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13.07.2019

11:47

Wohnen im Ausland

Ewige Stadt mit hohen Preisen: Wohnen ist in Rom ein Luxus

Von: Regina Krieger

In der italienischen Hauptstadt zieht der Wohnungsmarkt nach der Krise langsam wieder an. Warum Italiener lieber kaufen und Ausländer mieten.

Italiener bevorzugen Wohneigentum, Ausländer mieten lieber. Bloomberg

Wohnviertel in Rom

Italiener bevorzugen Wohneigentum, Ausländer mieten lieber.

RomEin Spritz am frühen Abend auf der Dachterrasse mit Blick über die Kuppeln und Dächer der Ewigen Stadt? Vielleicht sogar auf den Cupolone, die Kuppel des Petersdoms? Oder doch lieber ein lauschiges Apartment mittendrin am Campo de‘ Fiori wie einst Gregory Peck als US-Korrespondent in „Ein Herz und eine Krone“, dem Film mit Audrey Hepburn, der im Original „Vacanze romane“ heißt?

Davon träumen nicht nur Touristen, sondern alle Expats, die in Rom leben. Das lässt sich auch realisieren, wenn man bereit ist, eine Miete bis zu 40 Euro pro Quadratmeter zu zahlen. Dann kann man auch an der Piazza Navona wohnen. Die Realität sieht nüchterner aus. Den Überblick zum Drink bekommt man vielleicht vom Rooftop des angesagten Hotel Minerva. Aber ein Stück Himmel, eine Terrasse und ein paar Oleandersträuche, das geht auch in einer normalen Wohnung.

Man muss gut abwägen in Rom, dieser Stadt mit ihren 2,9 Millionen Einwohnern, die gemessen an der Fläche die größte Hauptstadt Europas ist und bis zum Meer in Ostia reicht. Manche Kollegen haben sich für Idylle, Ruhe und mehr Quadratmeter zu günstigeren Preisen außerhalb entschieden und müssen dafür stundenlang im Stau stehen oder auf Busse und Bahnen warten, wenn nicht gerade gestreikt wird wie mindestens zweimal im Monat.

Ich habe es anders gemacht und den perfekten Kompromiss gefunden: zwei kleine Zimmer mit Dachschräge und einem Schlauchzimmer, in dem der Schreibtisch steht – und eine Dachterrasse. Ich schaue zwar nur über die Dächer der Häuser nebenan und nicht auf den Petersdom, doch dafür komme ich überall schnell auch zu Fuß hin, wenn Streik ist, ob zum Parlament, zum Finanzministerium oder zum Bahnhof. Und auch die Spanische Treppe ist nur 20 Minuten entfernt.

Gefunden habe ich meine Wohnung im Internet. Schon auf den ersten Blick wird klar: Wohnen ist teurer als in Düsseldorf oder Frankfurt. Das liegt nicht nur an der Unmenge von möblierten Wohnungen für einen Kurzaufenthalt auf dem Markt. Die sind zwar sehr schön, aber auch sehr teuer. Auch jenseits des temporären Mietmarkts gehört Rom zu den teuersten Hauptstädten in Europa. In drei großen Immobilienportalen hat man bald einen Überblick über das Wohnungsangebot.

Dann ging es schnell. Zwei Besichtigungstermine mit dem Makler, zu verschiedenen Tageszeiten, und schon habe ich die „proposta di locazione“ gemacht, nicht ohne mir vorher Rat bei Kollegen einzuholen. „Proposta“ heißt übersetzt Vorschlag und ist in Italien der erste Schritt zum Mietvertrag. Ein bindendes Dokument, in dem man unterschreibt, dass man die Wohnung haben will und zwei Monatsmieten als Kaution bezahlt.

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In diese „proposta“ muss alles reingeschrieben werden, was man an zusätzlicher Ausstattung haben möchte. Das muss man wissen. Danach, beim Unterzeichnen des Mietvertrags, ist es zu spät. Bei mir war das eine Waschmaschine und eine zusätzliche Klimaanlage, denn das schräge Dach ist nicht isoliert. Die Zusatzwünsche haben meine Miete nicht verteuert.

Wenn der Vermieter die „proposta“ akzeptiert, zahlt man die Maklergebühren, meist zehn Prozent des Jahresmietpreises, und es kommt zum nächsten Akt, der in Italien feierlich wie auf dem Standesamt ist: Der Makler verliest in seinem Büro vor Mieter und Vermieter, in meinem Fall zwei Schwestern, Wort für Wort den Mietvertrag. Drei eng beschriebene Seiten. Vorher hat er noch gefragt, ob ich des Italienischen mächtig bin oder ob alles auf Englisch übersetzt werden muss. Dann wird unterschrieben.

