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09.10.2019

17:28

Interview

Blackstone-Gründer Stephen Schwarzman: „Du bist nur so gut wie dein letzter Deal“

Von: Robert Landgraf, Carsten Volkery

Der Gründer der US-Beteiligungsfirma über Handelskonflikte, warum er Lehrer nicht besteuern will und sich als Schwerarbeiter der Wall Street sieht.

Die „Fortune“ nennt ihn „König der Wall Street“. Sally Montana/Redux/laif

Stephen A. Schwarzman

Die „Fortune“ nennt ihn „König der Wall Street“.

London Stephen Schwarzman, Gründer und Chef der US-Beteiligungsfirma Blackstone, versucht im Handelskonflikt zwischen den USA und China zu vermitteln. Kurz vor der Wiederaufnahme der bilateralen Gespräche betonte der in China bestens vernetzte 72-Jährige im Handelsblatt-Gespräch: „Ich glaube, China will die Entkoppelung der chinesischen und amerikanischen Wirtschaft stoppen.“

Die Regierung in Peking wisse, dass der Handelskonflikt zu langsamerem Wachstum in China, den USA, den Schwellenländern und Europa führe. Dass die USA sich in den Verhandlungen mit China so hart zeigen, sei im Interesse aller Industrieländer, so die Wall-Street-Legende. China müsse seinen Weg aus einem System finden, das seit 40 Jahren bemerkenswertes Wachstum liefere, aber immer noch nach Schwellenländer-Standards funktioniere.

Die Importzölle sind Schwarzman zufolge in China dreimal höher als in den USA, die Märkte relativ abgeschottet, intellektuelles Eigentum werde traditionell nicht geachtet und es gebe viel Cyberkriminalität. „Das muss sich ändern, ist aber nicht so einfach“, betont der Experte. Aus seiner Sicht tobt in China ein Kampf um den richtigen Weg. „In Peking gibt es Reformer und Hardliner.

Manche denken, China solle sich ändern, andere wollen so weitermachen wie bisher“, erklärt er. Für Außenstehende sei es schwer zu verstehen, was vor sich gehe. In den vergangenen Monaten hätten sich die Chinesen dagegen gesträubt, etwas Konkretes auf den Tisch zu legen. Aber Schwarzman glaubt, „dass sie nun ihre Zurückhaltung aufgeben, weil das in ihrem Interesse ist“.

Lesen Sie hier das ganze Interview

Herr Schwarzman, das Magazin „Fortune“ hat Sie mal als „König der Wall Street“ bezeichnet. Trifft das Ihr Lebensgefühl?
Ich fühle mich eher wie ein Schwerarbeiter der Wall Street. Könige oder Prinzessinnen gibt es nicht, wir sind ziemlich demokratisch. In der Finanzbranche bist du ohnehin nur so gut wie dein letzter Deal.

Was war denn Ihr letzter großer Deal, damit wir uns ein Bild machen können?
Wir haben für 5,9 Milliarden Dollar eine Lagerhaus-Immobilienfirma namens Colony Industrial gekauft, die nicht nur in den USA, sondern auch in Europa und da etwa in Deutschland engagiert ist.

Neben der Arbeit bei Blackstone betätigen Sie sich zunehmend als Politikberater, aktuell als Vermittler im Handelskonflikt zwischen den USA und China. An diesem Donnerstag werden die bilateralen Gespräche im Weißen Haus wieder aufgenommen. Was erwarten Sie?
Es ist schwer vorherzusagen. Ich glaube, China will die Entkoppelung der chinesischen und amerikanischen Wirtschaft stoppen. Die Regierung weiß, dass der Handelskonflikt zu langsamerem Wachstum in China, den USA, den Schwellenländern und Europa führt.

Bisher ist der Konflikt immer wieder aufs Neue eskaliert. Sie selbst haben erlebt, wie US-Präsident Donald Trump mögliche Kompromisse durchkreuzte.
Die USA fordern China auf, sich zu ändern. Das ist im Interesse aller Industrieländer. China ist die größte Volkswirtschaft der Welt.

