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14.11.2018

17:24

Deutsche Wirtschaft schrumpft erstmals seit 2015 dpa

WLTP-Abgastest

Der neue weltweite Auto-Abgasprüfstandard bereitet den Herstellern Schwierigkeiten.

Analyse

Warum die deutsche Wirtschaft erstmals seit 2015 schrumpft

Von: Norbert Häring, Donata Riedel

Das Bruttoinlandsprodukt ist im dritten Quartal 2018 zurückgegangen: Es sank gegenüber dem Vorquartal um 0,2 Prozent. Vor allem die Probleme mit dem neuen Auto-Abgasprüfstandard zeigen Wirkung.

Wiesbaden, BerlinDeutschland hat ein Automobilproblem. Darin waren sich die Konjunkturexperten am Mittwoch einig. Auf die wichtigere Frage nach dem Rückgang der Wirtschaftsleistung im dritten Quartal allerdings gingen ihre Antworten auseinander: Hat Deutschland auch ein Konjunkturproblem? Nein, hieß es seitens der Bundesbank und des Wirtschaftsministeriums. „Der Aufschwung in Deutschland und im Euro-Raum bleibt intakt“, sagte Bundesbank-Präsident Jens Weidmann. Vermutlich ja, meinte dagegen Ifo-Präsident Clemens Fuest.

„Die schlechten Zahlen für das dritte Quartal liegen nicht allein an den Autos“, sagte er dem Handelsblatt, denn: „Der Ifo-Geschäftsklimaindex fällt seit Beginn des Jahres mit einer kurzen Unterbrechung im Spätsommer.“ Daraus lässt sich schließen: Die Zeiten des sehr kräftigen Aufschwungs, wie er sich um den letzten Jahreswechsel herum zeigte, sind erst einmal vorbei.

Fest steht: Zum ersten Mal seit dreieinhalb Jahren ist die deutsche Wirtschaft im dritten Quartal wieder geschrumpft. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) verringerte sich gegenüber dem Vorquartal um 0,2 Prozent, wie das Statistische Bundesamt am Mittwoch in einer ersten Schätzung mitteilte. Zum letzten Mal war die Wirtschaftsleistung im ersten Quartal 2015 rückläufig. Damals war das BIP um 0,1 Prozent gesunken.

Weidmann machte für das Minus vor allem einen Produktionseinbruch in der Kfz-Industrie verantwortlich. Er erwartet künftig allerdings ein geringeres Wachstumstempo: Dies sei ein Ausdruck der gestiegenen Auslastung von Kapazitäten und zunehmender Engpässe am Arbeitsmarkt.

Auch andere Experten machen als Hauptgrund für den Schwächeanfall der deutschen Konjunktur einen Sondereffekt verantwortlich, der auf das Kürzel WLTP hört. Dahinter verbirgt sich der neue weltweite Auto-Abgasprüfstandard „Worldwide Harmonized Light-Duty Vehicles Test Procedure“.

Grafik

Viele Hersteller hatten die seit September nötige Zertifizierung nach diesem Standard nicht für alle ihre Modelle pünktlich vorliegen und drosselten deshalb ab August stark ihre Produktion. Das erläuterten Nils Jannsen vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel und Manuel Kallweit vom Automobilindustrie-Verband VDA in der Fachzeitschrift „Wirtschaftsdienst“.

Im Ergebnis ist die Produktion von Kraftwagen und Kraftwagenteilen im dritten Quartal gegenüber dem Vorquartal um sieben Prozent zurückgegangen. Da Autos und Autoteile rund vier Prozent der Wertschöpfung der Gesamtwirtschaft stellen, kommen die Experten auf einen direkten Dämpfungseffekt für das Bruttoinlandsprodukt von 0,3 Prozentpunkten. Wegen der Lieferverflechtungen in vor- und nachgelagerten Wirtschaftsbereiche sei der Effekt sogar noch größer. Im Umkehrschluss würde das bedeuten: Ohne den WLTP-Effekt wäre das BIP im dritten Quartal nicht geschrumpft.

Die gute Nachricht ist, dass die Experten für das Winterhalbjahr mit einer Gegenbewegung rechnen und erwarten, dass das BIP im nächsten Jahr genauso stark angeschoben wird, wie es jetzt durch die Produktionsverschiebung gedämpft wurde.

