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24.05.2022

09:58

Löhne

Zentralbanken fürchten die Rückkehr der Gehaltsindexierung

Gewerkschaften fordern Gehaltserhöhungen an den Anstieg der Verbraucherpreise zu knüpfen. Doch der Mechanismus kann die Bemühungen um eine Eindämmung der Inflation erschweren.

Die EZB-Präsidentin wies eine Forderung ihrer Mitarbeiter, die Gehältern entsprechend der Inflationsrate zu erhöhen, ab. dpa

Zentrale der EZB

Die EZB-Präsidentin wies eine Forderung ihrer Mitarbeiter, die Gehältern entsprechend der Inflationsrate zu erhöhen, ab.

Frankfurt Nicht nur die Angst vor einer Inflation wie in den 1970er Jahren macht die Zentralbanker nervös, sondern auch die Rückkehr von Maßnahmen zur Sicherung des Reallohns. Indexierungsmechanismen, die Gehaltserhöhungen an den Anstieg der Verbraucherpreise knüpfen, könnten ein Comeback erleben, wie die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich feststellt. Sie warnt davor, dass dies zu einer möglichen Lohn-Preis-Spirale beitragen könnte.

Die Indexierung, die in Ländern wie Belgien und Zypern immer noch gängig ist, ist mit dem Rückgang der Inflation aus der Mode gekommen. Sie bleibt jedoch ein Schreckgespenst für Zentralbanker, da sie den Aufwärtsdruck auf die Preise verlängern und verstärken kann.

Aus Verärgerung über die schwindende Kaufkraft forderte die Gewerkschaft der Mitarbeiter der Europäische Zentralbank Gehaltserhöhungen entsprechend der Inflationsrate in der Eurozone. Diese liegt derzeit mit 7,4 Prozent mehr als dreimal so hoch, wie der offizielle Zielwert.

EZB-Präsidentin Christine Lagarde wies die Forderung zwar zurück, doch sind die EZB-Mitarbeiter mit ihrer Forderung nicht allein. Fast ein Drittel der in den ersten beiden Monaten des Jahres 2022 in Spanien abgeschlossenen Tarifverträge enthielt Indexierungsklauseln. In den USA beendeten die Beschäftigten von Kellogg Ende letzten Jahres einen Tarifkonflikt, nachdem sie einen Anstieg der Lebenshaltungskosten erreicht hatten.

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    Für Ricardo Reis, Professor an der London School of Economics, ist der wiedererwachte Wunsch nach inflationsgebundenen Löhnen ein Zeichen für das schwindende Vertrauen in die Fähigkeit der Geldpolitiker, die Preise zu kontrollieren.

    Die Zentralbanken „sollten sehr besorgt darüber sein, dass die Menschen dem Inflationsziel so wenig vertrauen, dass sie sich dafür entscheiden, sich durch Indexierung gegen Inflation zu versichern“, sagte er. Dies mache ihre Aufgabe „viel schwieriger.“

    Spanien spielt eine Schlüsselrolle

    Während es in den USA eine Handvoll Fälle gibt, macht man sich hier mehr Sorgen über Forderungen nach inflationsgekoppelten Lohnerhöhungen. Die Daten der spanischen Zentralbank zeigen, dass der Anteil solcher Vereinbarungen von ursprünglich weniger als einem Fünftel wieder angestiegen ist.

    Die EZB hat ermittelt, dass Spanien bis vor kurzem eine Schlüsselrolle bei der Senkung des Anteils der Inflationsausgleichsmechanismen in der Eurozone unter den Beschäftigten des Privatsektors gespielt hat – mit einem Rückgang von fast einem Viertel im Jahr 2008 auf 16 Prozent im Jahr 2021.

    Das Thema brennt den Verantwortlichen offensichtlich auf den Nägeln: Bei einem Treffen der EZB-Vertreter im Oktober wurde erörtert, wie die Stagflation der 1970er Jahre in einem Umfeld entstand, in dem „die Indexierung es den Löhnen ermöglichte, auf die Energiepreise zu reagieren und so sowohl die Stagnation als auch die Inflation aufrechtzuerhalten.“ EZB-Vizepräsident Luis de Guindos hat erklärt, dass solche Zweitrundeneffekte beobachtet würden.

    Auch ohne eine explizite Indexierung können andere Reaktionen auf die rasant steigende Inflation die Bemühungen um eine Eindämmung der Inflation erschweren. In Deutschland fordert die IG Metall eine Lohnerhöhung von 8,2 Prozent für die Stahlarbeiter. Sowohl Deutschland als auch Frankreich erhöhen entweder die Mindestlöhne oder sehen sich mit entsprechenden Forderungen konfrontiert.

    „Zurückhaltung zeigen“

    Die Zentralbanken dürfen kaum auf das Verständnis der Beschäftigten hoffen. Der Gouverneur der Bank of England, Andrew Bailey, löste im Februar einen Aufschrei aus, als er die Arbeitnehmer aufforderte, bei ihren Gehaltsforderungen „Zurückhaltung“ zu üben. In Großbritannien belastet die Inflation die Verbraucherausgaben so stark wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr.

    „Das Fehlen einer Indexierung bedeutet, dass die Arbeitnehmer bei einem Preisschock immer die Leidtragenden sind“, sagte Carlos Bowles, ein Ökonom der EZB und Vizepräsident der Gewerkschaft IPSO, dessen Forderungen von Lagarde abgelehnt wurden. Laut Bowles hat die Indexierung in der Vergangenheit dazu beigetragen, den sozialen Frieden wiederherzustellen. Die Verhandlungsmacht der Gewerkschaften reiche heute oft nicht mehr aus, um inflationsbedingte Verluste auszugleichen.

    Bislang gibt es kaum Anzeichen dafür, dass sich die gefürchtete Lohn-Preis-Spirale entwickelt. Die BIZ warnt jedoch davor, dass „die Inflation noch die Voraussetzungen dafür schaffen könnte, dass sie sich verfestigt“, und verweist auf anekdotische Forderungen, den Kaufkraftverlust auszugleichen.

    Tina Zumer, stellvertretende Gouverneurin der slowenischen Zentralbank, die die Lohnentwicklung im Euroraum im Auge behält, meint, es gebe „sicherlich Umstände“, unter denen Lohnsteigerungen angemessen und ein Zeichen für eine gesunde Wirtschaft seien.

    „In der gegenwärtigen Situation besteht ein Risiko, dass sie zu einer Zeit steigen, in der das Wachstum schwächer wird“, sagte sie. „Das würde die Unternehmen dazu zwingen, die höheren Arbeitskosten an die Verbraucher weiterzugeben, was das Inflationsproblem verstärken würde.“

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