Das Land muss seinen Weg aus einem System finden, das seit 40 Jahren bemerkenswertes Wachstum liefert, aber immer noch nach Schwellenländer-Standards funktioniert. Die Importzölle sind dreimal höher als US-Importzölle, die Märkte sind relativ abgeschottet, außer wenn es darum geht, Mercedes und BMWs einzuführen.

Intellektuelles Eigentum wird traditionell nicht sonderlich geachtet, und es gibt viel Cyberkriminalität. Das muss sich ändern, aber das ist nicht so einfach.

Was ist das Hauptproblem?
Vieles hängt mit der chinesischen Innenpolitik zusammen. In Peking gibt es Reformer und Hardliner. Manche denken, China sollte sich ändern, andere wollen so weitermachen wie bisher.

Viel wird hinter verschlossenen Türen debattiert, und für Beobachter von außen ist es sehr schwer zu verstehen, was vor sich geht. Es ist auch schwer zu verhandeln, wenn die andere Seite nichts Konkretes auf den Tisch legt. In den vergangenen Monaten haben sich die Chinesen dagegen gesträubt.

Aber ich glaube, dass sie nun ihre Zurückhaltung aufgeben, weil das in ihrem Interesse ist. Es ist nicht einfach, Geschäfte zu machen, wenn die beiden größten Volkswirtschaften der Welt nicht harmonisch miteinander auskommen.

Die Handelsbilanz ist Ausdruck einer großen Verschiebung in der Weltwirtschaft in Richtung Asien. Kann die Politik an diesem ökonomischen Megatrend überhaupt wesentlich etwas verändern?
Kurzfristig wird die Wirkung begrenzt sein, denn China wird sich nicht einfach den Regeln der Welthandelsorganisation unterwerfen. Es ist politisch schlicht nicht möglich.

Was immer passiert, wird schrittweise passieren. Das ist die chinesische Art. Aber wenn man sich eine Welt vorstellt, in der China offen, die Zölle und Regeln angepasst und das geistige Eigentum geschützt wären, würde sich die Handelsbilanz wahrscheinlich deutlich ändern.

Spielen Sie manchmal mit dem Gedanken, selbst in die Politik zu gehen, statt nur die Regierung zu beraten?
Nein. Politik ist ein sehr schwieriges Geschäft, und in den Vereinigten Staaten wird es immer unversöhnlicher. Als unabhängiger Außenseiter kann man seine Meinung äußern, ohne angegriffen zu werden.

Wenn ich ab und zu helfen kann, reicht mir das. Ich kenne die beteiligten Personen in China aus anderen Kontexten heraus und kann daher leicht mit ihnen reden.

Sie sind in der Politik sehr gut vernetzt. Wäre Blackstone so erfolgreich ohne Ihre politischen Beziehungen?
Absolut. Blackstone hat ein Eigenleben. Wir kaufen Firmen, machen sie wieder flott und verkaufen sie. Wenn ich mit Politikern rede, geht es nicht um mein Unternehmen. Das wäre ein Interessenkonflikt.

Prominente Topmanager in den USA machen sich für eine grundlegende Reform des Kapitalismus und eine stärkere Umverteilung des Wohlstands stark. Wie stehen Sie dazu?
Wir leben in einer pluralistischen Gesellschaft, die Leute haben viele unterschiedliche Meinungen. Ich halte es für wichtig, Menschen zu helfen, die es schwer haben.

Ein Weg wäre, den Mindestlohn in den USA auf 15 Dollar zu erhöhen. Das wäre doppelt so hoch wie jetzt. Das würde 30 bis 40 Prozent der Bevölkerung zugutekommen.

