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01.12.2022

02:31

Kryptowährungen

„Ich habe nie versucht zu betrügen“: FTX-Gründer wehrt sich gegen Vorwürfe

Von: Astrid Dörner, Felix Holtermann

Sam Bankman-Fried räumt in seinem ersten öffentlichen Auftritt nach der Insolvenz Fehler ein, bestreitet jedoch den Vorsatz. Er will dabei helfen, möglichst viele Kunden zu entschädigen.

Der Gründer und CEO von FTX hatte seinen ersten Auftritt nach der Insolvenz der Kryptobörse. Bloomberg

Sam Bankman-Fried

Der Gründer und CEO von FTX hatte seinen ersten Auftritt nach der Insolvenz der Kryptobörse.

New York Sam Bankman-Fried versuchte es mit Schadensbegrenzung. „Ich habe viele Fehler gemacht und ich würde alles dafür geben, um einige Dinge noch einmal machen zu dürfen“, beteuerte der Gründer der mittlerweile insolventen Kryptobörse FTX. Der 30-Jährige war von seiner Wahlheimat, den Bahamas, zu einer Konferenz der „New York Times“ zugeschaltet, um seine Sicht auf die Dinge zu schildern. Es war sein erster öffentlicher Auftritt nach der spektakulären Pleite. Und Bankman-Fried hat in diesen Tagen einiges zu erklären.

Innerhalb nur einer Woche war sein Kryptoimperium zusammengebrochen. FTX war einst die drittgrößte Handelsplattform für digitale Währungen der Welt, hinzu kamen Dutzende Tochterunternehmen und Beteiligungen. Die Kryptobörse war noch im Frühjahr mit 32 Milliarden Dollar bewertet, Bankman-Frieds Vermögen lag in der Spitze bei 26 Milliarden Dollar. Nun ist alles weg.

Am 11. November meldete FTX in den USA Insolvenz an, der Gründer trat von seinem Posten als CEO zurück und muss nun aus der Ferne betrachten, wie verkauft wird, was noch übrig bleibt. Die gut eine Million Kunden kommen nicht mehr an ihre Gelder.

An der Wall Street und in der Kryptobranche steht vor allem eine Frage im Mittelpunkt: War Bankman-Fried ein gewiefter Betrüger, der sich bewusst an Kundengeldern bereichert hat? Oder war er lediglich ein naiver Unternehmer, der eine Reihe tragischer Fehler begangen hat und seine einst erfolgsverwöhnte Firma nicht mehr im Griff hatte?

Die US-Börsenaufsicht und die Derivateaufsicht CFTC prüfen, ob Bankman-Fried Kundengelder in Milliardenhöhe dazu verwendet habe, um Löcher bei seinem Hedgefonds Alameda Research zu stopfen. Medienberichten zufolge fehlen gut acht Milliarden Dollar in der Bilanz von FTX, und es könnte Branchenkennern zufolge Jahre dauern, Licht in das komplizierte Geflecht an Transaktionen zu bringen.

Bankman-Fried: „Haben beim Risikomanagement komplett versagt“

Der FTX-Gründer, der in der Kryptowelt gern „SBF“ genannt wird, wies die Vorwürfe bei seinem Auftritt am Mittwoch zurück. „Ich habe nie versucht zu betrügen“, beteuerte Bankman-Fried. Er trug ein schlichtes, schwarzes T-Shirt, hinter ihm eine große Zimmerpflanze, wie sie in jedem Hotelzimmer stehen könnte. Über seinen genauen Aufenthaltsort auf den Bahamas machte er keine Angaben. Nur so viel: In seinem Penthouse mit Meerblick sei er nicht mehr.

Immer wieder schaute er vor sich auf den Boden, doch er wirkte ruhig, ließ sich nicht aus der Fassung bringen. Viele der Fehler, die am Ende zu der größten Insolvenz der Kryptobranche geführt haben, räumte er ein. „Wir haben beim Risikomanagement komplett versagt“, stellte er klar. „Im Nachhinein betrachtet ist das peinlich.“ Er habe FTX vor drei Jahren schließlich gegründet, weil er fand, dass andere Kryptobörsen kein gutes Risikomanagement hatten.

So sei ihm entgangen, welche große Summe an Krediten Alameda bei FTX ausstehen hatte. Für diese seien zwar Kryptowährungen als Sicherheiten hinterlegt worden. Doch der Wert dieser Token sei zuletzt rapide eingebrochen.

Bankman-Fried beschreibt sich selbst als abgelenkt. „Wir haben zu viele Sachen gleichzeitig gemacht“, räumt er ein. Und es habe niemanden gegeben, der für das Risikomanagement zuständig war. Auch einen Finanzchef gab es nicht, genauso wenig wie einen unabhängigen Verwaltungsrat als Kontrollinstanz. „Ich war auf der Titelseite von Forbes und der Darling des Silicon Valley. Wir sind zu selbstbewusst und sorglos geworden“, hatte er bereits Mitte November auf Twitter offenbart.

