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22.09.2021

14:55

Immobilienkonzern in China

Evergrande verkündet Teileinigung bei Zinszahlungen – Chinesisches Börsenbeben bleibt aus

Von: Dana Heide, Sabine Gusbeth

Die Lage rund um den taumelnden Immobilienriesen hat sich zunächst etwas entspannt. Die Frage ist nun, wie Evergrande mit weiteren diese Woche fälligen Zinszahlungen umgeht.

Die gute Nachricht sorgt für etwas Erleichterung an den Märkten. Reuters

Die Evergrande-Zentrale in Hongkong

Die gute Nachricht sorgt für etwas Erleichterung an den Märkten.

Peking Eine Nachricht von Evergrande beruhigte am Mittwoch die chinesischen Märkte: Die Immobilieneinheit des Konzerns teilte mit, eine Einigung über einen Teil ihrer in dieser Woche fälligen Zinszahlungen erzielt zu haben.

Dabei geht es um eine Onshore-Anleihe, die am 23. September fällig ist. Wann die Zahlung erfolgen soll und wie hoch sie ist, darüber gab Evergrande keine Hinweise. Der für den Kupon fällige Betrag belief sich laut Expertenberechnungen insgesamt auf 232 Millionen Yuan (35,9 Millionen Dollar). Da bald schon die nächste Zahlungsfrist ende, sei das aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein, betonte Christian Henke, Analyst vom Brokerhaus IG. „Die Ansteckungsgefahr für das chinesische und weltweite Finanzsystem ist noch nicht gebannt.“

Über den Stand der weiteren Zinszahlungen, insbesondere für die Offshore-Anleihen, die in dieser Woche ebenfalls fällig sind, gab es zunächst keine weiteren Informationen. Onshore-Anleihen werden in Yuan gehandelt und meist von Geschäftsbanken gekauft. Bei den in Dollar gehandelten Offshore-Anleihen sind meist Vermögensverwalter wie Investmentfonds die größten Investoren.

Chinesische Unternehmen zahlen die Zinsen für lokale Anleihen in der Regel über eine Clearingstelle. Wenn sie die Anleihegläubiger direkt bezahlten, liege das oft daran, dass die Unternehmen das Geld nicht rechtzeitig oder nicht vollständig überweisen könnten, sagte Li Kai, Gründungspartner des Anleihefonds Shengao Investment in Peking der Nachrichtenagentur Bloomberg. Bei einer direkten Bezahlung gehe es normalerweise „um einen Aufschub, eine Ratenzahlung oder eine Senkung des Kupons“, so Li. Dies sei eine der Möglichkeiten, Zahlungsausfälle von notleidenden Unternehmen zu vermeiden.

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    Wie Evergrande seine Verpflichtungen bezahlen will, ist bislang unklar.

    Der chinesische Aktienindex CSI 300, der die 300 wichtigsten an der Börse in Schanghai und Shenzhen gehandelten Papiere abbildet, war zum Start um knapp zwei Prozent gefallen, glich die Verluste nach der Evergrande-Mitteilung aber recht schnell wieder aus. Die Märkte auf dem chinesischen Festland hatten am Mittwoch zum ersten Mal nach zwei Feiertagen, dem chinesischen Mittherbstfest, wieder geöffnet.

    Kapitalspritze der chinesischen Zentralbank sorgt für Entspannung

    Anfang der Woche hatten an der Börse in Hongkong und weltweit viele Papiere infolge der Krise bei dem hochverschuldeten chinesischen Immobilienentwickler Evergrande und der Sorge vor möglichen Ansteckungseffekten deutlich an Wert verloren.

    Für weitere Entspannung sorgte am Mittwoch eine erneute Kapitalspritze für den Finanzmarkt durch die chinesische Zentralbank (PBOC). Nach Berechnungen von Bloomberg hat die PBOC am Mittwoch über Offenmarktgeschäfte netto 90 Milliarden Yuan (14 Milliarden US-Dollar) an Mitteln zugeführt.

    Bereits am Freitag hatte die PBOC für mehr Liquidität auf dem chinesischen Finanzmarkt gesorgt, mit sieben- und 14-tägigen Reverse-Repo-Geschäften, durch die netto 90 Milliarden Yuan an liquiden Mitteln bereitgestellt wurden.

    Die japanische Zentralbank sieht derweil keinen Anlass zu handeln: Zwar gebe es „nervöse“ Bewegungen auf den globalen Finanzmärkten wegen der Evergrande-Problematik, die Folgen seien aber vorerst begrenzt, sagte Notenbankchef Haruhiko Kuroda. Die Bank of Japan werde die Situation aber weiter genau beobachten.

    „Der chinesische Immobiliensektor ist seit Langem stark gewachsen, und die Schulden dieses Unternehmens scheinen ziemlich hoch geworden zu sein“, sagte Kuroda. „Im Moment sehe ich das als Problem dieses speziellen Unternehmens an, und selbst wenn es ähnliche Fälle gibt, ist das ein Problem innerhalb des chinesischen Immobiliensektors.

