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22.10.2019

17:21

Preisexplosion

Der Immobilienboom macht Politiker und Branchenvertreter nervös

Von: Matthias Streit

Das Bundesfinanzministerium sieht zunehmend besorgniserregende Faktoren. Die Deutschen nehmen immer höhere Kredite für den Traum vom Eigenheim auf.

In der Hauptstadt wächst die Sorge wegen einer Überhitzung des Marktes. dpa

Blick auf Berlin-Mitte

In der Hauptstadt wächst die Sorge wegen einer Überhitzung des Marktes.

Berlin Der Staatssekretär im Bundesfinanzministerium, Jörg Kukies, erkennt immer größere Risiken im Immobiliensektor. Der Ausschuss für Finanzmarktstabilität müsse sich die Frage stellen, welche Risiken sich aus den „überdurchschnittlichen Preisanstiegen“ der vergangenen Jahre für den Markt ergäben, sagte Kukies auf dem Finance Day, einem vom Immobilienverband ZIA veranstalteten Branchentreff, in Berlin.

Wohnimmobilien haben sich seit 2010 in Deutschland um rund 50 Prozent verteuert. In den sieben größten Städten – Berlin, München, Hamburg, Frankfurt, Düsseldorf, Köln und Stuttgart – haben sich die Preise seitdem verdoppelt.

Belastend findet Kukies bestimmte Indikatoren: So sei etwa die Lücke zwischen der Entwicklung der Kreditvergabe und des Bruttoinlandprodukts seit 21 Quartalen gewachsen. „Das Finanzierungsvolumen hat sich relativ zur Vermögenssituation also deutlich erhöht“, sagte Kukies. Dies müsse man genau im Blick haben.

Zudem könnte der bereits zehn Jahre anhaltende Immobilienboom im Land auf eine Spätphase des Branchenzyklus hindeuten, gab der frühere Co-Chef von Goldman Sachs in Deutschland zu bedenken. Experten sehen die Branche bereits „am Ende des Booms“, wie Ralph Henger, Immobilienökonom des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW), sagte. Er verwies auf den Immobilienindex seines Hauses, der zuletzt drei Quartale in Folge gesunken ist.

Kukies betonte aber, die Verschuldung der Privathaushalte sei im internationalen Vergleich noch auf moderatem Niveau: „Es gibt keinen Grund zur Panik, aber wir müssen vorsichtig sein.“

Analysen des Immobilienfinanzierungsvermittlers Dr. Klein zufolge nehmen Deutsche allerdings immer höhere Kredite für Immobilienkäufe auf. Lag die durchschnittliche Darlehenssumme im September 2018 noch bei 228.000 Euro, sind es ein Jahr später 259.000 Euro. Der über Darlehen finanzierte Anteil des Kaufpreises kletterte auf knapp 85 Prozent nach zuvor unter 80 Prozent.

Auch andere wie die Bundesbank warnen bereits seit Längerem vor Preisübertreibungen zwischen 15 und 30 Prozent in den Großstädten. Das Forschungsinstitut Empirica taxiert die Übertreibungen in den sieben größten Städten sogar auf 37 Prozent.

Grafik

Immobilienexperten macht zunehmend Sorgen, dass die Kaufpreise stärker steigen als die Mieten. Der Theorie zufolge müssten sich die Entwicklungen auf lange Sicht angleichen. Doch während die Kaufpreise weiter stiegen, zeichnet sich in den besonders im Fokus stehenden Metropolen bei den Mieten eine Trendwende ab.

Laut Empirica lagen die inserierten Mieten in der Hauptstadt zuletzt knapp vier Prozent unter ihrem Allzeithoch vor einem Jahr. Zudem deute sich auch in anderen Großstädten eine Stagnation an.

Das knappe und daher teure Angebot treibt potenzielle Mieter ins Umland und Ausweichstädte wie Schwerin, Flensburg oder Pforzheim, wie Experten feststellen. Dort steigen die Mieten weiter.

Weil die Europäische Zentralbank ihre Geldpolitik zuletzt lockerte, rechnen Branchenvertreter mit anhaltend hoher Nachfrage nach deutschen Immobilien. Wenn allerdings Mieten stagnieren oder gar fallen, dürfte sich das auf Dauer in den Immobilienbewertungen niederschlagen.

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