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03.09.2019

17:56

Rolf Buch

Warum ausgerechnet der Vonovia-Chef der Immobilienbranche Fesseln anlegen will

Von: Andreas Neuhaus, Matthias Streit

Der Vorstandsvorsitzende des größten deutschen Wohnungskonzerns will sich in der Debatte um unbezahlbare Mieten als soziales Gewissen profilieren.

Der Vonovia-Chef überrascht mit seinen Äußerungen zum Wohnungsmarkt. imago images / Sven Simon

Rolf Buch

Der Vonovia-Chef überrascht mit seinen Äußerungen zum Wohnungsmarkt.

Düsseldorf, Erfurt Wer Rolf Buch in diesen Tagen zuhört, könnte meinen, er wäre der Präsident des Deutschen Mieterbunds. „Ich bin fest davon überzeugt, dass Wohnen ein Grundbedürfnis ist und deshalb reguliert gehört“, sagt der 53-Jährige. „Ein freies Spiel der Kräfte auf dem Wohnungsmarkt ist sicher nicht die richtige Lösung.“

Nein, Buch arbeitet nicht für den Deutschen Mieterbund. Er ist der Vorstandsvorsitzende von Deutschlands größtem Wohnungskonzern Vonovia, der rund 400.000 Wohnungen verwaltet. Kritiker werfen ihm Kalkül vor, wenn er wie am vergangenen Montag auf einer Veranstaltung in Düsseldorf mit seinem Plädoyer für Regulierung wieder einmal nach vorn prescht. Das, so die Lesart, soll ihn und Vonovia in ein besseres Licht rücken. Denn es hagelt Kritik von Mietern und ihren Interessensgruppen. Es häufen sich in Regionalmedien die Berichte über Mieterhöhungen und Beschwerden über Nebenkostenabrechnungen.

Früher als seine Konkurrenz hat der Vonovia-Chef die Wichtigkeit der gesellschaftlichen Debatte über bezahlbaren Wohnraum begriffen. Immer wieder versuchte Buch in den vergangenen Monaten vom Getriebenen zum Antreiber, ja gar zum sozialen Gewissen seiner Branche zu werden. Bei der Präsentation von Bilanzzahlen pflegt er zunächst umfassend über die soziale Verantwortung von Vonovia zu referieren, bevor er die Zahlen in aller Kürze abhandelt. Wo die Konkurrenz nüchtern die finanziellen Folgen politischer Eingriffe durchrechnet und versucht, die essenziellen Regulierungstrends auszusitzen, versucht Buch die Flucht nach vorn.

„Ich glaube, dass er zu 90 Prozent überzeugt ist von dem, was er da sagt“, sagt einer, der Buch bereits seit seiner Zeit als Bertelsmann-Manager kennt. „ Der Rest ist das Kalkül eines CEOs.“ Andere berichten, dass sich mit Buchs Eintritt bei Vonovia im Jahr 2013 einiges verändert habe. Nach den zahlengetriebenen Finanzinvestoren sei da ein Mann gekommen, der die Branche verstehen möchte. Buch selbst kommt nicht aus der Welt der Immobilien. Er hat Maschinenbau studiert.

Doch so sehr sich Buch bemüht, Vonovia als Vorreiter zu positionieren – in den meisten Fällen bleibt er ein Getriebener der Politik. Ende 2018 kündigte Buch zum Beispiel an, dass Vonovia künftig die Mieterhöhungen nach energetischen Modernisierungen auf zwei Euro pro Quadratmeter deckele. Es mangele an der Mieterakzeptanz, erklärte Buch. Allerdings sah ein Regierungsbeschluss ab Anfang 2019 ohnehin für alle Wohnungen mit einem Mietniveau unter sieben Euro pro Quadratmeter eine Obergrenze für Mieterhöhungen bei Modernisierungen bei zwei Euro vor. Der Durchschnitt bei Vonovia liegt bei 6,64 Euro.

Einen Mietendeckel wie in Berlin, wo Vonovia knapp 40.000 Wohnungen besitzt, hält Buch zwar für fatal. Es werden Schwarzmärkte entstehen, wo Wohnungen unter der Hand vergeben werden, sagt Buch. Geringverdiener hätten von der Obergrenze nichts. Profitieren würden „Mittelverdienende, die für die gleiche Miete ein Zimmer mehr bekommen“. Diese Einschätzung hielt ihn jedoch nicht davon, vor wenigen Wochen per Interview einen Vonovia-eigenen Mietendeckel für Berlin zu verkünden. Da hatte die Diskussion über den politisch verordneten Mietendeckel freilich schon lange die Gemüter der Republik bewegt.

Der Ärger der Mieter verfolgt Buch bis zur Hauptversammlung. Mieter, die sich Aktien gekauft haben, kapern alljährlich die Veranstaltung, bestimmen die Agenda. Der Vo‧novia-Chef versucht, es gelassen zu nehmen. Als ihm auf der Hauptversammlung eine Mieterin von ihren leidlichen Erfahrungen mit dem Wohnungskonzern berichtet, bietet er eine Klärung bei einem persönlichen Gespräch an: „Wenn Sie den Kaffee machen, bringe ich den Kuchen mit“, schlug Buch vor.

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