    Signalwirkung für den gesamten Markt

    Die chinesische Staatsführung hielt sich neben den Liquiditätsspritzen durch die Zentralbank jedoch mit Hilfsmaßnahmen für Evergrande zurück. Dabei ist der Konzern nach Vermögenswerten der größte Immobilienentwickler des Landes. Laut Halbjahresbilanz belaufen sich die Schulden auf mehr als 300 Milliarden US-Dollar. Medienberichten zufolge könnten die tatsächlichen Verpflichtungen des Unternehmens jedoch deutlich höher sein.

    Evergrande entwickelt landesweit mehr als 1300 Immobilienprojekte, davon sind mehr als 800 jedoch noch nicht fertiggestellt. 1,2 Millionen Käufer, die ihre Wohnungen bereits im Voraus bezahlt haben, warten auf den Einzug. Zudem schuldet Evergrande mehr als Hunderttausenden Kleinanlegern, darunter vielen Mitarbeitern, umgerechnet sechs Milliarden Dollar, wie das Wirtschaftsmagazin „Caixin“ am Wochenende berichtet hatte. Das Geld der Sparer soll auch dazu verwendet worden sein, um Finanzlöcher zu stopfen, berichtete die „Financial Times“.

    Beobachter sehen in dem Vorgehen der Staatsführung eine Disziplinierungsmaßnahme für die ganze Branche, die sich über Jahre hinweg immer höher verschuldet hat und so zu einem Risiko für die Finanzmarktstabilität in der Volksrepublik geworden ist. Ein wichtiger Grund für den Bauboom der vergangenen Jahre ist, dass viele Chinesen aufgrund fehlender alternativer Anlagemöglichkeiten in Wohneigentum investiert haben. Rund drei Viertel des Vermögens privater Haushalte stecken Schätzungen zufolge in Immobilien. Zuletzt sorgte der Sektor für ein Viertel der chinesischen Wirtschaftsleistung.

    Andy Rothmann, Stratege bei der Investmentgesellschaft Matthews Asia, betont, dass Evergrande zwar eine hohe Schuldenlast habe, die aber angesichts der Größe des chinesischen Finanzsystems unbedeutend sei. Erwähnenswert sei in diesem Zusammenhang, „dass in den vergangenen Jahren zwei Unternehmen mit sehr viel höherer Schuldenlast – Anbang und HNA – erfolgreich umstrukturiert wurden, ohne systemische Schäden zu verursachen“.

    Einer Analyse der Barclays-Bank zufolge macht Evergrande trotz seiner Größe nur vier Prozent der Immobilienverkäufe in China aus. Auch die direkten Verbindungen zum Finanzsystem seien begrenzt. Die ausstehenden Kredite in Höhe von 222 Milliarden Yuan machten nur 0,1 Prozent des gesamten ausstehenden Kreditvolumens aus.

    Trotz Entspannung bleiben Risiken

    Sollte sich die Evergrande-Krise trotz der aktuellen Entspannung negativ auf den Immobilienmarkt auswirken, drohen jedoch Ansteckungseffekte. Bei einer ungeordneten Anpassung der Immobilienpreise um mehr als 30 Prozent oder Ausfällen anderer in Schwierigkeiten geratener Bauträger sehen die Barclays-Experten „größere Stabilitätsrisiken“. Denn Immobilien seien nach wie vor die wichtigste Art von Sicherheiten für die Kreditaufnahme von Unternehmen und Lokalregierungen.

    „Ein Großteil des Wohlstands und der Wirtschaftstätigkeit ist seit drei Jahrzehnten mit dem massiven Anstieg der Immobilienpreise und des Immobilienvermögens in China verknüpft“, sagt Peter Garnry, Leiter der Aktienstrategie bei der Saxo Bank. Die Folgen eines möglichen Zusammenbruchs von Evergrande könnten „eine geringere Wachstumsdynamik in China in den nächsten zehn Jahren sein, da die Ressourcen in andere Bereiche umgeleitet werden.“

    Die Hongkonger Börse blieb am Mittwoch wegen eines Feiertags geschlossen. Am Dienstag hatten die dort gehandelten Evergrande-Aktien erneut zwischenzeitlich um bis zu sieben Prozent an Wert verloren, sie gingen aber mit einem vergleichsweise geringen Minus von 0,4 Prozent aus dem Handel. An der Frankfurter Börse steigt das Papier bei einem verhältnismäßig hohen Handelsvolumen am heutigen Mittwoch um rund 32 Prozent.

    Noch am Dienstag berichteten lokale Medien von einem Brief, den Evergrande-Gründer und Verwaltungsratschef Xu Jiayin an seine Mitarbeiter gerichtet hatte. Darin schreibt er, er sei sich sicher, dass das von der Zahlungsunfähigkeit bedrohte Unternehmen sehr bald „aus der Dunkelheit herausfinden“ werde. Gemeinsam werde man in der Lage sein, „Hauskäufern, Investoren, unseren Mitarbeitern und Finanzinstituten gegenüber Rechenschaft darüber abzulegen, dass wir verantwortlich sind und diese Last schultern können“, so Xu.

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