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14.03.2019

12:08

Konjunkturprognose

Deutliche Korrekturen: So blicken Ökonomen in dieses Jahr

Von: Donata Riedel

Die Konjunkturforscher haben ihre Erwartungen an die deutsche Wirtschaft gesenkt. Doch bei ihren Frühjahrsprognosen für 2019 liegen die Institute weit auseinander.

Die Wirtschaftsforschungsinstitute korrigieren ihre Wachstumsprognosen für 2019 nach unten – doch ist unklar, wie weit die Werte sinken. dpa

Containerschiff in Hamburg

Die Wirtschaftsforschungsinstitute korrigieren ihre Wachstumsprognosen für 2019 nach unten – doch ist unklar, wie weit die Werte sinken.

BerlinEine Rezession prophezeit in diesem Frühjahr keines der wichtigen Forschungsinstitute der deutschen Wirtschaft. Einig sind sie sich allerdings, dass der Boom vorbei ist, und sich das Wirtschaftswachstum im Vergleich zum letzten und vorletzten Jahr deutlich abkühlt. Wie kalt es aber werden wird in diesem Jahr, darüber sind sich Konjunktur-Meteorologen wiederum uneins.

Von einem „Schwächeanfall der Industrie“ etwa spricht Ifo-Konjunkturchef Timo Wollmershäuser. Das Ifo-Institut senkt deshalb seine Prognose auf 0,6 Prozent für dieses Jahr. Sein DIW-Kollege Claus Michelsen senkt seine Prognose an diesem Donnerstag zwar ebenfalls deutlich, er bleibt aber optimistisch.

„Einige Gründe für die Exportschwäche der Industrie sind vorübergehender Natur, und China hat umfangreiche konjunkturstützende Maßnahmen angekündigt. Das Auslandsgeschäft wird sich daher wieder beleben“, sagte er.

Fest steht nach der Veröffentlichung der Frühjahrsprognosen in dieser Woche: Die Bandbreite der Wachstumserwartungen für dieses Jahr liegt nunmehr zwischen 0,5 und einem Prozent. Im Winter hatten die Konjunkturforscher noch zwischen 1,1 und 1,8 Prozent Zunahme des Bruttoinlandsprodukts erwartet. Das sind binnen drei Monaten deutliche Korrekturen nach unten. Werden also die nächsten Sommer- oder spätestens die Herbstprognosen auf Rezession absacken?

Das kann derzeit niemand voraussagen, sagt Bert Rürup, Chef des Handelsblatt Research Institutes (HRI). „Es gab in der Nachkriegszeit sechs Rezessionen, und keine wurde vorhergesehen“, erinnert er. Das galt sogar für die tiefe Finanzkrisen-Rezession 2009: Sie kam ebenfalls als Überraschung, ausgelöst durch die Pleite der US-Investmentbank Lehman im September 2008.

Einigkeit herrscht insoweit, dass die Abkühlung von der exportorientierten Industrie ausgeht – während die Binnenkonjunktur gut läuft: Es gab Lohnerhöhungen, Entlastungen bei Steuern und Abgaben, und im Inland herrscht Fachkräftemangel: Mit 1,4 Millionen war die Zahl offener Stellen so hoch wie seit dem Wirtschaftswunder nicht mehr. Alle Institute rechnen daher auch immer noch mit einer Zunahme an Arbeitsplätzen in diesem Jahr.

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Die große Frage lautet daher: Wie lange kann sich die gute Inlandskonjunktur, getrieben vom Bauboom und dem Dienstleistungssektor, gegen den Abwärtssog der Industrie stemmen? Rürup, der früher Chef der Wirtschaftsweisen war, sagt, dass es vor allem darauf ankommt, wann es in der Industrie zu größeren Entlassungswellen kommt.

Erste Dax-Konzerne haben zwar Stellenabbau angekündigt, bisher allerdings vielfach über freiwillige Frühverrentungs- und Abfindungsprogramme. „Sobald Entlassungen in größerem Umfang am Arbeitsmarkt ankommen, kann die Binnenkonjunktur sehr schnell ins Minus drehen“, warnt Rürup.