Wenn das stimmt, könnten der Wirtschafts-Sachverständigenrat und die Deutsche Bank zu voreilig gewesen sein, als sie kürzlich ihre Wachstumsprognosen für 2019 auf 1,5 beziehungsweise 1,3 Prozent senkten.
Allerdings argumentiert der VDA selbst vorsichtig, was die Konjunktur betrifft.

Zwar würden die WLTP-Rückstände in den nächsten Monaten aufgeholt. „Entscheidender für die deutsche Automobilindustrie ist, dass der Handelskonflikt zwischen China und den USA, dessen Folgen bereits spürbar sind, möglichst rasch beigelegt wird“, sagte VDA-Präsident Bernhard Mattes dem Handelsblatt.

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Erstmals seit 2015 schrumpft die Wirtschaft in Deutschland. Die Große Koalition sollte mit der Geldverteilung aufhören und auf Wachstum setzen.

Jedes fünfte Auto, das deutsche Hersteller in den USA fertigen, werde nach China exportiert. „Erfreulich ist, dass die deutschen Premiumhersteller auch im derzeit schwierigen chinesischen Markt nachhaltig wachsen“, so Mattes. Die Gefahren, die vom US-Protektionismus, von einem womöglich chaotischen Brexit und Italiens Haushaltskonflikt mit der EU ausgehen, zeigen sich bereits in Frühindikatoren.

„Unsere Daten zeigen seit einigen Monaten, dass die Unternehmen eine wachsende Unsicherheit für die Aussichten sehen“, sagte Fuest. So ist das vierteljährlich vom Ifo-Institut ermittelte Weltwirtschaftsklima im vierten Quartal das dritte Mal in Folge zurückgegangen, von plus 2,9 auf minus 2,2 Punkte.
Die Lagebeurteilung verschlechterte sich stark und liegt nur noch knapp über ihrem langjährigen Durchschnitt. Bei den Erwartungen der 1230 befragten Experten aus 119 Ländern ist der Indexwert bereits negativ und signalisiert eine Abschwächung des Welthandels. Die Deutsche Bank erwartet deshalb 2019 nur noch ein Wachstum von 1,3 Prozent.

Wie der Ifo-Chef sind auch die Wirtschaftsweisen skeptisch. Sie schrieben in ihrem Jahresgutachten: „Die von temporären Faktoren verursachten Produktionsausfälle dürften nur begrenzt nachgeholt werden können, da die gesamtwirtschaftlichen Produktionskapazitäten bereits überausgelastet sind.“ Das heißt: Durch den Dauerboom stößt das Wachstum an seine Grenzen, abzulesen auch an dem immer spürbarer werdenden Fachkräftemangel.

Was Ökonomen zu den BIP-Zahlen sagen

Jörg Zeuner, KfW

„Die Automobilindustrie zieht wegen WLTP die Produktionsnotbremse und bringt den deutschen Konjunkturzug vorübergehend nicht nur zum Stillstand, er rollt sogar etwas rückwärts. Schon im vierten Quartal dürfte er wieder Fahrt aufnehmen, jedoch ohne das hohe Tempo der jüngeren Vergangenheit sobald wieder zu erreichen. Hierfür sprechen nicht nur die nachlassenden Impulse aus der Weltwirtschaft, sondern auch die inzwischen engen Kapazitäten, besonders am Arbeitsmarkt. Die Investitionsdynamik in den Firmen bleibt hinter früheren Aufschwüngen zurück – verständlich angesichts der zahlreichen Unwägbarkeiten im internationalen Umfeld. Mit dem US-Protektionismus, dem haushaltpolitischen Konfrontationskurs Italiens und einem trotz erster Einigungssignale mit der EU noch immer möglichen No-Deal-Brexit sind die Abwärtsrisiken groß.“

Jörg Krämer, Commerzbank

„Die deutsche Wirtschaft ist im dritten Quartal um 0,2 Prozent geschrumpft, weil die deutsche Autoindustrie Probleme mit der Einführung neuer Abgastests hatte. Aber auch ohne diesen Effekt wäre die deutsche Wirtschaft wegen nachlassender Nachfrage aus China kaum noch gewachsen. Wir revidieren unsere Deutschland-Prognose für 2018 von 1,8 auf 1,5 Prozent.“

Alexander Krüger, Bankhaus Lampe

„Der Rückgang ist nicht mehr als ein Ausrutscher. Er ist auch das Resultat der Probleme in der Autoindustrie, deren Produktionsverluste derzeit aber bereits aufgeholt werden. Abseits dieses Sondereffekts bleibt die Aufschwungsperspektive dennoch gedämpft: Die Kapazitäten sind bereits gut ausgelastet, neue Wachstumsimpulse fehlen, und der globale Handelsstreit drückt auf die Stimmung. Die fetten Wachstumsjahre sind vorbei.“

