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25.06.2019

04:04

Interview

Wirtschaftsnobelpreisträger Merton: „Es gibt keine Alternative zum Dollar“

Von: Torsten Riecke

Der amerikanische Wirtschaftsnobelpreisträger Robert C. Merton warnt vor politischen Risiken auf den Finanzmärkten und sieht eine globale Krise in der Altersversorgung.

„Sobald es irgendwo eine Krise gibt, fließt das Geld weltweit in den Dollar.“ Peter Boer/VISUM

Robert C. Merton

„Sobald es irgendwo eine Krise gibt, fließt das Geld weltweit in den Dollar.“

Guter Rat ist teuer. Und so reist Wirtschaftsnobelpreisträger Robert C. Merton, 74, um die Welt und berät Anleger, wie sie ihre Altersversorgung sicher machen können. Aber auch Regierungschefs suchen seinen Rat. Gerade hat sich Merton an der Harvard University mit Bundeskanzlerin Angela Merkel getroffen. Er war beeindruckt von der Physikerin: „Es war ein nettes Gespräch. Sie ist eine gute Frau.“

Herr Merton, ist die aktuelle Ruhe auf den Weltfinanzmärkten trügerisch – insbesondere, wenn Sie nach Europa und hier auf Italien blicken?
Vor der Einführung des Euros hatte Italien bereits eine hohe Staatsverschuldung. Der Markt für italienische Staatsanleihen war sehr stabil, weil die meisten Schuldscheine auf Lira lauteten. Es gibt Länder mit einer geringeren Schuldenquote, deren Anleihen jedoch auf fremde Währungen lauten – und das ist viel gefährlicher.

Wollen Sie damit sagen, Italien wäre ohne den Euro besser dran?
Als der Euro eingeführt wurde, wussten alle, dass die neue Währung anfällig sein würde, weil es keine integrierte Finanzpolitik für die Währungsunion gab. Es war eine politische Entscheidung zugunsten Europas – und sie war meiner Meinung nach richtig, trotz der ökonomischen Mängel der Währungsunion. Aber niemand sollte jetzt so tun, als hätte er nicht von den Schwächen des Euros gewusst.

Braucht Europa eine Insolvenzordnung für überschuldete Staaten?
Wir sind in der Lage, Finanzinstrumente zu entwickeln, die im Falle einer Schuldenkrise Investoren von Verbrauchern unterscheiden können. Auch Mercedes unterscheidet zwischen seinen Aktien- und Anleihekäufern auf der einen und seinen Autokäufern auf der anderen Seite. Investoren müssen nicht geschützt werden. Sie sollten wissen, was sie tun. Das Wohlergehen von Konsumenten sollte dagegen nicht davon abhängen, was auf den Finanzmärkten geschieht.

Was bedeutet diese Einsicht für die Lösung der Schuldenprobleme?
Auch bei Staatsanleihen ist es enorm wichtig, dass die Kunden das bekommen, was ihnen versprochen wurde. Während der Griechenlandkrise haben viele in Deutschland zunächst gesagt, dass man die Griechen pleitegehen lassen sollte. Als man dann gemerkt hat, dass dies auch deutsche Banken treffen würde, hat sich die Meinung geändert.

Sehen Sie außer Italien noch andere Krisenherde auf den Weltfinanzmärkten?
Mehr noch als der Rest der Wirtschaft sind die Finanzmärkte durch eine große Unsicherheit geprägt. Die ganzen Risiken aus dem privaten und öffentlichen Sektor landen letztendlich auf den Finanzmärkten. Im Moment drücken die politischen Risiken aus den globalen Handelskonflikten auf die Stimmung an den Märkten. Außerdem ist das Vertrauen in die Zuverlässigkeit staatlichen Handelns gesunken – zum Beispiel dadurch, dass internationale Verträge nicht eingehalten werden. Auch das ist ein neues Risiko.

Vita Robert C. Merton

Das Finanzgenie

Der US-Ökonom Paul Samuelson hat die Bedeutung von Robert C. Merton für die Finanztheorie einmal mit dem Einfluss Newtons auf die moderne Physik verglichen. Merton bekam 1997 zusammen mit Myron S. Scholes den Nobelpreis für die Preisbestimmung von Optionswerten.

Der Finanzakrobat

Merton versuchte, seine Ideen auch in der Praxis anzuwenden. Eine Schieflage des von ihm mitgegründeten Hedgefonds LTCM löste 1998 eine Finanzkrise aus. Der Fonds musste von Banken gerettet werden.

Wie bedeutend ist der Konflikt zwischen den USA und China für die Finanzwelt?
Wenn China wirklich eine Supermacht mit einer eigenen internationalen Reservewährung werden will, dann muss das Land eine Sache lernen: Das gibt es nicht umsonst. Der Dollar ist auch deshalb die Weltreservewährung, weil es in Amerika keine Kapitalverkehrskontrollen gibt. Sobald es auch nur einen Zweifel an der Zuverlässigkeit des Dollars gibt, verlieren die USA das Vertrauen auf den Finanzmärkten. Und nichts ist schwerer, als verloren gegangenes Vertrauen zurückzugewinnen. Das sieht man zum Beispiel auch an den enormen Kapitalabflüssen von den gemanagten Fonds zu den Indexfonds. Die Anleger sind nicht plötzlich risikoscheu geworden, sondern sie haben Vertrauen verloren.