Bisher ist das nicht der Fall. Auch der pessimistisch gestimmte Ifo-Forscher Wollmershäuser spricht mit seiner 0,6-Prozent-Prognose nicht von Rezession, sondern sagt: „Die gegenwärtigen Produktionsschwierigkeiten der deutschen Industrie dürften erst allmählich überwunden werden. Die Industrie wird 2019 als Konjunkturmotor weitgehend ausfallen.“ Denn die weltweite Nachfrage nach deutschen Produkten sei schwach, da die internationale Konjunktur weiter an Dynamik verliere.

Vergangene Woche hatte mit der internationalen Wirtschaftsschwäche auch die OECD die Senkung ihrer Deutschland-Prognose auf 0,7 Prozent begründet: Wegen den Handelskonflikten des US-Präsidenten Donald Trump, der Brexit-Unsicherheit und Chinas Wachstumsabkühlung gehen demnach Exporte und Importe weltweit zurück. Und das schlägt dann laut OECD-Chefökonomin Laurence Boone besonders auf den Industriegüter-Lieferanten der Welt, Deutschland, durch.

Optimisten wie Michelsen vom DIW erwarten aber, dass die Binnenwirtschaft viel robuster ist als in früheren Konjunkturzyklen. Vor allem, weil in keinem Nachkriegsaufschwung seit dem Wirtschaftswunder so viele neue Stellen entstanden sind: Die letzten Rezessionen nämlich erwischten den Arbeitsmarkt jeweils nach einer Phase des „jobless growth“.

„Signifikante Negativrisiken“: Bundesregierung befürchtet noch stärkere Abkühlung der deutschen Konjunktur

„Signifikante Negativrisiken“

Bundesregierung befürchtet noch stärkere Abkühlung der deutschen Konjunktur

Die Bundesregierung hält ihre gerade erst gesenkte Prognose für zu optimistisch. Auch auf Europaebene debattieren die Finanzminister über Konjunkturrisiken.

Auch nach der DIW-Analyse fällt die deutsche Exportdynamik sogar noch hinter das Tempo der schwächelnden Weltwirtschaft zurück. Aber die Binnenkonjunktur hält kräftig wie nie dagegen: „Die Arbeitslosenquote dürfte dieses Jahr erstmals seit der Wiedervereinigung unter fünf Prozent fallen“, so Michelsen.

Der Beschäftigungsaufbau setze sich ungebremst fort, die Arbeitnehmer haben mehr Geld im Portemonnaie, weil zusätzlich zu niedrigeren Sozialbeiträgen die Löhne steigen und die niedrigere Inflation davon weniger als zuletzt auffrisst.

„Die Wirtschaft kühlt ab, aber sie friert noch nicht“, sagt auch Konjunkturchef Stefan Kooths vom IfW. Das Kieler Institut rechnet, wie auch die Bundesregierung offiziell, mit einem Wachstum von einem Prozent. Inoffiziell rechnet die Regierung mit einem schwächeren Wachstum.

Das Ifo verweist auf Sondereffekte des letzten Jahres, die nun auslaufen: In der Autoindustrie war das die verpatzte Umstellung auf den neuen Abgasstandard für Benziner. Die Chemieindustrie litt wegen Niedrigwassers im Rhein unter Zulieferschwierigkeiten. Zumindest diese Probleme sind vorbei.

Für nächstes Jahr liegen die Wachstumsraten der neuen Frühjahrsprognosen durchweg höher als für 2019: Zwischen 1,1 und 2,0 Prozent werden für 2020 erwartet. Zu den Gründen zählen einige positive statistische Effekte, darunter weniger Feiertage: 2020 gibt es vier Arbeitstage mehr als 2019.

Kommentare (2)

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Herr Mario Wa

14.03.2019, 12:37 Uhr

..mal von der Logik her, würde ich die Situation bei den verlängerten Werkbänken mit einbeziehen. Sprich Ostblockstaaten. Da steigen derzeit die Arbeitslosenzahlen zwar noch überschaubar aber kontinuirlich. Würde für mich dann heißen, wenn die Lagersituation in D unter das Level der Bevorratung fällt. Kommt die Entlassungswelle und dann wäre eine Rezession die Folge.

Herr Ingo Quentin

14.03.2019, 13:51 Uhr

Ich habe heute Morgen die Knochen befragt. Die Lage ist eindeutig! Wir steuern auf eine sich abkühlende Krise inmitten einer deflationären Rezession zu! Oder auch nicht. Da gibt es doch wohl keine zwei Meinungen, oder?

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