Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

03.08.2019

16:00

In Mexiko City wird gebaut und gebaut – und die Preise explodieren. Klaus Ehringfeld

Bauzäune mit Plakaten von Neubauten

In Mexiko City wird gebaut und gebaut – und die Preise explodieren.

Wohnen im Ausland

Warum Mexiko-Stadt ein Paradies für Wohnungsvermieter ist

Von: Klaus Ehringfeld

In Mexikos Hauptstadt werden so viele Wohnungen gebaut wie lange nicht, Preise und Mieten steigen – goldene Zeiten für Eigentümer und Vermieter.

Mexiko-Stadt Seit ein paar Tagen wohne ich auf einer Baustelle. Schon vor sieben Uhr am Morgen beginnt das Stakkato der Presslufthammer ungefähr 20 Meter hinter meinem Schlafzimmer. Bauarbeiter reißen den Boden eines Terrains auf, das bis vor Kurzem ein großer Parkplatz war.

Ich lebe im Quartier Roma/Condesa, was für Mexiko-Stadt so etwas ist wie Mitte/Prenzlauer Berg für Berlin. Das Viertel widerspricht dem gängigen Klischee vom Moloch der Megacity weit im Süden des Landes. Mein Kiez ist urban, grün, und an jeder Ecke gibt es Cafés oder Restaurants. Der Bewohnermix ist international – Kolumbianer, Argentinier, „Gringos“ und Franzosen leben im Quartier. Und in meinem Lieblingscafé am „Mexiko-Park“ sind manchmal die Bedienungen die einzigen Einheimischen.

Doch leider ist mein Stadtteil inzwischen auch hip, wird gerade gentrifiziert und ist in der Folge leider schrecklich überteuert. Wo früher noch der Polsterer einen Laden hatte, ist jetzt ein Jazzclub, wo gestern noch der Eisenwarenhändler die Kunden bediente, hat jetzt eine weitere Sushi-Bar eröffnet. Nur mein Schuster, der sensationell preiswert Schuhe besohlt, hat bisher allen Angeboten der Immobilienmakler getrotzt. Aber es scheint nur noch eine Frage der Zeit, bis auch er schwach wird.

Abrissbirne statt Sanierung

Vor allem in der Roma wird derzeit jede freie Lücke gnadenlos mit Hochhäusern zugebaut. Auf der Baustelle hinter meinem Haus entstehen gerade zwei sechsstöckige Wohntürme – mit „Roofgarden“, wie es auf Neu-spanisch heißt. Eigentlich ist die Roma ein alter Stadtteil, viele Straßen zieren schmale dreistöckige Häuschen. In manchen Straßenzügen finden sich noch Art-déco-Villen und verbreiten europäisches Flair mit verwittertem Charme.

Viel Bausubstanz müsste teuer saniert werden – doch das kümmert die meisten Mexikaner wenig. Stattdessen kommt schnell die Abrissbirne, jeder Parkplatz wird in Bauland verwandelt, jede kleine Lücke genutzt. Praktisch seit zwei Jahren begleitet mich Baulärm, irgendwo in meiner Umgebung wird immer ein Gebäude hochgezogen oder noch mal eben ein neues Stockwerk auf ein Haus draufgesetzt – meist ohne Baugenehmigung. Die Korruption macht es möglich.

In Mexiko City wird gebaut und gebaut – und die Preise explodieren. Klaus Ehringfeld

Bauzäune mit Plakaten von Neubauten

In Mexiko City wird gebaut und gebaut – und die Preise explodieren.

Doch aktuell ist es so schlimm wie noch nie. Im 200-Meter-Umkreis meiner Wohnung entstehen derzeit fünf Hochhäuser. Der Zuzug von Ausländern, der Touristenboom mit seiner Schwemme an kurzzeitigen Vermietungsangeboten befeuern das Interesse an meinem Viertel. So hat die Plattform Airbnb in der Roma rund 1000 Wohnungen im Angebot. Noch ist diese Vermietungsform in der mexikanischen Hauptstadt komplett unreguliert – und das macht sie für Eigentümer noch verlockender.

Frühestens im kommenden Jahr soll eine Steuer von drei Prozent auf Kurzzeitvermietungen erhoben werden. Eine generelle Limitierung des Angebots ist derzeit allerdings noch kein Thema. Dadurch gehen dem Mietmarkt jeden Tag weitere Unterkünfte verloren, oft schöne Altbauwohnungen oder coole Lofts.

Dazu spielt ein Wechsel in der Mentalität der Mexikaner eine Rolle. Mittlerweile ziehen die jungen Leute früher von zu Hause aus und kaufen sich kleinere stadtnahe Wohnungen. Oft verschulden sie sich dabei fürs halbe Leben. Vor Jahren noch waren bis zu 300 Quadratmeter große Apartments am Stadtrand der Renner. Doch dieser Markt ist saturiert. Am besten gehen derzeit Wohnungen zwischen 65 und 95 Quadratmeter Wohnfläche.

Dementsprechend steigen in meiner Gegend die Preise für Mieten und Käufe exponentiell. In einem völlig überhitzten Markt werden die kleinen, für meine Straße typischen Häuser mit knapp 100 Quadratmeter Wohnfläche für umgerechnet eine halbe Million Euro angeboten. Für Neuvermietungen eines 100-Quadratmeter-Apartments werden locker bis 1500 Euro Monatsmiete aufgerufen, je nach Zustand der Wohnung.

