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21.10.2019

12:56

Finanzierungslücken

Bundesbank empfiehlt, Renteneintrittsalter an Lebenserwartung zu koppeln

Von: Jan Mallien

Der demografische Wandel reißt Löcher in die Rentenkassen. Der Vorschlag der Bundesbank: Wer länger Rente bezieht, sollte auch länger arbeiten.

Rente: Bundesbank empfiehlt Rentenalter von 69,4 Jahren imago images / photothek

Rente

Die Bundesbank rechnet mit steigendem Kostendruck in der Rentenversicherung.

Frankfurt Die Bundesbank geht von wachsenden Belastungen für die Rentenversicherung und einem steigenden Rentenalter in Deutschland aus. Das geht aus Simulationen in ihrem aktuellen Monatsbericht für Oktober hervor. Als wesentliche Gründe verweist die Bundesbank auf die geringeren Geburtenraten und die steigende Lebenserwartung, die das Rentensystem stark belasten würden.

„Künftig setzt die demografische Entwicklung die Rentenfinanzen unter Druck“, heißt es dazu in dem Bericht. Es werde erwartet, „dass die Lebenserwartung weiter steigt, und es treten die großen Baby-Boom-Kohorten ab Mitte der 2020er Jahre in den Ruhestand“. Um die Lasten aufzufangen, sei mit steigenden Beitragssätzen, einem höheren Bundeszuschuss und einem geringeren Versorgungsniveau zu rechnen.

Die Berechnungen der Bundesbank reichen bis zum Jahr 2070 und basieren auf der Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes. Ihre Ökonomen analysieren, wie sich die wachsenden Belastungen für die Rentenversicherung auffangen lassen.

Grundsätzlich gibt es verschiedene Möglichkeiten. So können der Beitragssatz, die Bundeszuschüsse zur Rentenversicherung und das Rentenalter steigen. Aktuell liegt der Beitragssatz bei 18,6 Prozent. Das gesetzliche Rentenalter steigt bis zum Jahr 2031 auf 67 Jahre.

Außerdem zahlt die Regierung aus dem Bundeshaushalt einen Zuschuss für die Rentenversicherung, der 2018 bei über drei Prozent der Wertschöpfung lag. Eine weitere Stellschraube ist das Versorgungsniveau. Dieses beschreibt, wie viel eine Standardrente wert ist im Vergleich zu einem Durchschnittseinkommen. Aktuell liegt das Versorgungsniveau bei etwa 48 Prozent und soll mindestens bis 2025 über dieser Marke bleiben.

Die Bundesbank kommt zu dem Fazit, „dass sich die demografischen Lasten kaum überzeugend über einzelne Stellgrößen auffangen lassen.“ Würde beispielsweise das Versorgungsniveau bei 48 Prozent und das Rentenalter bei 67 Jahren bleiben, müsste der Beitragssatz bis 2070 auf 31 Prozent steigen. Außerdem wären deutlich höhere Zuschüsse aus dem Bundeshaushalt nötig. Nach den Berechnungen der Bundesbank würde der Mehrbedarf für den Etat aus heutiger Sicht etwa sieben Prozentpunkten des regulären Mehrwertsteuersatzes entsprechen.

Wichtig ist aus Sicht der Bundesbank daher, die Lasten breiter zu verteilen. Sie empfiehlt, das Rentenalter durch eine Indexierung mit der Lebenserwartung zu verknüpfen. Die Logik dahinter: Wenn die Menschen älter werden und länger Rente beziehen, müssen sie auch länger arbeiten. Denn auch nach der Anhebung des Rentenalters auf 67 Jahre sei davon auszugehen, dass die Lebenserwartung weiter zunimmt.

Konkret schlägt die Bundesbank vor, das Rentenalter so anzupassen, dass das Verhältnis zwischen Rentenbezugs- und Beitragsjahren stabil bleibt. Die höhere Lebenserwartung führt dann dazu, dass die Menschen länger arbeiten, aber auch länger Rente beziehen.

Längeres Arbeiten nicht für alle möglich

In diesem Szenario würde das Rentenalter bis zum Jahr 2070 auf 69 Jahre und vier Monate steigen – also ab 2032 jedes Jahr durchschnittlich um einen dreiviertel Monat. Auch in diesem Szenario würden der Beitragssatz und die Bundeszuschüsse bis etwa 2040 relativ stark steigen und das Versorgungsniveau sinken. „Der Anpassungsbedarf wäre aber jeweils deutlich geringer als ohne indexiertes Rentenalter“, schreibt die Bundesbank.