Ich mag diese Idee, weil die Leute dafür arbeiten müssen. Es wäre eine Steuer für Unternehmen, aber das wäre in diesem Fall eine gute Sache. Es kann nicht sein, dass 40 Prozent der Amerikaner im Notfall nicht einmal einen Scheck über 400 Dollar ausstellen können, weil sie keine Ersparnisse haben. Niemand sollte in so einer Lage sein.

Würde das ausreichen?
Wir müssen auch unser Bildungssystem drastisch reformieren. Wir können in der Welt nicht mehr mithalten. Es beginnt bei den Lehrern.

Jeder von uns kann sich an einen Lehrer erinnern, der den entscheidenden Unterschied gemacht hat. Deshalb sollten wir die Bedeutung des Berufs erhöhen. Lehrer sollten keine Steuern mehr zahlen.

Wo würde das Geld herkommen?
Wir könnten unser Defizit erhöhen. Es wäre keine so große Summe. Wenn Lehrer keine Steuern zahlen müssten, würde der Beruf attraktiver.

Erstens hätten sie ein besseres Einkommen. Zweitens würden wir den Beruf als etwas Besonderes herausstellen, weil Lehrer die Einzigen wären, die keine Steuern zahlen müssten.

Manche US-Politiker haben andere Ideen zur Bekämpfung der Ungleichheit: Sie wollen reiche Amerikaner wie Sie stärker besteuern. Manche wie der demokratische US-Präsidentschaftskandidat Bernie Sanders sagen sogar, es sollte gar keine Milliardäre geben.
Milliardäre existieren gewöhnlich, weil sie ein Unternehmen gegründet haben und dieses immer größer wurde. Schauen Sie sich Superreiche wie Bill Gates und Jeff Bezos an: Sie haben ihre Unternehmen Microsoft und Amazon aus dem Nichts geschaffen – nur mit ihren Ideen.

Wenn Sie diese Leute nicht haben und ein sozialistischeres Modell wählen, was manche in den USA interessant zu finden scheinen: Wo würden die Menschen dann arbeiten? Jedes Unternehmen in Deutschland wurde von jemandem gegründet.

Wenn Sie es richtig gemacht haben, beschäftigen Sie viele Leute. So funktioniert das System. Wenn Sie die wirtschaftlichen Anreize wegnehmen, hätte das einen erheblichen Effekt.

Die Leute werden nicht reich, indem sie zu Hause im Wohnzimmer sitzen und ferngucken. Sie haben einen Traum, gehen raus, organisieren ihre Ressourcen und bauen etwas auf.

Sie haben sich von einem jüdischen Jungen aus der Mittelschicht zu einem der großen Industrieführer wie Andrew Carnegie entwickelt. Wie wichtig war Bildung für Sie?

Wenn meine Mutter gegenüber meinem Vater nicht darauf bestanden hätte, in einen besseren Schulbezirk zu wechseln, hätte ich keine Chance gehabt, auf die Universitäten Yale und Harvard zu gehen.

Dann wäre mein Leben sicherlich anders verlaufen. Erziehung ist das Visum für ein besseres Leben. Deswegen unterstütze ich viele Universitäten, und ich bin auch der größte Spender des katholischen Schulsystems in den USA, obwohl ich kein Katholik bin

90 Prozent derjenigen, die ich unterstütze, sind Angehörige von Minderheiten, viele von ihnen leben unterhalb der Armutsgrenze. 98 Prozent machen aber einen Schulabschluss und erhalten dadurch bessere Lebenschancen.

Ihre Eltern hatten ein Textilgeschäft in Frankford, Pennsylvania. Als Teenager drängten Sie Ihren Vater zur Expansion, aber er war zufrieden mit dem, was er hatte. Ging das im Rückblick einher mit einer größeren Lebensqualität?
Für meinen Vater auf jeden Fall. Das war das Leben, das er sich vorstellte. Bei meiner Mutter bin ich mir nicht sicher.

Mein Vater scheute das Risiko, auch wenn er an 6,5 Tagen die Woche hart arbeitete.

