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19.12.2019

12:01

Konferenz

Debatte über EZB-Geldpolitik: Sind Notenbanker nur „Affen im Spiegel“?

Von: Frank Wiebe

Zum Abschied eines EZB-Mitglieds gibt es eine Menge Kritik an gängigen Prognoseverfahren und der Abhängigkeit der Notenbanken von den Märkten.

Die Chef-Ökonomin der OECD spricht vom „monkey in the mirror“. Bloomberg

Laurence Boone

Die Chef-Ökonomin der OECD spricht vom „monkey in the mirror“.

Frankfurt Laurence Boone, Chef-Ökonomin der OECD, hat ein Gespür für wirkungsvolle Zitate. Bei einer Konferenz der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt verwies sie auf ihren berühmten Kollegen Paul Samuelson.

Der hatte 1994 über den damaligen Chef der US-Notenbank, Alan Greenspan, gesagt: „Wenn Dr. Greenspan sagt, er müsse dies oder jenes tun, um mit dem Anleihemarkt in Einklang zu bleiben, dann erinnert mich das an einen Affen, der sich zum ersten Mal im Spiegel sieht und glaubt, daraus neue Informationen ziehen zu können. Was Greenspan aus dem Markt erfährt, ist aber das, was die Märkte vorher von Greenspan gehört haben.“

Die EZB und andere Notenbanken sehen sich zunehmender Kritik ausgesetzt. Immer häufiger wird ihnen vorgehalten, ihre Ziele nicht zu erreichen, mit ihrer Strategie im Dunkeln zu tappen, übermäßig auf bestimmte Daten zu reagieren oder zu wenig souverän zu agieren.

Die Konferenz, die zu Ehren des scheidenden EZB-Direktoriumsmitglieds Benoît Cœuré veranstaltet wurde, belegt immerhin, dass die Notenbanker sich kritischen Fragen stellen. Der „Affe im Spiegel“ klingt auf Englisch – „monkey in the mirror“ – noch knackiger. Ein anderes Stichwort auf der Konferenz lautete „Echokammer“.

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    Auch dieser Begriff deutet die Sorge an, dass die Notenbanker immer nur das hören, was sie selbst sagen. Nicht nur Boone äußerte diese Sorge: dass sich die Notenbanken zu abhängig von den Märkten machen.

    Harvard-Professor Jeremy Stein argumentierte ganz ähnlich. Als er in den Jahren 2012 bis 2014 Gouverneur der US-Notenbank (Fed) war, habe ihn das Vorgehen dort irritiert, erzählte er.

    Bei der Fed wird jede Sitzung von einem aktuellen Marktbericht aus New York eingeleitet. Oft, so seine Erfahrung, spielt an den Märkten die Erwartung, was die Fed tun wird, die Hauptrolle.

    Anschließend diskutiert die Fed dann darüber, wie sie reagieren muss, um keine allzu großen Marktreaktionen hervorzurufen.

    Cœuré: Notenbank ist nicht allmächtig

    Stein stellte die in den vergangenen Jahren bei vielen Notenbanken immer wichtigere Strategie „der kleinen Schritte“ infrage. Sie verfolgt zwei Ziele. Einmal geht es darum, den Kurs korrigieren zu können, falls die Wirkung anders als erwartet ausfällt.

    Vielleicht noch wichtiger ist aber das Bedürfnis, die Kapitalmärkte nicht zu verwirren, um zu verhindern, dass davon wiederum negative Wirkungen in der Realwirtschaft ankommen. Aber Stein glaubt, dass diese Strategie zu einer Einschränkung der Bewegungsfreiheit bei den Notenbanken führt, ohne ihr Ziel zu erreichen.

    „Das ist so ähnlich, als wenn Konzernchefs versuchen, immer genauer die Erwartungen der Märkte und ihre ausgewiesenen Quartalsgewinne in Übereinstimmung zu bringen“, sagte er. „Die Folge ist, dass selbst winzige Abweichungen dann schon zu großen Marktreaktionen führen.“ Ganz ähnlich führe die übergroße Vorsicht der Notenbanken dazu, dass selbst winzige sprachliche Veränderungen überinterpretiert würden.

    Stein hält auch den Versuch, ein Inflationsziel möglichst exakt erreichen zu wollen, für vermessen. Er befürwortete in der Konferenz, eine gewisse Schwankungsbreite der Preissteigerungen zu tolerieren.

    Ähnlich argumentierte Cœuré in seiner wohl letzten Rede als Notenbanker – er wechselt im Januar nach Ende seiner Amtszeit bei der EZB als Innovationsbeauftragter zur Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel.

    Der Franzose forderte, das Inflationsziel von „unter, aber nahe an zwei Prozent“ zu überdenken. Die Notenbank dürfe sich nicht wundern, dass die Öffentlichkeit von ihr eine punktgenaue Zielerreichung erwarte, wenn sie „1,9 Prozent“ anstrebe, sagte er.

    Und fügte mit bewusster Übertreibung hinzu, „oder vielleicht sogar 1,95 oder 1,975 Prozent“. Seine Botschaft: „Wir müssen die absurde Vorstellung entkräften, eine allmächtige Notenbank könne mechanisch die Inflation steuern.“

    Bemerkenswert für jemanden, der viele Jahre einer der am meisten respektierten Direktoren dieser Notenbank war. Ähnlich wie Stein regte auch er an, eine gewisse „Toleranz“ bei der Erreichung des Inflationsziels zuzulassen.

    Die EZB wird ab Dezember ihre Strategie überarbeiten, in einem Prozess, der mehrere Monate dauern wird und wahrscheinlich bei einer Tagung im portugiesischen Sintra den Höhepunkt findet.

    Daher werden „Affen im Spiegel“ ebenso wie „Echokammern“ oder geldpolitische Allmachtsfantasien voraussichtlich weiter Teil der Diskussion bleiben.

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