„Diese Anpassung des gesetzlichen Rentenalters würde nicht nur die Rentenversicherung entlasten. Sie würde über eine höhere Erwerbstätigkeit auch das gesamtwirtschaftliche Potenzial starken und damit die Bemessungsgrundlagen für Steuern und Sozialbeitrage stützen.“

Ein Problem wäre, dass es nicht für jeden ohne weiteres möglich wäre, länger zu arbeiten. Gerade in in Berufen, die mit hoher körperlicher Anstrengung verbunden sind, wie zum Beispiel bei Dachdeckern, ist dies kaum möglich. Dies sehen die Ökonomen der Bundesbank allerdings nicht grundsätzlich als Hindernis. Vielmehr sei ein angemessener Schutz durch die Erwerbsminderungsrente nötig. Zuletzt sei die Absicherung hier aber spürbar ausgeweitet worden.

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Kommentare (12)

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Herr wolfram teutscher

21.10.2019, 13:57 Uhr

Das ist alles dummes Geschwätz von Leuten die nur linear denken können.
Diese Herren können noch nicht einmal treffsichere Vorhersagen bis 2030 abgeben, geschweige denn bis 2070.
Kommt noch dazu, wenn man selbst eine gute Rente/Pension hat, kann man denen, wie z.B. viele in Ostdeutschland gut in die Tasche greifen und nach mehr Eigeninitiative rufen.
Erst muss sichere Möglichkeiten des Zuverdienstes schaffen, dann kann man derartige Dinge angehen.

Herr Dieter Schenk

21.10.2019, 14:13 Uhr

Bemerkenswert, dass nahezu alle anderen medien eine Kommentierung der grundsätzlichen Nachricht, dass die Bubdesbank eine Erhöhung des Rentenalters empfehele, nicht zulassen. In einer Lage, in der selbst 50-Jährige kaum noch Chancen haben, eine halbwegs korrekt bezahlte Arbeit zu finden, wenn sie nicht langjährig in höheren Positionen arbeiteten, ist eine Erhöhung des Rentenalters nichts anderes als eine Transformation von Rentnern in Arbeitslose.

Wieso die Bundesbank meint, zu entsprechenden empfehlungen berufen zu sein, erschließt sich mir nicht.

Tatsache ist allerduings, dass das unbeirrte Festhalten an neinem Rentensystem, das auf der Prämisse baut, die heute Arbeitenden müssten die Renten der gegenwart finanzieren, schlichtweg dissozial ist, wenn das verhältnis von Kapitaleinkommen zu Arbeitseinkommen sich zunehmend zugunsten des Kapitaleinkommens verschiebt. Der generelle Imperativ unserer Gesellschaft bleibt also bestehen: "Alles Vermögen und Einkommen hin zum Großkapital!" Ob das bis 2070 gutgehen wird?

Herr Frank Krebs

21.10.2019, 14:48 Uhr

Ich möchte hier ein Beispiel aus den USA heranziehen, dort helfen zumeist ältere Menschen beim Packen der Einkaufstüten und sie machen das, als kleinen Hinzuverdienst, mit sehr viel Würde und ausgesuchter Höflichkeit.
Die Einschätzung von Herrn Schenk teile ich nicht. Deutschlands Arbeitslosenquote liegt aktuell bei 4,9% . Hätten es sich im Ruhrgebiet aktuell nicht soviele Langzeitarbeitslose und Frührentner gemütlich gemacht, läge diese Quote sogar niedriger.
Als Unternehmer findet man in der Realität doch heute schon kaum neue Kräfte und muß die älteren Mitarbeiter bitten, mit der Rente noch zu warten. Immer mehr Menschen werden bei geistiger und körperlicher Fitness immer älter, im Durchschnitt 82 Jahre. Das bedeutet bei einem Eintritt ins Rentenalter mit 62 erhalten diese Menschen 20 Jahre lang eine Altersversorgung. Das ist doch pervers und so hatten sich die Erfinder dieses Systems das auch nicht vorgestellt. Damals ging man nämlich von maximal 10 Jahren Rentenbezug aus.
Das Rentensystem muß dringend an die demographischen Gegebenheiten angepasst werden. Eine Erhöhung des Renteneintrittsalters auf 70 Jahre wird schon bald notwendig sein. Den zukünftigen Rentnern kann ich haute schon mitteilen: " Eure Rente ist wahrscheinlich nicht sicher. Sicher ist aber, eure Rente wird nicht reichen.

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