Andreas Rees, Unicredit

„Der Rückgang im dritten Quartal ist ein Ausrutscher und nicht der Beginn einer Rezession. Mehrere Sonderfaktoren haben die Wirtschaft nach der Sommerpause gedrückt. Die Umstellungsschwierigkeiten in der Autobranche bei WLTP haben sowohl die Industrieproduktion als auch die Exporte stark belastet. Das alleine dürfte mindestens zwei bis drei Zehntel Punkte beim Wachstum gekostet haben. Und dann kommt noch Volatilität beim Einzelhandel und Bau dazu. Beide Bereiche sind im dritten Quartal unter ihren Möglichkeiten geblieben, nachdem sie im Frühjahr stark zugelegt haben.

Mit fundamentalen Problemen hat das aber nichts zu tun, im Gegenteil. Bereits im vierten Quartal wird die deutsche Wirtschaft wieder stark zulegen. Der Blick in 2019 ist mit erheblichen Unsicherheiten verbunden: Die Auswirkungen des Protektionismus, langsameres Wachstum in China und auch die US-Wirtschaft sollte über kurz oder lang ein oder zwei Gänge zurück schalten, da der Fiskalimpuls ausläuft. Die Binnenwirtschaft in Deutschland dürfte aber auch im nächsten Jahr noch ordentlich zulegen. Ein Wachstum von mindestens 1,5 Prozent oder etwas mehr ist 2019 drin.“

Andreas Scheuerle, Dekabank

„Deutschland hat kein Konjunkturproblem, sondern ein Automobilproblem. Aufgrund der schleppenden Zertifizierung der Automobiltypen musste die Automobilproduktion spürbar gedrosselt werden, mit Kollateralschäden auch für andere Branchen.

Bei aller Vorsicht sprechen derzeit die meisten Argumente dafür, dass auf den konjunkturellen Hochsommer zunächst ein milder Herbst folgt. Das schließt gelegentliche Herbststürme wie im dritten Quartal nicht aus, doch frostige Wirtschaftstemperaturen unter Null Grad sind im kommenden Jahr nicht zu erwarten.“

Im dritten Quartal registrierte das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung einen Rekordwert von 1,24 Millionen offenen Stellen. Insgesamt rechnen die Wirtschaftsweisen inzwischen für dieses Jahr nur noch mit einem Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts von 1,6 Prozent und für 2019 mit 1,5 Prozent.

Auch die Wirtschaftsforschungsinstitute und die Bundesregierung hatten im Oktober ihre Prognosen nach unten korrigiert und erwarten noch um die 1,8 Prozent Wirtschaftswachstum in diesem Jahr. Die Jahresprognosen der Bankvolkswirte lagen zuletzt nur noch um 1,5 Prozent. Auch ohne Sonderfaktoren wie WLTP hatte die deutsche Wirtschaft mit Gegenwind zu kämpfen.

Das Statistische Bundesamt berichtete am Mittwoch von insgesamt sinkenden Exporten bei gleichzeitig steigenden Importen. Auch die privaten Konsumausgaben seien zurückgegangen. „Auch ohne die Probleme der Autoindustrie wäre die deutsche Wirtschaft wegen nachlassender Nachfrage aus China kaum noch gewachsen“, sagte Commerzbank-Experte Jörg Krämer.

Der DIHK erwartet, dass die Exporte in diesem Jahr mit 2,8 Prozent nur noch halb so stark zulegen wie im langjährigen Durchschnitt. „Das bedeutet 55 Milliarden Euro weniger in den Auftragsbüchern hierzulande“, sagte DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier. Es gibt allerdings auch einen deutlichen Lichtblick.

Nicht nur die Bauinvestitionen, sondern auch die Investitionen in industrielle und sonstige Anlagen nahmen zu: Viele Unternehmen schauen also noch optimistisch in die Zukunft. Zudem herrscht Rekordbeschäftigung, die Löhne steigen. Und 2019 setzt die Große Koalition ein kleines Konjunkturprogramm in Kraft: Niedrigere Sozialbeiträge, sinkende Steuern, Baukindergeld und höheres Kindergeld steigern die Nettoeinkommen. „Die Binnenkonjunktur ist der stabilisierende Faktor“, sagte Fuest.

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