In die Bar auf ein Cornetto

Den Schlüssel hatte ich zu diesem Zeitpunkt schon seit zwei Wochen. Auch das ist Italien: Eine nervige und ineffiziente Bürokratie auf der einen und persönliche Absprachen, die das Leben erleichtern, auf der anderen Seite. Das gilt auch für die Kündigungsfrist, die auf dem Papier reglementiert ist: Die Standard-Mietverträge laufen über vier Jahre und verlängern sich um weitere vier, wenn man nicht sechs Monate vorher kündigt. Letzteres wird aber nicht so streng gehandhabt, wenn man sich gut kennt.

Die wenigsten Italiener mieten, vor allem nicht im Zentrum von Rom. „Bei 40 Prozent meiner Arbeit geht es um Vermietungen, bei 60 um Käufe“, sagt Gianluca Molinaro, Chef einer inhabergeführten Agentur. „Und im Centro Storico ist die Hälfte meiner Mietkunden Ausländer.“ Meine Nachbarn sind ein irischer Diplomat, ein Schweizer Verbindungsbeamter des nahe liegenden Innenministeriums und der Chef des italienischen Büros des Europaparlaments mit Familie.

Wir alle nehmen in Kauf, dass wir keine kleine Piazza, keinen Wochenmarkt, nicht mal einen anständigen Supermarkt in der Nähe haben in diesem Viertel der Ministerien und Verwaltungsgebäude. Aber es gibt eine gute Café-Bar mit ausgezeichneten Cornetti zum Frühstück. Ohne die geht das Leben in Italien nicht.

„Im Schnitt sind die Wohnungen nach rund 30 Tagen weg, spätestens nach 90“, sagt Molinaro. Der Quadratmeterpreis beginne bei 20 Euro aufwärts. Begehrt seien neben dem Zentrum, dem Centro Storico, auch die Stadtteile Prati, ein Shoppingparadies mit grünen Alleen nahe dem Vatikan, Garbatella/Marconi hinter dem Ostiense-Bahnhof, wo die Eataly-Zentrale liegt, und Trieste im Norden, gutbürgerlich und an dem Park Villa Ada gelegen.

Ausländer kaufen nicht

Die Italiener kaufen lieber, 73 Prozent der Menschen leben im Eigentum, und das bestimmt den Markt. Doch der kommt nur langsam wieder in Schwung nach dem Stillstand 2008. Nach Zahlen der Banca d’Italia zum Wohnungsmarkt vom Februar hat es im vierten Quartal 2018 weniger Verkäufe und weniger Entgegenkommen der Verkäufer beim Preis gegeben, heißt es auf Grundlage einer Marktforschung bei 1 476 Agenturen. Dafür hätte sich die Verkaufszeit verkürzt.

In Rom dauere ein Verkauf vier Monate bis ein Jahr, berichtet Makler Molinaro. Ganz anders sei der Markt in Mailand, obwohl die Stadt nach dem Deloitte-City-Index noch teurer ist als die Hauptstadt. In Mailand vergingen nur ein bis drei Monate, bis es zum Verkauf komme.

Das hänge mit der Mentalität der Römer zusammen. „Viele Eigentümer denken, ihre Immobilie sei heute noch so viel wert wie vor zehn Jahren.“ Doch dazwischen lagen die internationale Finanzkrise und in Italien eine lange Rezession, die die Italiener ins Mark getroffen hat. Die Familien hielten ihr Geld zusammen, der Immobilienmarkt war flau.

Mittlerweile gibt es Lichtblicke: Das Marktforschungsinstitut Prometeia berichtet in einer Studie vom Juni gar von einer Trendwende. Die Haus- und Wohnungsverkäufe seien 2018 um 6,6 Prozent gestiegen, der Trend stabil. Die Rahmenbedingungen stehen für den Immobilienmarkt weiter gut.

Seit die Europäische Zentralbank verkündet habe, die Geldpolitik falls nötig wieder zu lockern, sehe die Lage für Italien trotz des schwachen Wachstums wieder besser aus, sagt der Analyst Simone Zazzara von Credipass. Das Zinsniveau bleibt niedrig. „Das bedeutet für Immobilienkäufer, dass der Zugang zu Krediten und Hypotheken in den nächsten Monaten günstig bleibt“, meint Zazzara.

Ausländer aber kaufen nicht in Rom. Auch sei die Quote der ausländischen Investoren in den vergangenen fünf Jahren um 60 Prozent zurückgegangen, sagt Molinaro. Früher hätten viele Russen gekauft, heute eher Chinesen. Die Deutschen ziehe es nach wie vor an den Gardasee.

Die wahren Gründe für die Zurückhaltung der Ausländer aber nennt er nicht, denn die sind den Italienern selbst nicht angenehm: Der tägliche Kampf mit einer überbordenden und ineffizienten kommunalen Bürokratie und ein langsames Justizsystem, in dem jede Auseinandersetzung zum jahrelangen Geduldsspiel wird.

Korrektur: In einer früheren Version des Artikels wurde irrtümlicherweise Cary Grant statt Gregory Peck als einer der Hauptdarsteller in "Ein Herz und eine Krone" genannt. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

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