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12.04.2022

04:00

Kapitalmarkt

IPO-Flaute: Ukrainekrieg belastet Börsenneulinge

Von: Astrid Dörner, Peter Köhler, Arno Schütze

Fast alle Newcomer an der Börse haben die Anleger enttäuscht. Das erhöht den Druck auf die nächsten Kandidaten – für die ein günstiges Zeitfenster noch kleiner geworden ist.

In diesem Jahr dürfte es in Deutschland deutlich weniger Börsengänge geben als 2021. dpa

Der Handelssaal der Frankfurter Wertpapierbörse

In diesem Jahr dürfte es in Deutschland deutlich weniger Börsengänge geben als 2021.

Frankfurt, New York Die ökonomischen Verwerfungen durch den Ukrainekrieg haben die Kurse der ohnehin schwächelnden Börsen-Newcomer des Jahres 2021 endgültig in die Verlustzone befördert. Fast alle größeren Initial Public Offerings (IPOs) stehen nach dem Überfall Russlands auf das Nachbarland unter Druck, teilweise mussten die Anleger herbe Kursverluste verkraften.

Das schlechte Abschneiden der Neulinge des vergangenen Jahres wird nun zur Belastung für das ohnehin extrem schwierige Geschäft mit Börsengängen 2022. Viele Marktteilnehmer im Emissionsgeschäft räumen offen oder hinter vorgehaltener Hand ein, dass die Bewertungen 2021 sehr hoch waren. Entsprechend sind die Kurse einiger Neuzugänge dramatisch abgestürzt.

Marco Carbonare, Global Co-Head der Equities Practice bei der Kanzlei Linklaters, sieht deshalb Anpassungsbedarf bei den Emittenten: „In einem schwierigen Marktumfeld ist allgemein damit zu rechnen, dass Investoren bei Börsengängen höhere Preisabschläge fordern.“

Laut einer Umfrage der Berenberg Bank erwarten mehr als 30 Prozent der Investoren einen Abschlag auf den fairen Wert der jeweiligen Aktie von 20 bis 30 Prozent.

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    Vor allem die Online-Plattformen Auto1 und Mister Spex erwiesen sich mit Kurseinbrüchen von über 75 beziehungsweise 65 Prozent gegenüber der Erstnotiz als herbe Enttäuschungen für die Investoren. Auch Cherry (Computerzubehör), hGears (Komponenten für E-Antriebe) und Veganz (pflanzenbasierte Lebensmittel) verloren spürbar an Wert.

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    Während sich vor dem Ukrainekrieg noch mehrere Titel im Plus halten konnten, ist nach dem Kriegsbeginn nur noch der Funkmastenbetreiber Vantage Towers mit einem Kursgewinn von deutlich über 30 Prozent ein gutes Geschäft für die Zeichner der neuen Aktien. Der Softwarekonzern Suse pendelte zuletzt in einer engen Spanne um den ersten Börsenkurs.

    Auch im Börsenjahrgang 2020 sind die Gewinner mittlerweile rar geworden. Nur noch der Rüstungselektroniker Hensoldt sticht mit einem Plus von über 100 Prozent hervor - dank des 100-Milliarden-Finanzierungspakets für die Bundeswehr.

    Flaute bei Börsengängen

    Im laufenden Jahr gab es bislang keine größeren Börsengänge, die hohen Kursschwankungen haben dafür gesorgt, dass sich das sonst populäre Emissionsfenster um Ostern herum geschlossen hat. Das heißt aber nicht, dass die Vorbereitungen für Platzierungen ruhen. Es gibt zahlreiche Kandidaten, die nur auf einen günstigen Moment nach dem Sommer warten.

    Falls sich die Märkte in den kommenden Monaten stabilisieren, könnten im Juni Firmen wie Thyssen-Krupps Wasserstoff-Tochter Nucera und Springers Job-Portal Stepstone den Gang aufs Parkett wagen, hieß es in Finanzkreisen. Für September/Oktober - traditionell neben dem Zeitfenster um Ostern die beliebteste Saison für Neuemissionen - gibt es eine lange Liste an potenziellen Börsengängen.

