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14.08.2019

08:00

Deutsche Wirtschaft: Alle Zeichen stehen auf Rezession dpa

Bremerhaven

Neuwagen auf dem Autoterminal der BLG Logistics Group in Bremerhaven.

BIP

Deutsche Wirtschaft schrumpft im zweiten Quartal – Die Zeichen stehen auf Rezession

Von: Norbert Häring, Fabian Ritters

Die deutsche Wirtschaftsleistung ist im zweiten Quartal gesunken. Alle gängigen Indikatoren deuten darauf hin, dass es im laufenden Quartal eher noch schlechter wird.

Frankfurt Handelskonflikte und eine schwächere Weltkonjunktur haben die exportabhängige deutsche Wirtschaft im zweiten Quartal schrumpfen lassen. Das Bruttoinlandsprodukt fiel von April bis Juni um 0,1 Prozent zum Vorquartal, wie das Statistische Bundesamt am Mittwoch nach vorläufigen Berechnungen mitteilte. Zum Jahresauftakt war Europas größte Volkswirtschaft noch um 0,4 Prozent gewachsen. Grund für das Minus war vor allem die Entwicklung bei den Exporten, die stärker als die Importe zurückgegangen sind.

Nach einer vereinfachenden Faustregel spricht man von einer Rezession, wenn zwei Quartale hintereinander das Bruttoinlandsprodukt gegenüber dem Vorquartal schrumpft. Fast alle Indikatoren deuten darauf hin, dass es im laufenden Quartal noch schlechter laufen wird als im zweiten Quartal. Dann befände sich die deutsche Wirtschaft seit April in einer Rezession. Zwei Minus-Quartale in Folge gab es zuletzt um den Jahreswechsel 2012/13.

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Das sind die wichtigsten Ursachen für das Schrumpfen der deutschen Wirtschaft:

Auftragslage und Geschäftsklima im Sinkflug

Die Auftragseingänge in der Industrie und die Industrieproduktion sind bis Ende des zweiten Quartals stark gefallen. Das Geschäftsklima in der Industrie, das vom Ifo-Institut monatlich erhoben wird, ist sehr schlecht und sank im Juli so stark wie seit der Finanzkrise 2009 nicht mehr.

Dabei erwarten die meisten Unternehmen keine Erholung, sondern eine weitere Verschlechterung der Lage. Auch die Unternehmen aus den Dienstleistungsbranchen, die sich lange Zeit recht gut gehalten haben, sahen zuletzt eine starke Eintrübung ihrer Geschäftslage und Perspektiven. Das Rezessionssignal, das vom Geschäftsklima ausgeht, ist ziemlich deutlich.

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Pessimistische Investoren

Auch die Anleiheinvestoren, die als gute Vorhersager für eine Rezession gelten, sind sehr pessimistisch gestimmt. Ablesen kann man das unter anderem daran, dass die Verzinsung von zehnjährigen Bundesanleihen nur noch einen Viertelprozentpunkt höher ist als die von zweijährigen.

So gering war der Aufschlag zuletzt eine Woche vor der Pleite von Lehman Brothers im September 2008. Normalerweise will man einen höheren Zins, wenn man sein Geld viel länger anlegt. Aber wenn man eine Wirtschafts- und womöglich Finanzkrise erwartet, rechnet man mit einem langen Zinstief.

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Auf der Suche nach der Rezession

Ein noch nicht so etablierter Rezessionsindikator zeigt in die gleiche Richtung, die Google Trends – konkret die Suchanfragen nach dem Wort Rezession. Wenn es schlecht läuft mit der Wirtschaft, fangen die Menschen an, sich verstärkt für die Definition und die Folgen von „Rezession“ zu interessieren. Der Begriff wird häufiger in Suchmaschinen eingegeben. Derzeit ist das wieder der Fall. Seit 2004 hatten die Suchanfragen nach „Rezession“ erst zweimal einen so hohen Anteil wie derzeit. Beide Male folgte bald eine Rezession.