Gibt es Zweifel am Dollar als Reservewährung?
Nein, das sehe ich nicht. Was wäre denn die Alternative zum Dollar? Es gibt keine. Sobald es irgendwo eine Krise gibt, fließt das Geld weltweit in den Dollar. Das sagt alles.

Vertrauen spielt auch bei der Digitalisierung der Finanzwelt eine wichtige Rolle. Trauen Sie den Fintechs über den Weg?
Das Silicon Valley glaubt, die Finanzwelt im Sturm erobern zu können. Dieser Ambition liegt die Annahme zugrunde, dass die neuen Technologien vertrauenswürdig sind. Technologie ist jedoch grundsätzlich nicht zuverlässig. Nicht einmal die Millennials trauen den neuen Technologien. Die Menschen werden die neuen Finanztechnologien aber nur dann nutzen, wenn sie ihnen auch vertrauen.

Warum kann man den neuen Technologien nicht trauen?
Sie haben starke Schmerzen im Knie und fragen Google, was Sie tun sollen. Nach 13 Sekunden bekommen Sie als Antwort: Amputieren Sie Ihr Bein. Würden Sie dem Rat vertrauen? Nein. Die neuen Technologien sind nicht transparent. Die Nutzer wissen nicht, welches Modell und welche Art von Daten benutzt wurden, um diesen Rat zu geben. Und sie wissen nichts über die Motivation der Modelldesigner. So ist es auch beim Einsatz der neuen Technologien in der Finanzwelt.

Viele Menschen nutzen dennoch digitale Zahlungssysteme wie Paypal, ohne zu wissen, wie die Technologie funktioniert.
Das gilt auch für das chinesische System Alipay. Woran liegt das? Es gibt keine Transparenz, aber es gibt eine Verifikation. Millionen nutzen es und es funktioniert. Man braucht also kein Vertrauen, die Verifikation reicht. Ohne Transparenz und ohne Verifikation können die Fintechs nicht reüssieren.

Vertrauen fehlt offenbar auch in der Altersversorgung. Sie sprechen gar von einer Krise. Warum?
Es gibt eine globale Krise in der Altersversorgung. Und der wichtigste Grund dafür ist: Wir leben länger. Wir müssen also mehr ansparen oder länger arbeiten, um unsere Renten oder Pensionen länger genießen zu können. Oder wir müssen uns im Alter mit weniger zufriedengeben. Daran führt kein Weg vorbei.

Was also tun?
Wenn man die Zwänge der Realität erst einmal akzeptiert hat, erkennt man, dass alle Menschen, egal wo sie auf der Welt leben, mehr direkte Verantwortung für ihre Altersversorgung übernehmen müssen. Mit einem staatlichen Rentenniveau von gut 40 Prozent kann niemand seinen Ruhestand genießen. Finanztechnisch ist es möglich, die Krise in der Altersversorgung abzuwenden. Dazu gehört zum Beispiel, dass Menschen die Wahl bekommen, wie sie für das Alter sparen wollen. Ein solches beitragsorientiertes System durchzusetzen ist jedoch kompliziert, vor allem politisch.

Warum ist es politisch so schwierig?
Wenn Politiker sagen, sie können eine nachhaltige Altersversorgung nicht umsetzen, dann haben sie ihren Job verfehlt. Wir brauchen sie nicht. Gute Politiker setzen etwas um, das der ganzen Gesellschaft nützt, von vielen jedoch nicht verstanden oder unterstützt wird.

Welches Land bewegt sich bei der Altersversorgung in die richtige Richtung?
Es gibt einige Länder in Asien, die das Problem erkannt haben. In Singapur zum Beispiel steuern Arbeitnehmer und Arbeitgeber jeweils 17 Prozent Pflichtbeiträge zum Central Provident Fund bei. Das ist kein Umlagesystem. Es erlaubt den Beitragszahlern sogar, Kredite aufzunehmen, um ein Haus zu kaufen. Über 90 Prozent der Bevölkerung besitzen dort Immobilieneigentum. In Deutschland sind es gut 40 Prozent. Das Rentensystem in Singapur ist sehr strategisch und effizient angelegt – und dennoch macht man sich auch dort Sorgen. Aber: Was in Singapur mit seinen gut fünf Millionen Einwohnern funktioniert, funktioniert nicht unbedingt in Deutschland. Auch China und die USA machen Schritte in die richtige Richtung.

Herr Merton, vielen Dank für das Interview.

Mehr: Fintechs aus Deutschland kommen in Schwung – und haben im ersten Quartal fast 700 Millionen Euro Umsatz gemacht. Hier die Top fünf im Überblick.

Kommentare (2)

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Herr Hans Henseler

24.06.2019, 18:56 Uhr

Keine Alternative zum Dollar? Wenn ein Amerikaner das sagt! Warum schaffen wir nicht
gleich alle anderen Waehrungen ab?

Herr Christian Faust

25.06.2019, 11:48 Uhr

Das "bretton woods agreement" war aus meiner Sicht ein Fehler, der zwar aus der Schocksituation des 2. Weltkrieges verständlich war aber eben heute zu einem undemokratischem System aller erster Güte geführt hat. Der Dollar ist die Leitwährung...und da Geld die Welt regiert...ist wohl klar wer durch das Geld die Welt regiert...Bretton Woods muss reformiert werden im Sinne einer globalen, demokratischen Gesellschaft

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