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12.07.2022

13:32

Immobilienfinanzierung

Immer weniger Deutsche können einen Hauskauf finanzieren

Von: Carsten Herz

Eine Untersuchung zeigt, dass sich viele Interessenten selbst mit hohem Einkommen keine Immobilie mehr leisten können. Ist der Traum vom Hauskauf geplatzt?

Familie im Garten der eigenen Immobilie  LBS

Deutsches Reihenhaus

Die meisten Deutschen träumen vom eigenen Haus. Doch für wenige ist die Immobilienfinanzierung noch tragbar.

Frankfurt Steigende Hypothekenzinsen, stark steigende Baukosten und Immobilienpreise: Immer weniger Deutsche können sich noch einen Wohnungskauf leisten.

Nach einer neuen Studie des Datenspezialisten FMH X und des Analyseinstituts SWI Finance, die dem Handelsblatt vorab vorliegt, müssen heute viele Immobilienkäufer „fast ihr komplettes Vermögen in Immobilien investieren, um das in 2022 durchschnittlich eingesetzte Eigenkapital aufzubringen“. Ein Blick auf die Vermögensverteilung in Deutschland zeige, „dass nur zehn Prozent der Deutschen über so viel Vermögen verfügen, dass sie das aktuell stemmen können“, heißt es in der Studie.

Nur wenige können sich Immobilie ohne Erbschaft finanzieren

Der Neubau oder Kauf von Immobilien wird damit für viele Bevölkerungsgruppen zunehmend unerschwinglich. Laut der Untersuchung kalkulierte selbst unter den Immobilieninteressierten mit 6.000 Euro oder mehr monatlichem Einkommen fast die Hälfte mit einer Schenkung oder Erbschaft.

Vor diesem Hintergrund bekundeten mehr als die Hälfte dieser Befragten allerdings weiter Interesse an einem Wohnungskauf. Bei Haushalten, die weniger als 2.000 Euro im Monat zur Verfügung haben, lag der Anteil dagegen nur bei 16 Prozent, geht aus der Studie hervor.

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    Immobilienfinanzierung: Bauzinsen klettern rasant

    Denn Kredite für Immobilienkäufer in Deutschland werden immer teurer. Der effektive Zins für zehnjährige Finanzierungen ist jüngst im Mittelwert erstmals seit mehr als zehn Jahren wieder über die Marke von drei Prozent gestiegen, wie die Frankfurter FMH-Finanzberatung errechnete. Zinsen von mehr als drei Prozent bei zehnjährigen Baukrediten hat es demnach zuletzt am 5. April 2012 gegeben.

    Die Bauzinsen haben sich seit Jahresbeginn fast vervierfacht, wie das Vergleichsportal Check24 vorrechnet. Bei einer Baufinanzierung über 400.000 Euro zu einem effektiven Zinssatz von 3,0 Prozent bedeute das höhere Kosten von 78.831 Euro bis zum Ende der zehnjährigen Laufzeit.

    Als Reaktion versuchen viele Käufer deshalb, die Finanzierung der Traum-Immobilie stärker zu strecken. Vom durchschnittlichen Maximum im Jahr 2018 mit einer durchschnittlichen Tilgung von 4,2 Prozent seien die Raten um fast ein Viertel auf 3,4 Prozent gesunken, heißt es in der Studie.

    Zugleich seien die durchschnittlichen Kreditlaufzeiten bei den Anfragen gestiegen, die nun über 30 Jahren liegen. „Es häufen sich die Anzeichen, dass die Situation für Immobilien-Interessenten zunehmend kritisch wird“, warnen die Studien-Autoren.

    „Viele können sich das schlicht nicht mehr leisten“

    Die wachsende Kluft am Käufermarkt zeige sich auch beim Blick auf das eingesetzte Eigenkapital. Ab dem 1. Quartal 2022 seien zum ersten Mal Eigenkapital von über 200.000 Euro für eine durchschnittliche Baufinanzierung angefragt worden. Im ersten Quartal 2016 habe das Eigenkapital noch unter 80.000 Euro gelegen.

    Eine solide Finanzierung könnten sich vor diesem Hintergrund immer weniger Menschen in Deutschland leisten, heißt es in der Studie. In der Praxis erlebe er derzeit zunehmend, dass Kunden, die einen Neubau geplant hatten, Abstand davon nehmen, sagte auch Andreas Brendel, Spezialist für Baufinanzierungen beim Immobilienfinanzierer Dr. Klein. „Viele können sich das schlicht nicht mehr leisten und verkaufen ihr Grundstück wieder.“

    Wer sich heute für Baufinanzierungen interessiere, verfügt nach Berechnungen der Experten über ein durchschnittliches Netto-Haushaltseinkommen von weit über 5.000 Euro im Monat und zählt damit beim Einkommen zu den Top-15-Prozent der Bevölkerung.

    Für die Untersuchung wurden 20.000 Anfragen von 2016 bis 2022 aus den Baufinanzierungsrechnern der Finanzberatung FMH sowie eine repräsentative Online-Befragung im Juni von rund 2.000 Personen ausgewertet.

    Immobilienfinanzierung: Käufer von Immobilien suchen lange Zinsbindung

    Selbst Gutverdiener müssen sich demnach immer mehr finanziell strecken, um einen Kauf möglich zu machen. 2020 lag der durchschnittliche Anteil der monatlichen Rate am Familieneinkommen bei 22 Prozent. Dieser Wert habe sich 2021 auf 23,5 Prozent und 2022 auf 26,1 Prozent erhöht. Obwohl der Kauf von Immobilien seit 2016 um bis zu 60 Prozent teurer geworden ist, seien die angefragten Finanzierungen jedoch nach wie vor solide, urteilen die Studienautoren. Der Anteil der monatlichen Rate am Haushaltseinkommen habe sich zwar leicht erhöht, sei aber noch weit weg von der als kritisch angenommenen Belastungsgrenze von 35 Prozent.

    „Es scheint also nicht so, dass die potenziellen Baufinanzierungskunden an der Grenze ihres finanziellen Spielraums operieren“, urteilen die Experten. Die Zinsbindung sei mit 13,4 Jahren im ersten Quartal 2022 nach wie vor lang. Dadurch bleibe die langfristige Planbarkeit erhalten, was sich auf den ganzen Markt stabilisierend auswirke.

    Erstpublikation: 11.07.22, 04:00 Uhr.

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