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10.05.2019

04:03

Industriekonzern

Vier Siemens-Abspaltungen – und was sie Anlegern gebracht haben

Von: Robert Landgraf

Der Industriekonzern hat bereits vier Sparten ausgegliedert und an die Börse gebracht. Doch dieser Schritt war nicht jedes Mal von Erfolg gekrönt. Ein Überblick.

Der Konzern hat bereits mehrere Sparten ausgegliedert und an die Börse gebracht. dpa

Eingangsbereich der Siemens-Zentrale in München

Der Konzern hat bereits mehrere Sparten ausgegliedert und an die Börse gebracht.

Frankfurt Der Abschied vom Mischkonzern alter Prägung ist Siemens-Konzernchef Joe Kaeser gewiss nicht leichtgefallen. Schließlich geht es um die einschneidendste Veränderung in der mehr als 170-jährigen Firmengeschichte. Der Technikkonzern spaltet das „Powerhouse“ ab, wie das Energiegeschäft intern genannt wird. Es geht um mehr als 80.000 Mitarbeiter und 30 Milliarden Euro Umsatz.

Mit dabei ist auch der erste große Deal in Kaesers Amtszeit als CEO, der sechs Milliarden Euro teure Kauf des amerikanischen Ölausrüsters Dresser-Rand, der zu falschen Zeit viel zu teuer durchgezogen wurde. Übrigbleiben wird ein Technologiekonzern, der von der Trennung der Energietechnik profitieren und an der Börse höher bewertet werden soll.

Siemens hat eine lange Geschichte von Abspaltungen verschiedener Konzernteile, deren Anteilsscheine den Aktionären ungefragt ins Depot gebucht wurden. Es kam aber auch zu Börsengängen von Tochterunternehmen, die frisches Kapital in den Konzern spülten. Die Erfolgsbilanz der in die Eigenständigkeit entlassenen Firmen fällt durchwachsen aus.

Erfolgsfall Siemens Healthineers

Mit der Medizintechniktochter wagte Siemens Mitte März vergangenen Jahres den Schritt auf das Parkett. Zunächst kam es an der Frankfurter Börse zwar zu einer einstündigen Verzögerung, bevor Makler Nico Baader den Kurs von Siemens Healthineers ausrufen konnte. Doch das war kein schlechtes Omen für den wichtigsten Börsengang des Jahres in Deutschland.

Healthineers ist ein Erfolg für Siemens. Zwar startete die Aktien in einem unsicheren Börsenumfeld, das von der Ankündigung von Strafzöllen durch den US-Präsidenten Donald Trump und dem unklaren Wahlergebnis in Italien geprägt war, der zu einem Rechtsruck führte. Kurzfristig sorgten beide Faktoren für stärkere Kursturbulenzen.

Aber Siemens reagierte darauf und orientierte sich bei Ausgabekurs der neuen Aktien nach unten. 28 Euro kostete ein Dividendentitel. Gleichzeitig wurde nur ein Minderheitsanteil von 15 Prozent verkauft, eigentlich hatte es ein Viertel sein sollen. Trotzdem blieb es der viertgrößte Börsengang in Deutschland seit dem Jahr 2000. Mehr hatten nur die Deutsche Post, die ehemalige Siemenstochter Infineon und zuletzt im Oktober 2016 die RWE-Abspaltung Innogy eingenommen.

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CEO Joe Kaeser greift mit seinen Umbauplänen tief in die DNA von Siemens ein. Die neue Struktur soll den Industriekonzern robuster machen.

Die von Kaeser erhoffte Bewertung von 35 Milliarden Euro für die Erlangener Tochter wurde beim Börsengang nicht erreicht. Es wurden sieben Milliarden weniger. Doch die Tochter, die unter anderem Weltmarktführer bei bildgebenden Systemen wie Röntgen- und Ultraschallgeräten sowie Magnetresonanztomographen ist, zählte seit Jahren zu den Gewinnbringern im Siemens-Konzern.

Das hat sich seit dem Börsengang nicht verändert. Im ersten Quartal machte Healthineers bei der Einführung des Labordiagnostiksystems Atelica Fortschritte. Trotz der Anlaufkosten des Systems verbesserte sich die operative Umsatzrendite im zweiten Quartal 2018/19 (Ende September) auf 17,9 Prozent. Wachstum und Nettogewinn übertrafen die Analystenprognosen leicht.