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Künstliche Intelligenz gibt eine deutliche Antwort

Da viele Indikatoren etwas zur Frage beitragen können, ob wir uns direkt vor oder sogar schon in einer Rezession befinden, gibt es Prognosemodelle, die die verlässlichsten Indikatoren herausfiltern und die Informationen gewichten. Eines davon, das maschinelles Lernen einsetzt, wurde am Ifo-Institut München und am Institut für Weltwirtschaft in Kiel (IfW) entwickelt; als Reaktion auf die Weltwirtschaftskrise 2008, die die damaligen Modelle nicht vorgesagt hatten.

Aktuell sieht das Modell eine Rezessionswahrscheinlichkeit von 92 Prozent für Deutschland. Die gute Nachricht: Die Wahrscheinlichkeit einer schweren Rezession wie 2008 weist das Modell mit null aus.

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Das sagen Ökonomen zu den aktuellen BIP-Zahlen

Alexander Krüger (Bankhaus Lampe)

„Der Rezessionsspuk wird realer. Aktuell ist die Wirtschaftsleistung zwar nur leicht geschrumpft, seit einem Jahr tritt sie aber bereits auf der Stelle. Handelsstreit, Brexit und zyklische Abschwächung haben wachstumsseitig aus dem einstigen Musterknaben ein Sorgenkind gemacht. Für das Sommerhalbjahr riecht es sehr nach einer technischen Rezession. Auch wegen der hohen Zollrisiken ist die Schwelle zur klassischen Rezession niedrig.“

Klaus Borger (KfW)

„Mit den eskalierenden Handelskonflikten der USA, dem immer wahrscheinlicheren Chaos-Brexit und der schwächelnden Weltwirtschaft hat sich seit dem Sommer vergangenen Jahres der perfekte Sturm zusammengebraut. Erst hat die exportabhängige deutsche Volkswirtschaft dadurch zunehmend Schlagseite bekommen, nun droht sie in schwerer See ganz zu kentern. Nach der heute gemeldeten Schrumpfung um 0,1 Prozent im zweiten Quartal steht die Tür zumindest zu einer technischen Rezession – zwei negative Quartale in Folge – ganz weit offen.“

Uwe Burkert (LBBW)

„Die immer noch robuste Entwicklung am Arbeitsmarkt bleibt zwar angesichts ihrer stabilisierenden Wirkung auf den privaten Konsum ein Stützpfeiler. Auch dessen Kraft scheint jedoch sukzessive nachzulassen, wie die Daten der zurückliegenden Monate andeuten. Geht man nach den Warnsignalen, welche fortlaufend seitens der Frühindikatoren ausgesandt werden, ist im dritten Quartal keine Besserung in Sicht und eine technische Rezession in Deutschland somit greifbar. Unter Finanzmarktexperten erscheint dies ausweislich der gestern veröffentlichten ZEW-Umfrage für August bereits unausweichlich.“

Andreas Rees (Unicredit)

„Fakt ist: Die deutsche Wirtschaft kommt seit einem Jahr nur noch im Kriechgang vorwärts. Für die zweite Jahreshälfte 2019 und auch für das nächste Jahr gibt es viele Unsicherheiten für die deutschen Exporteure, die sich kaum prognostizieren lassen. Neben dem Brexit ist das vor allem der Handelsstreit USA/China und mögliche US-Zölle auf europäische Autos. Die Binnenwirtschaft dürfte weiter wachsen, aber an Tempo nachlassen. Die wirtschaftliche Schwäche kommt allmählich am Arbeitsmarkt an, was sich auch auf den Konsum dämpfend auswirken wird.“

Mehr: Die Gefahr einer globalen Rezession ist real, doch mit den richtigen wirtschaftspolitischen Maßnahmen wäre eine Krise vermeidbar. Fünf Vorschläge.

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