Sie haben Ihre Karriere bei den Investmentbanken Donaldson Lufkin Jenrette und Lehman Brothers begonnen. Bei beiden haben Sie sich rechtzeitig vor der Pleite verabschiedet. Wie sehen Sie die Lage der Banken heute? Gerade in Europa kämpfen die Institute mit den Negativzinsen.
Negativzinsen ergeben keinen Sinn. Sie erschweren den Finanzinstituten das Leben. Ihnen sollte es aber gut gehen, weil sie in der Gesellschaft eine wichtige Rolle als Kreditgeber für die Wirtschaft und Privatleute spielen.

Wenn sie kein Geld verdienen, steigt auch nicht ihr Eigenkapital, und es fällt ihnen schwer, Kredite zu vergeben. Wirtschaftliches Wachstum ist direkt damit verknüpft.

Nicht nur Banken, auch Versicherungen wie die Allianz sind davon betroffen.

In Ihrem Buch beschreiben Sie, wie schwierig es damals im Jahr 1985 war, Blackstone zu starten – und das, obwohl Sie und Ihr Partner Peter Peterson beide vorher Topbanker bei Lehman Brothers waren. Trotz Ihrer guten Beziehungen hat es gedauert, bis Sie die ersten Investoren überzeugt hatten. Heutzutage werden viele Start-ups mit Kapital überschüttet. Ist das eine gesunde Entwicklung?
Wenn das Geld so locker sitzt, heißt das gewöhnlich, es wird bald ein böses Erwachen geben. Sie hätten mich 1999 besuchen und exakt die gleiche Frage stellen können. 2001 waren 99 Prozent der Firmen mit Risikokapital bankrott.

Ist der abgesagte Börsengang des Coworking-Anbieters WeWork ein Omen?
Manchmal gibt es eine Zeit des Exzesses im Risikokapitalsektor. Das muss sich dann einmal zurechtrütteln. Das ist früher passiert, und das wird auch in Zukunft passieren.

Wir haben die Bewertung von WeWork alle nicht verstanden. Viele Leute in der Immobilienbranche – und Blackstone ist der größte Immobilieninvestor der Welt – haben von Anfang an gesagt: ein großes Problem.

Aber die Risikokapitalgeber denken nur daran, wie sie in der nächsten Finanzierungsrunde Geld machen können.

Sie hatten meistens das Fingerspitzengefühl, zum richtigen Zeitpunkt am Markt einzusteigen. Bieten sich jetzt attraktive Einstiegschancen?
Hohe Preise schrecken uns nicht ab. Wir verbessern Unternehmen, damit sie wertvoller werden und gleichzeitig in einem Abschwung widerstandsfähig sind. Anstatt 20 bieten sich uns deshalb heute nur vier Gelegenheiten. Wir brauchen jedoch nur eine.

Das mag sein, aber Sie haben etwa bei Ihrem jüngsten Private-Equity-Fonds rund 26 Milliarden Dollar eingesammelt, die Branche verfügt über 1,3 Billionen Dollar zum Investieren. Wo bleiben da ausreichend attraktive Kaufgelegenheiten bei den überhöhten Preisen?
Wir sind nicht gezwungen, Geld zu investieren. Falls sich nichts anbietet, rufen wir keine Gelder ab. Der Investor kann weiter damit arbeiten. Es gibt keinen Druck zu investieren.

Das Ergebnis soll gut sein. Im Jahr 2006, also kurz vor dem Ausbruch der Finanzkrise, haben wir unsere Investmentquote um 75 Prozent reduziert.

Und die Masse an Geld, das derzeit investiert werden soll?
Ich bekomme die Frage seit 1992 zu hören. Schon damals gab es viel Geld zum Investieren. Trotzdem haben wir großartige Renditen bei steigenden Unternehmenspreisen erzielt.

Ein Grund liegt in unserer Größe. Nur wenige können so viel Geld in ein Unternehmen stecken.

Herr Schwarzman, vielen Dank für das Gespräch.

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