Der Erfolg des in den Index für mittelgroße Unternehmen MDax aufgestiegenen Unternehmens lässt sich auch am Aktienkurs ablesen. Um gut 31 Prozent ist der Kurs seit der Neuemission gestiegen. Damit zählt Healthineers zu den erfolgreichsten Gängen auf das Parkett an der deutschen Börse in jüngster Zeit und entwickelte sich deutlich besser als der Kurs der Mutter Siemens.

Sorgenkind Osram

Das große Zittern musste Joe Kaeser noch in seiner Zeit als Finanzchef bei Siemens durchleben, als es zum Spin-off des Lichttechnikkonzerns Osram kam. Nachdem der ursprünglich geplante Börsengang der ungeliebten Tochter nicht geklappt hatte, bekamen die Siemens-Aktionäre Mitte 2013 für zehn Aktien des Elektrokonzerns eine Aktie von Osram einfach in ihr Depot gebucht.

Am Anfang geriet die Aktie nach einem ersten Preis von 24 Euro etwas unter Druck. Indexfonds, die den Deutschen Aktienindex und den europäischen Euro-Stoxx-50-Index abbilden, in denen Siemens Mitglied ist, mussten sich von der Osram-Aktie trennen. Nur so passte für sie die Zusammensetzung in den Indizes wieder.

Doch die Banken, die den Börsengang begleiteten, machten einen guten Job und platzierten die freiwerdenden Aktien bei anderen Großanlegern um. Schon damals wollte sich Siemens auf seine Kernsparten konzentrieren und löste sich deshalb von der Tochter.

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Der Aufsichtsrat hat eine weitere Aufspaltung des Siemens-Konzerns beschlossen. Das Energiegeschäft soll ausgegliedert und an die Börse gebracht werden.

Der nach Philips zweitgrößte Leuchtmittelhersteller der Welt erlebte nach der Emission eine schwierige Zeit und zog einen harten Sparkurs durch. Weltweit wurden Standorte geschlossen oder verkauft. In Deutschland fiel mehr als jede zehnte Stelle weg.

Andererseits investierte Osram in die Entwicklung und Produktion von Lampen auf der Basis von Leuchtdioden. Die klassische Glühbirne hatte ausgedient. Drei Jahre nach dem Börsengang verkaufte Osram die Tochter Ledvance und damit die traditionelle Lampensparte an Erwerber aus China unter Führung des chinesischen LED-Spezialisten MLS für über 400 Millionen Euro.

Probleme gibt es allerdings für Osram-Chef Olaf Berlien auch heute noch genug. Die schwache Konjunktur und der sinkende Autoabsatz bereiten dem Münchener Zulieferer Probleme. Nach zwei Gewinnwarnungen im vergangenen Jahr verschreckte Osram die Aktionäre im März mit einer weiteren. Daraufhin brach die Aktien ein und fiel auf den tiefsten Stand seit Herbst 2014.

Angesichts der Misserfolge ziehen sich auch die Übernahmegespräche von Osram mit den Finanzinvestoren Bain Capital und Carlyle hin, die weiterhin die Bücher prüfen. Offenbar sind den Beteiligungsgesellschaften Zweifel gekommen, ob sie bei Osram zugreifen sollen. Im Vergleich zum Kurs beim Börsengang liegt die Aktie aktuell mit 29 Euro gut 20 Prozent im Plus. Im Februar allerdings stand der Anteilsschein noch bei mehr als 40 Euro. Große Erfolge sehen anders aus.

Infineon – vom Desaster zum Comeback

Ulrich Schumacher brauste Mitte März 2000 mit einem aufgepeppten Renn-Porsche und in Motorsport-Overall vor die Tore der Frankfurter Börse, um den ersten Tag der Siemens-Tochter auf dem Parkett zu feiern. Der Chef des Halbleiterherstellers hatte auf dem Höhepunkt des Börsenrauschs zur Zeit des Neuen Marktes noch gut lachen.

Beim zweitgrößten Börsengang nach der Erstausgabe der T-Aktie 1996 zum Ausgabepreis von 35 Euro startete die Aktie an der Börse dann mit 70,20 Euro – über 100 Prozent Zeichnungsgewinn. Die Emission war 33-fach überzeichnet und traf damit auf riesige Nachfrage. Die Aktien mussten im Losverfahren zugeteilt werden. Vorbörslich war die Aktie von Infineon sogar mit bis zu 110 Euro gehandelt worden. Viele Investoren schichteten Gelder von der Mutter Siemens in Infineon um.