    Allen voran könnte Volkswagen seine Sportwagentochter Porsche an die Börse bringen, mit einer Bewertung von bis zu 80 Milliarden Euro. Daneben stehen in den Startlöchern: die Cloudfirma Ionos von United Internet, das Pro-Sieben-Dating-Portal Parship, die Medizintechnikfirma Otto Bock, der Yton-Porenbetonhersteller Xella, der Gasmotorenproduzent Innio und der Tankkartenanbieter DKV. Auch die Online-Modefirma BestSecret, das Batterie-Unternehmen BMZ und die Immobilienfirma X+Bricks haben Börsenpläne für den Herbst.

    Ob Cheplapharm schon dann einen neuen Anlauf wagt, bleibt abzuwarten. Das Pharmaunternehmen hatte im Januar seinen geplanten Börsengang erst einmal abgesagt. Auch die Sparte für pharmazeutische Glasprodukte von Schott ist börsenreif, dürfte aber erst Anfang 2023 an den Markt kommen.

    Zeitfenster für IPOs sind deutlich kleiner geworden

    Es gibt allerdings auch Unternehmen, denen der Krieg in der Ukraine endgültig einen Strich durch die Börsenpläne macht. Die BASF-Tochter Wintershall Dea dürfte es vor allem wegen des russischen Anteilseigners Letter One, der über 27 Prozent an dem Unternehmen hält, längerfristig schwer haben, Anklang bei Investoren zu finden, warnen Investmentbanker.

    Dazu kommt: Öl- und Gasunternehmen schneiden bei sogenannten ESG-Kriterien schlecht ab. ESG steht für ökologische und soziale Verträglichkeit sowie gute Unternehmensführung.

    Angesichts des Ukrainekriegs ist der Markt für die Aktien von Börsenneulingen derzeit ohnehin nur sehr eingeschränkt aufnahmefähig. „Wir erwarten bis zur Sommerpause eine selektive IPO-Aktivität, die Zeitfenster, in denen Börsengänge möglich sind, sind aufgrund der erhöhten Volatilität an den Aktienmärkten deutlich kleiner als in den vergangenen Jahren“, sagt der für das deutsche Eigenkapitalmarktgeschäft zuständige Goldman-Sachs-Banker Philipp Süß. Eine Mehrheit der Investoren erwartet europaweit zwischen 25 und 50 größere IPOs in diesem Jahr nach 157 in 2021, geht aus der Berenberg-Umfrage hervor.

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    In dieser Ausgangslage stellen die Investoren höhere Anforderungen an die Börsenkandidaten: „Die Geschäftsmodelle sollten widerstandsfähig gegen Krisen und die Inflation sein. Hier werden Markt- und Preisführerschaft wichtiger werden als in der Vergangenheit“, betont Christopher Wickli, der bei der Investmentbank Lazard für die IPO-Beratung verantwortlich ist.

    Für die kommenden IPOs sehen Banker und Berater folgende Erfolgsfaktoren:

    • Angemessene Bewertung mit Spielraum für Kursgewinne nach dem ersten Handelstag.
    • Wenn das Geschäft noch nicht profitabel ist, dann muss es einen klaren Zeitplan geben, ab wann schwarze Zahlen geschrieben werden.
    • Die Emission sollte ein Mindestvolumen von 500 Millionen Euro haben, damit langfristig orientierte Fonds einsteigen, die kleine Unternehmen oft meiden.
    • Idealerweise sollte ein größerer Ankerinvestor vor dem IPO einsteigen. Das sorgt bei anderen Anlegern für Zuversicht.

    Auch in den USA sind Tech-Unternehmen kein Selbstläufer mehr

    Wie dramatisch der Einbruch im Emissionsgeschäft ist, zeigen auch die jüngsten Zahlen aus den USA. Im ersten Quartal gingen nur 77 Unternehmen an die Börse und sammelten 12,2 Milliarden Dollar ein, wie Daten des Analysehauses Dealogic zeigen. Das sind 81 Prozent weniger Firmen als noch vor einem Jahr, die damals 140 Milliarden Dollar einnahmen.

