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11.09.2019

11:11

Die Abschwächung der Konjunktur zeichnet sich bereits seit Monaten ab. dapd

Baugerüst in Berlin

Die Abschwächung der Konjunktur zeichnet sich bereits seit Monaten ab.

Konjunktur

Prognose: Wirtschaft fängt sich nach kurzer Rezession wieder

Das Forschungsinstitut IfW erwartet eine schrumpfende Wirtschaftsleistung im dritten Quartal. Dennoch fällt die Prognose vorsichtig optimistisch aus.

Berlin Die deutsche Wirtschaft steht laut dem Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) an der Schwelle zur Rezession, dürfte sich aber nächstes Jahr wieder fangen. „Im dritten Quartal wird das Bruttoinlandsprodukt (BIP) wohl noch einmal zurückgehen“, erklären die Forscher um IfW-Konjunkturchef Stefan Kooths in ihrer am Mittwoch veröffentlichten Prognose.

Das IfW erwartet ein Minus von 0,3 Prozent. Damit rutsche die Konjunktur in eine technische Rezession – also zwei Quartale mit schrumpfender Wirtschaftsleistung. Denn im Frühjahr war das BIP bereits um 0,1 Prozent gesunken.

Doch werde es voraussichtlich am Jahresende und auch 2020 wieder aufwärtsgehen. Für nächstes Jahr sagen die Regierungsberater ein Plus beim Bruttoinlandsprodukt von 1,0 Prozent nach einem eher mageren Zuwachs von 0,4 Prozent im laufenden Jahr voraus. „Derzeit spricht mehr dafür, dass sich die Konjunktur in Deutschland im kommenden Jahr fängt“, betonten die Ökonomen vom IfW.

Allerdings dürfte die von den internationalen Zollkonflikten ausgehende Unsicherheit die Produktion hierzulande in besonderem Maße belasten, warnen die Experten: „Vor diesem Hintergrund werden die Exporte wohl nur allmählich wieder etwas Fahrt aufnehmen.“

Zudem mache sich die schwächere Konjunktur zusehends am Arbeitsmarkt bemerkbar: „So wird die Zahl der Arbeitslosen wohl vorerst weiter zunehmen.“ Ferner werde die Erwerbstätigkeit im kommenden Jahr erstmals seit der Rezession 2009 sinken.

Auch nach Ansicht des Essener Forschungsinstituts RWI mehren sich die Anzeichen, dass die Schwächephase anhält und die Konjunktur in einen Abschwung gerät. Insbesondere halte der Rückgang der Produktion im Verarbeitenden Gewerbe und hier insbesondere in der Automobilindustrie an, führte RWI-Experte Torsten Schmidt aus.

DIW fordert Investitionen

Für 2020 erwartet er, dass sich die Wirtschaft etwas erholt und das BIP um 0,9 Prozent zulegt. Die Kieler Forscher sehen dies ähnlich. Für nächstes Jahr prognostizieren die Regierungsberater ein Plus von 1,0 Prozent nach einem erwarteten Zuwachs von 0,4 Prozent im laufenden Jahr.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) fordert die Bundesregierung angesichts der schwächeren Konjunktur zu einem Kurswechsel und mehr Investitionen aufgefordert. „Deutschland braucht in diesen schwierigen Zeiten einen Anker der Stabilität durch ein langfristiges Investitionsprogramm der Bundesregierung“, sagte DIW-Präsident Marcel Fratzscher am Mittwoch in Berlin.

„Statt sich über die niedrigen Zinsen zu beklagen, sollte die Politik diese als Chance verstehen, um klug in die Zukunft zu investieren. Wir benötigen eine Verlagerung der finanzpolitischen Prioritäten weg vom öffentlichen Konsum hin zu mehr öffentlichen Investitionen.“

Eine Investitionsagenda zur langfristigen Modernisierung des Standorts würde nicht nur die Zukunftsperspektiven der Unternehmen stärken und deren Investitionsneigung unmittelbar erhöhen. Auch die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands würde steigen. Das DIW nannte Investitionen in den Wohnungsbau oder einen besseren Zugang zu digitalen Dienstleistungen in ländlichen Räumen.

Die Investoren am Aktienmarkt zeigen sich zuletzt relativ unbeeindruckt von dem sich immer weiter eintrübenden Konjunkturbild, obwohl schlechtere Gewinnaussichten die Aktienkurse für sich genommen drücken sollten. Das dürfte damit zusammenhängen, dass die Zentralbanken bereits deutlich signalisiert haben, dass sie mit einer weiteren geldpolitischen Lockerung auf die zunehmende Rezessionsgefahr reagieren werden.

So dürfte die Europäische Zentralbank (EZB) auf ihrer Sitzung am Donnerstag nach allgemeiner Erwartung eine Zinssenkung und vermutlich auch weitere Anleihekäufe beschließen. Das erhöht einerseits den Anreiz für Investoren Aktien zu kaufen, andererseits senkt es die Kapitalkosten der Unternehmen. Das Institut für Weltwirtschaft rechnet damit, dass auch 2021 der Leitzins der EZB noch negativ sein wird.

Bedenklich an der derzeitigen Situation ist bei allem Optimismus, mit dem die Institute ihre eher düsteren Prognosen garnieren, dass die Volkswirtschaften Deutschland, Europas und vieler anderer Länder trotz einer bereits ausgesprochen expansiven Geldpolitik am Rande einer Rezession stehen. Sollten es sich doch nicht, wie von den Instituten unterstellt, nur um eine relativ flache und kurze Konjunkturdelle handeln, wird es für die Notenbanken weit schwerer als üblich sein, noch etwas draufzusetzen, um die Wirtschaft aus der Rezession zu holen.

Kommentare (1)

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Herr Georg Th. Kiss

11.09.2019, 11:34 Uhr

Hoffentlich keine langfristige Schönwetterprognose. Solche haben meist eine schwache Begründung und relative Unsicherheit...die Glaskugel kann sich schnell eintrüben. Wäre nicht das erste mal.

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