Hervorgegangen war Infineon aus der Siemens-Halbleitersparte, die der Konzern nach Milliardenverlusten ausgegliedert hatte. Das Unternehmen produzierte Chips für den Mobilfunk, Kommunikations- und Multimedia-Anwendungen sowie für die Automobil- und Industrieelektronik.

Doch der Erfolg an der Börse hielt nicht lange an. Bereits ein Jahr später war Infineon unter seinem Ausgabekurs gefallen. Der New-Economy-Hype war verflogen, der Abwärtstrend des Konzerns nicht zu stoppen, weder mit Konzernchef Ulrich Schumacher noch mit den Nachfolgern Wolfgang Ziebart oder Peter Bauer.

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Die Chipindustrie wird dieses Jahr kräftig schrumpfen. Auch der Dax-Konzern Infineon spürt die Krise – investiert aber unverdrossen weiter.

Am 3. Dezember 2008 um 16 Uhr war es dann soweit: Mit dem Halbleiterhersteller Infineon rutschte erstmals ein Wert aus dem Deutschen Aktienindex unter die Marke von einem Euro und wurde so zum „Penny-Stock“. Ein ärgerliches Kapitel für eine Aktie, die keine acht Jahre zuvor noch als Volksaktie für große Aufregung gesorgt hatte. 2006 spaltete Infineon seine Speicherchip-Herstellung unter dem Namen Quimonda ab, die drei Jahre später in die Insolvenz rutschte.

Seit dem Tiefpunkt hat Infineon ein Comeback gefeiert, das in der Rückkehr in den Deutschen Aktienindex gipfelte. Dividenden werden wieder regelmäßig gezahlt. Mit aktuell 18,80 Euro kostet die Aktie heute allerdings nur noch etwa halb so viel wie beim Debüt vor knapp zwei Jahrzehnten.

Epcos – ein Gewinn nur für Sammler

In die Hochzeit des Neuen Marktes, die geprägt war vom Überschwang der Anleger, fällt auch die Siemens-Tochter Epcos. Das Bauelemente-Unternehmen wurde Mitte Oktober 1999 an die Börse geführt und überzeugte gleich durch eine ordentlichen Gewinnanstieg.

Der Konzern, dessen Kerngeschäft aus dem ehemaligen Siemens-Bereich „Passive Bauelemente“ stammte, steigerte im Geschäftsjahr 1998/99 (30. September) seinen Gewinn um 74 Prozent auf 76 Millionen Euro. Der Umsatz zog ähnlich stark an. Epcos, an der Siemens und der japanische Partner Matsushita nach dem Börsengang noch jeweils 12,5 Prozent gehalten hatten, war zum Ausgabekurs von 31 Euro an die Börse gebracht worden.

Das Unternehmen war fast drei Jahre lang im Deutschen Aktienindex vertreten und danach im Neuen Markt. Der Konzern galt damals als Erfolgsbeispiel. Doch der Hersteller elektronischen Bauteile wurde immer weiter zerlegt.

Siemens und Matsushita, die heutige Panasonic, trennten sich bald von ihren Restanteilen. Im Jahr 2009 stieg dann der japanische Konzern TDK bei der an der Frankfurter Börse und an der Wall Street notierten Aktie ein. Im März 2010 erfolgte die vollständige Übernahme von Epcos.

TDK fand ein Geschäft, das besser als erwartet lief. Die Aktionäre hatten nichts mehr davon. Sie wurden 2009 mit 18,14 Euro je Aktie abgefunden, ein Verlust von rund 42 Prozent gegenüber dem Ausgabekurs. Glück hatten Aktionäre, die sich die sogenannten American Depositary Shares ausliefern ließen, also die Anteilsscheine, die an der Technologiebörse Nasdaq notierten, was damals noch vorgeschrieben war.

Der Wertpapier-Sicherheitsdruck der Northern Bank Note Company „mit ausdrucksvoller Stahlstichvingnette“, wie er in Sammlerauktionen angeboten wird, kostet in Toperhaltung und unentwertet heute fast 80 Euro. Ein Erfolg wohl für nur wenige Epcos-Aktionäre.

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