    Gerade für die einst so beliebten Technologie-IPOs hat sich die Stimmung gedreht. Das gilt sowohl für Start-ups als auch bereits gelistete Tech-Unternehmen. „Unprofitable Firmen und solche mit Geschäftsmodellen, die sich noch nicht bewährt haben, werden es schwer haben“, gibt Dan Morgan, Portfoliomanager beim Vermögensverwalter Synovus, zu bedenken.

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    Lange Zeit waren Technologiewerte die absoluten Stars im Portfolio. Doch in Zeiten steigender Inflation und anziehender Zinsen haben es die schnell wachsenden und oft unprofitablen Firmen schwer. „Die schlechte Performance von Tech-Börsengängen ist ein Warnsignal und zeigt, dass es irgendwo einen Deckel für die Bewertungen gibt“, mahnt Sven Weber, der den Wagniskapitalfonds Knightsbridge Advisors berät.

    Wie schwierig das Klima gerade für Tech-Unternehmen ist, zeigt das Start-up Instacart, das Supermarkteinkäufe nach Hause liefert und somit gerade in der Pandemie besonders gefragt war. Instacart will 2022 an die Börse.

    Das Unternehmen hat seine Bewertung Ende März um 40 Prozent nach unten korrigiert, auf 24 Milliarden Dollar. Damit rückte das Start-up enger an Bewertungen von börsennotierten Unternehmen wie dem Lieferdienst DoorDash, der in diesem Jahr rund ein Viertel an Wert verloren hat.

    Seit dem IPO Ende 2020 hat DoorDash gut 30 Milliarden Dollar oder 45 Prozent an Wert verloren. Ähnlich sieht es bei den anderen großen Börsenstars aus dem vergangenen Jahr aus. Die Tradingapp Robinhood hat seit dem Debüt im Juli gut 65 Prozent an Wert verloren. Die Kryptobörse Coinbase notiert gut 50 Prozent schwächer.

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    Phil Haslett arbeitet für EquityZen, eine Plattform, die den Handel von Mitarbeiteraktien privat geführter Unternehmen ermöglicht, die kurz vor dem IPO stehen. Haslett zufolge notieren Papiere solcher Start-ups zehn bis 30 Prozent niedriger als noch vor einem Quartal.

    Die Krise der Technologie-IPOS zeigt sich auch im Geschäft mit leeren Börsenmänteln, das im vergangenen Jahr einen regelrechen Boom erlebte. Diese sogenannten Special Purpose Acquisition Companies (Spacs) sind ein Mittel, um vor allem junge Wachstumsunternehmen über einen Umweg schneller an die Börse zu bringen. Dabei sammelt zunächst das Spac über einen IPO Kapital bei den Investoren ein, danach sucht dieser leere Börsenmantel nach einem lukrativen Übernahmeziel.

    Im Moment ist dieses Geschäft laut Investmentbankern quasi eingefroren. Die ausstehenden Spacs hätten große Mühe, lukrative Ziele zu finden, und außerdem falle es den Initiatoren schwerer, Kredite für die Finanzierung der Übernahmen zu bekommen.

    Ähnlich wie in Deutschland und Europa bringen sich auch in den USA Unternehmen in Stellung, um ihre Börsengänge nachzuholen, sobald sich die Lage an den Märkten verbessert. So haben unter anderem der Softwarehersteller Justworks, die Supermarktkette Fresh Markets und andere ihre Börsenpläne entsprechend angepasst. Auch das soziale Netzwerk Reddit, das während der Pandemie im Zentrum eines Trading-Booms stand, will in diesem Jahr aufs Parkett und hat dafür Goldman Sachs und Morgan Stanley engagiert. Weitere Börsenkandidaten sind das soziale Netzwerk Discord, das bei Gamern und Kryptoinvestoren beliebt ist und im vergangenen Jahr ein zehn Milliarden Dollar schweres Übernahmeangebot von Microsoft abgelehnt hat.

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