangsamt. Für Studentenwohnungen gilt das jedoch nicht. Im Gegenteil.

Die hohen Mieten, beispielsweise in München, bringen viele Studenten an ihre finanziellen Grenzen. dpa

Studentin auf der Wohnungssuche

Die hohen Mieten, beispielsweise in München, bringen viele Studenten an ihre finanziellen Grenzen.

Erfurt Kampieren in der Turnhalle – was nach einer Notlösung infolge einer Naturkatastrophe klingt ist für viele Studienanfänger in den Großstädten mittlerweile Usus geworden. Wenn Anfang Oktober das Wintersemester beginnt, werden wohl auch in diesem Jahr zahlreiche Studenten noch keine feste Bleibe gefunden haben. Wer nicht bei Bekannten auf der Couch unterkommen kann, dem bleiben nur noch Notlösungen.

Einfacher wird es nicht: Das gilt seit langem auf dem normalen Wohnungsmarkt und umso mehr auf dem Wohnungsmarkt für Studenten. Dort tummeln sich tausende Wohnungssuchende mit begrenztem Budget bei immer weiter steigenden Preisen. Im vergangenen Jahr, das zeigt eine aktuelle Studie vom Institut der Deutschen Wirtschaft Köln (IW) im Auftrag der Finanzberatungsfirma MLP, sind die Preise in einigen Städten noch einmal besonders stark gestiegen.

In 27 von 30 untersuchten Städten sind die Mieten zuletzt stärker gestiegen als im Durchschnitt seit 2010. Besonders deutlich ging es im Jahresvergleich in Darmstadt nach oben, wo die Miete um mehr als acht Prozent stieg. Ähnlich kräftig verteuerte sich studentischer Wohnraum in Frankfurt (acht Prozent), Berlin und Konstanz (beide sieben Prozent). Im Schnitt waren es seit 2010 bei den untersuchten Städten 3,4 Prozent.

Während sich die Mietanstiege in den Großstädten zuletzt verlangsamten, ist davon bei den Studentenwohnungen keine Spur. „Nicht nur Studierende suchen kleine Wohnungen in guten Lagen, sondern auch junge Erwerbstätige, Fernpendler oder Senioren – daher ist der Preisdruck in diesem Segment besonders hoch“, sagt Michael Voigtländer, Immobilienökonom vom IW.

Untersucht haben Voigtländer und seine Kollegen Wohnungsinserate bei Immobilienscout24 und WG-Suche.de. Dabei hat sich herausgestellt, dass die Quadratmetermieten für kleine Wohnungen unter 40 Quadratmetern teurer sind als bei großen. Die Mehrkosten beginnen bei 50 Cent und erreichen in der Spitze – Stuttgart – bis zu zehn Euro pro Quadratmeter.

Um die Wohnkosten vergleichbar zu machen, rechnet das IW mit einer studentischen Musterwohnung, die 30 Quadratmeter groß ist, 1,5 Kilometer von der Hochschule entfernt liegt und 1995 erbaut wurde. Eine solche Musterwohnung können sich Studenten in Magdeburg schon für 251 Euro mieten.

Beim Spitzenreiter München müssen sie fast das Dreifache dessen – 717 Euro – berappen. Im Mittel kostet eine studentische Wohnung rund 400 Euro. Nebenkosten wie für Internet oder Strom sind dabei noch nicht berücksichtigt.

Wohnzuschlag beim BAföG auf maximal 325 Euro erhöht

Viele Studenten bringt das an ihre finanziellen Grenzen. Laut einer Auswertung des Sozio-oekonomischen Panels, das das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung erhebt, standen Studenten zuletzt im Median netto 900 Euro pro Monat zur Verfügung. Daran gemessen müssen sie also zwischen 28 Prozent in Magdeburg und fast 80 Prozent ihres Einkommens in München allein für das Wohnen ausgeben, rechnet das IW vor, weist jedoch auf die hypothetische Natur dieser Zahlen hin: Einkommen fallen regional unterschiedlich aus.

Zuletzt wurde der Wohnzuschlag beim BAföG von 250 auf maximal 325 Euro erhöht. Doch auch wer in den Genuss dieser Maximalförderung kommt, wird es damit auf den meisten Wohnungsmärkten schwer haben. Nur in sieben von 30 Standorten würde diese Summe für eine 30 Quadratmeter große Wohnung reichen: In Magdeburg, Leipzig, Bochum, Greifswald, Dresden, Jena und Bremen.

Der Druck auf den Wohnungsmärkten wird zusätzlich durch die gestiegen Zahl der Studenten erhöht. Allein seit dem Wintersemester 2008/2009 ist sie um rund 840.000 auf 2,9 Millionen gestiegen. Hinzu kommt: Wohnheimplätze stehen nur den wenigsten zur Verfügung. Traf das in Deutschland Anfang des Jahrtausends noch auf 12,5 Prozent der Studierenden zu, sind es heute noch 8,6 Prozent. In Berlin, Bremen und Hamburg sind es sogar weniger als sechs Prozent.

Die steigenden Wohnkosten haben Folgen. Studenten wählen aus Preisgründen andere Standorte aus. Immer mehr Studenten wohnen in WGs oder noch bei ihren Eltern. „Die Mietpreise sollten weder über die Aufnahme eines Studiums entscheiden, noch die Wahl regional und damit oft auch fachlich einschränken“, beklagt Uwe Schroeder-Wildberg, Vorstandsvorsitzender von MLP. Er schlägt ortsgebundene Wohnkostenzuschläge beim BAföG vor, um die Probleme zu lindern.

Bau kleiner Wohnungen boomt

Erkannt hat auch der freie Markt die Probleme. Mikro-Wohnformen und Studentenwohnen im Speziellen haben es zu einem der größten Trends der Branche geschafft.

In Deutschland boomt der Bau kleiner Wohnungen. Die Zahl von Ein-Raum-Wohnungen kletterte zwischen 2010 und 2018 um rund elf Prozent und wuchs damit mehr als zweieinhalb Mal so schnell wie der gesamte Wohnungsbestand, heißt es in einer Analyse des Immobiliendienstleisters Savills.

Das Immobilienanalyseunternehmen Bulwiengesa zählt in den 61 größten deutschen Hochschulstandorten rund 262.000 studentische Wohnplätzen. 70 Prozent davon werden von öffentlichen Trägern wie Studentenwerken betrieben, der Rest entfällt auf private Anbieter.

Bulwiengesa beziffert das Potenzial für weitere Studentenapartments ab 500 Euro monatlichen Kosten – inklusive Nebenkosten – auf 67.500. Noch größer wäre es im mittleren Preissegment zwischen 400 und 500 Euro. Das könne derzeit wirtschaftlich jedoch kaum ein Anbieter leisten, speziell in den gefragten Städten. Damit mehr studentischer Wohnraum entsteht, fordert Bulwiengesa einfachere Wohnkonzepte und Erleichterungen bei den Bauauflagen.

Handelsblatt Premium

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×