Verdopplung der Preise

In Mexiko-Stadt, so sagen Makler, hätten sich die Immobilienpreise in den attraktiven Lagen zwischen 2010 und 2015 verdoppelt. Dabei wurden in dieser Zeit laut Statistikamt 87 Wohnungen pro Tag fertiggestellt. Seither dürfte sich der Rhythmus des Wohnungsbaus genauso weiter beschleunigt haben wie die Preise.

Laut dem Index „Worldwide Cost of Living 2018” der Economist-Intelligence-Unit ist Mexico-City die Stadt, in der die Lebenshaltungskosten zwischen 2017 und 2018 am stärksten gestiegen sind. Ein Großteil davon macht die Explosion der Wohnkosten aus. Mexiko-Stadt belegt auf der Liste der teuersten Städte der Welt Platz 34.

Mietspiegel unbekannt

Besonders absurd ist es, wenn man bedenkt, dass die angesagtesten Viertel auf äußerst unsicherem Grund stehen. Das Erdbeben vom 19. September 2017 hat in der Roma und der angrenzenden Condesa die größten Schäden angerichtet. Insbesondere in der Roma ist der Untergrund weich. Bis dorthin reichte vor Jahrhunderten der Texcoco-See, um den herum Tenochtitlán, die Hauptstadt des Azteken-Reichs und Vorläufer von Mexiko-Stadt, gebaut war.

Als die Spanier die Stadt eroberten, legten sie den See trocken. Zentrale Teile der mexikanischen Hauptstadt sind also buchstäblich auf Sand gebaut. Doch das schreckt die Mexikaner wenig – sie kaufen weiter. Die ausgeflippten Preise werden noch dadurch befeuert, dass es keine Regelungen wie Mietspiegel oder -deckel gibt. Jeder fordert, was er gerade will.

Und Mexikaner lassen ihre Wohnung lieber Monate leer stehen, als die Miete auf ein vernünftiges Maß zu reduzieren. In der Roma wurde kürzlich eine dunkle Wohnung ohne Aufzug und Parkplatz auf einer Vermietungsplattform für 57.000 Pesos angeboten – umgerechnet 2662 Euro monatlich. Im kolonialen Stadtteil Coyoacán im Süden der Metropole werden Häuser zu Preisen zwischen 2300 und 4700 Euro monatlich vermietet.

Irgendwann kommt schon ein Expat, dessen Unternehmen diese Mieten zahlt. Besonders beliebt bei mexikanischen Hauseigentümern sind übrigens Mieter aus Japan. Sie akzeptierten bereitwillig jeden Mietzins, den man von ihnen verlangt, sagen Makler hinter vorgehaltener Hand.

Zeitlich befristete Verträge

Mietkontrakte werden in Mexiko-Stadt grundsätzlich nur auf ein Jahr geschlossen – danach darf der Eigentümer die Miete nicht nur um die Inflationsrate, sondern um so viel erhöhen, wie es ihm passt. Mein Vermieter gehört zu der Spezies, die findet, sie habe nur Rechte und der Mieter nur Pflichten.

Das führt dazu, dass er in der Wohnung keinerlei Schönheitsreparaturen vornehmen lässt, mir aber im vergangenen Jahr den Mietzins um 19 Prozent anheben wollte, weil – siehe oben – die Roma ja inzwischen so ein hipper und teurer Stadtteil geworden ist. Mietrecht ist in Mexiko weitgehend vertraglich abdingbar und Mieterschutz, so wie man ihn aus Deutschland kennt, gänzlich unbekannt.

Grafik

Und wer eine Wohnung neu anmieten will, muss erst einmal viele bürokratische Hürden überwinden. Man braucht so gut wie immer ein „Aval“, mit dem sich ein Bürge verpflichtet, einzuspringen, falls die Zahlungen des Mieters ausbleiben. Da der Rechtsstaat in Mexiko eher eine Illusion ist und man seine Forderungen nur schwer einklagen kann, schützen sich die Eigentümer auf diese Weise davor, dass der Mieter plötzlich auszieht und einfach nicht mehr zahlt.

So ist der Immobilienmarkt auch ein Abbild der mexikanischen Gesellschaft: Es dominieren Misstrauen und das Recht des Stärkeren. Verbraucherschutz ist so gut wie unbekannt. Und auf Recht und Gesetz pocht man eigentlich nur dann, wenn es einem selbst etwas nützt. So habe ich beschlossen, mir schleunigst eine neue Bleibe zu suchen: Da ich in meiner Wohnung auch arbeite, ist der Baulärm, der mich von frühmorgens bis spätnachmittags umgibt, nicht mehr zu ertragen – trotz der Ohrstöpsel, mit denen ich mich zu schützen versuche.

Ob ich in meinem Viertel aber wieder eine ähnlich große Wohnung finde, die ich mir werde leisten können, ist fraglich. Vermutlich wird mir nichts anderes übrig bleiben, als eine deutlich kleinere anzumieten.
Immerhin: Einen Lichtblick gibt es doch aus Mietersicht: Die Maklercourtage zahlt in Mexiko immer der Vermieter.

Mehr: In Mexiko hat die Mafia mit dem Energiemarkt ein neues Betätigungsfeld. Zuletzt starben mehr als 70 Menschen bei der Explosion einer Pipeline.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×