Ausgerechnet „SBF“ ist nun der Bösewicht der Branche. Noch im Sommer wurde er als Kryptowunderkind gefeiert, der es besser verstand als alle anderen, die richtigen Instrumente für professionelle Trader anzubieten. Der Sohn zweier Jura-Professoren der Elite-Universität Stanford inszenierte sich als veganer Weltenretter, der mit Krypto so viel Geld wie möglich verdienen wollte, um später alles für gute Zwecke zu spenden.

Explizit suchte er die Nähe zu Regulierern, war einer der größten Geldgeber der demokratischen Partei. Ende April organisierte er die „Krypto Bahamas“-Konferenz gemeinsam mit Hedgefonds-Manager Anthony Scaramucci, an dessen Fonds sich FTX ebenfalls beteiligt hatte. Im Luxushotel Baha Mar empfing Bankman-Fried bei angenehmen 27 Grad nicht nur das Who is who der Kryptobranche, sondern auch den früheren US-Präsidenten Bill Clinton und den ehemaligen britischen Premierminister Tony Blair. Topmodel Giselle Bündchen saß ebenfalls mit ihm auf der Bühne. Sie ist Investorin bei FTX und fungierte als „ökologische Beraterin“.

Risiko zulasten von Kundenvermögen

Viele Mitarbeiter sind immer noch geschockt über die Ereignisse der vergangenen drei Wochen. „Alle haben ihm vertraut“, sagte ein Manager und verweist darauf, dass viele Mitarbeiter selbst große Teile ihrer Ersparnisse auf FTX gehalten hätten. „Viele haben FTX benutzt wie ein Bankkonto. Jetzt haben sie keinen Zugang mehr zu ihrem Geld.“

Niemand habe den schnellen Abstieg kommen sehen. Noch zwei Tage vor dem Insolvenzantrag schrieb Bankman-Fried an die Mitarbeiter, dass er eine neue Finanzierungsrunde plane, wie aus internen Slack-Protokollen hervorgeht, die das Handelsblatt einsehen konnte. Doch dazu ist es nicht mehr gekommen. Er beugte sich schließlich dem Druck und unterschrieb den Insolvenzantrag.

Doch zufrieden ist er mit dem Verfahren offenbar nicht. „Soweit ich weiß, könnten alle Kunden in den USA komplett entschädigt werden“, sagte er am Mittwoch. Warum das nicht geschehen sei, könne er nicht mehr nachvollziehen. Er hat keinen Zugang mehr zu den E-Mails und den Slack-Kanälen von FTX. Auch in Japan stünden die Chancen gut für Kunden. Gleiches gilt nach Handelsblatt-Recherchen auch für Kunden in Europa.

„FTX ist offenbar ein erhebliches Risiko zulasten von Kundenvermögen eingegangen“, sagt Marc Pussar, Partner bei der Anwaltskanzlei KPMG Law. Pussar ist Start-up-Experte und hat viele Fintechs begleitet. Nach seiner Einschätzung krankt es häufig bei sehr schnell wachsenden Start-ups wie FTX an den internen Strukturen, die nicht mehr Schritt halten können.

Im aktuellen Fall komme die problematische Rolle des Gründers Bankman-Fried hinzu: „Eine fehlende Compliance-Kultur kann fatale Auswirkungen bei jedem Unternehmen haben“, erklärt Pussar. „Gibt der Chef keine Grenzen vor, dann folgen die Mitarbeiter diesem Beispiel.“ Zwar seien unkonventionelle Strukturen und kurze Entscheidungswege bei Start-ups üblich. Aber: „Wenn man ein Unternehmen führt, ist Verantwortung elementar, nicht erst wenn man Milliardenwerte anderer Menschen in der Hand hat.“

Die Pleite von FTX hat eine Reihe von Dominoeffekten ausgelöst. Erst am Montag meldete der Kryptoverleiher Blockfi Insolvenz an. Nutzer zogen in den vergangenen Wochen Milliarden von großen Börsen wie Coinbase ab. Konkurrent Kraken kündigte am Mittwoch an, jeden dritten Mitarbeiter zu entlassen. Der Marketmaker Genesis sucht dringend nach neuen Investoren, um eine Insolvenz abzuwenden.

Seine Anwälte hätten ihm dringend abgeraten, an die Öffentlichkeit zu gehen. Doch Bankman-Fried wollte sich nicht „einfach in ein Loch vergraben“, auch wenn ihm möglicherweise eine Gefängnisstrafe drohen könnte. „Ich weiß, das klingt komisch, aber ich denke darüber im Moment nicht nach. Was mit mir passiert, ist gerade nicht wichtig.“

Bankman-Fried will dabei helfen, „möglichst viele Kunden zu entschädigen.“ Immer noch suche er nach Investoren. Doch er weiß auch, dass die wichtigen Entscheidungen nicht mehr in seiner Hand liegen. Sein eigenes Vermögen sei mit der Pleite auch dahin. „Eine Kreditkarte funktioniert noch, auf dem Konto waren, als ich das letzte Mal geschaut habe, noch so 100.000 Dollar drauf.“

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