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07.10.2022

09:23

Opec plus

Kartell drosselt Öl-Förderung während der Energiekrise

Von: Jakob Blume

PremiumDer Kampf um den Ölpreis eskaliert: Die Ölexporteure reagieren mit deutlichen Förderkürzungen auf die neuen Energiesanktionen gegen Russland.

Förderung von Öl in Saudi-Arabien AFP

Ölproduktion in Saudi-Arabien

Das saudische Königreich unterstützt Russland bei den Bestrebungen, den Ölmarkt knapp zu halten.

Zürich Ungeachtet der Angst vor einer weltweiten Wirtschaftskrise, ausgelöst durch hohe Energiepreise, streicht die Opec die Ölfördermenge zusammen. Das Kartell hat sich bei seiner Sitzung am Mittwoch entschieden, die Förderung um bis zu zwei Millionen Barrel pro Tag zu drosseln. Die Menge der Förderkürzungen würde rund zwei Prozent der weltweiten Ölnachfrage entsprechen.

Nur wenige Stunden zuvor hatte die Gemeinschaft der größten Industriestaaten (G7) neue Sanktionen gegen Russland auf den Weg gebracht, zu denen auch eine Preisgrenze für russisches Öl gehört. Beide Entscheidungen könnten das Ölangebot reduzieren und die Preise damit nach oben treiben.

Die Förderkürzung hatte der Markt bereits antizipiert: Schon vor Bekanntwerden der finalen Entscheidung kletterte der Ölpreis über die Marke von 92 Dollar. Am Abend kostet ein Barrel der Nordseesorte Brent 93,56 US-Dollar und damit fast zwei Prozent mehr als am Vortag. Seit Wochenbeginn hat sich Rohöl um rund 4,5 Prozent verteuert.

Opec reduziert die Öl-Förderung: Scharfe Kritik an Kürzungen

Helima Corft, Opec-Expertin der Investmentbank RBC Capital Markets, meint: Damit die ab Dezember gültige Preisgrenze für russisches Öl ein Erfolg werde, müsste Russland keine andere Wahl haben, als den vorgeschriebenen Preis zu akzeptieren. Doch Croft hält es „für sehr wahrscheinlich, dass Russland seine Produktion selektiv drosseln wird, um zu versuchen, das europäische Kalkül in Bezug auf den Ukrainekrieg zu ändern“.

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    Offen ist, wie die USA in dieser Situation reagieren werden. Washington kritisierte die Kürzungen scharf. Mit der Entscheidung verbünde sich die Allianz mit Russland, sagt US-Präsidialamtssprecherin Karine Jean-Pierre. Dies sei ein „Fehler“. Das Weiße Haus hatte im Vorfeld klargemacht, Produktionskürzungen seitens der Opec mit einer weiteren Freigabe von Lagerbeständen aus der strategischen Ölreserve kontern zu wollen.

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    Diese Ankündigung zeigt, dass die Energiekrise in Europa sich zu einem weltweiten Preiskampf auszuweiten droht – mit den westlichen Industriestaaten auf der einen Seite sowie den Opec-Staaten inklusive Russland (Opec plus) und großen Importeuren wie Indien und China auf der anderen Seite.

    Für US-Präsident Joe Biden kommt der Opec-Entscheid zu einem schwierigen Zeitpunkt. Vor den wichtigen Zwischenwahlen im November hatte Biden eigentlich auf sinkende Spritpreise gehofft. Die US-Regierung machte Insidern zufolge Druck auf die Opec plus, auf eine Drosselung zu verzichten.

    „Höhere Ölpreise, wenn sie durch beträchtliche Produktionskürzungen angetrieben werden, würden die Biden-Administration wahrscheinlich verärgern“, schrieben die Analysten der US-Großbank Citi. Die Experten gehen davon aus, dass die US-Regierung mit der angekündigten Freigabe von Ölreserven aus den strategischen Vorräten Ernst macht.

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    Auch der „No Oil Producing and Exporting Cartels Act“, kurz Nopec, könnte den Citi-Analysten zufolge jetzt doch noch Realität werden. Dieses vor bereits mehr als 20 Jahren auf den Weg gebrachte, aber nie in Kraft getretene US-Gesetz würde den Weg für Kartellklagen gegen die Opec frei machen, mit dem Ziel, Verbraucher wie Unternehmen in den USA vor künstlich herbeigeführten Preissteigerungen bei Benzin und Heizöl zu schützen.

    Opec plus: Eskalation im Ringen um Rohölpreise

    Der Opec-plus-Entscheid ist die jüngste Eskalation im Ringen um die Rohölpreise. Bereits die Entscheidung des Kartells, das Treffen erstmals seit zweieinhalb Jahren als Präsenzgipfel in Wien und nicht virtuell abzuhalten, war ein Affront gegenüber Europa.

    Denn ungeachtet aller Sanktionen reiste auch der russische Energieminister Alexander Nowak in Österreichs Hauptstadt. Nowak gilt als treibende Kraft hinter der Produktionskürzung. Opec-Expertin Croft bestätigt: „Moskau hat sich für eine deutliche Reduzierung starkgemacht.“

    Brisanter Besuch: Russlands Energieminister ist trotz persönlicher Sanktionen nach Wien gereist. Reuters

    Alexander Nowak

    Brisanter Besuch: Russlands Energieminister ist trotz persönlicher Sanktionen nach Wien gereist.

    Das Kalkül: Bei einem knappen Ölangebot könnten wichtige Importeure wie Indien und China gewillt sein, einen marktnahen Preis zu bezahlen, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Um den Markt zu verknappen, braucht Russland jedoch die übrigen Partner der Opec-plus-Allianz – allen voran das saudische Königreich.
    Mit dem heutigen Tag ist für Insider klar: Saudi-Arabien steht an der Seite von Kremlchef Wladimir Putin. Die Gespräche von US-Präsident Joe Biden, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron oder Bundeskanzler Olaf Scholz, die in Riad über eine Ausweitung der Ölproduktion verhandelt hatten, blieben ohne Ergebnis.

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    Laut Bhushan Bahree vom Analysehaus S&P Commodity Insights ist es für den Westen nun schwieriger, seine neuen Strafmaßnahmen zu realisieren. „In dem Maße, in dem die Preise steigen, wird es für Europa sehr viel schwieriger, seine Sanktionen gegen russisches Öl im Dezember durchzusetzen.“

    Die Energieminister der Opec-plus-Allianz waren derweil bemüht, den Eindruck zu zerstreuen, dass es sich bei der Entscheidung um eine Retourkutsche für die westliche Sanktionspolitik gegen Russland handelt. Der Energieminister der Vereinigten Arabischen Emirate, Suhail Mohamed Al Mazrouei, sagte in Wien, die Opec werde eine „technische Entscheidung, keine politische Entscheidung“ treffen.

    Der saudische Ölminister unterstützt eine strikte Ölförderpolitik. Reuters

    Prinz Abdulaziz bin Salman

    Der saudische Ölminister unterstützt eine strikte Ölförderpolitik.

    Ähnlich äußerte sich der saudische Energieminister Abdulaziz bin Salman. Die Außenpolitik überlasse man den Außenministern.

    Die Opec-plus-Gremien führten den drohenden Rückgang der weltweiten Ölnachfrage aufgrund des Abschwungs der Weltkonjunktur als Begründung für die striktere Förderpolitik an. Medienberichten zufolge sollen die Produktionskürzungen ab November gelten – also noch vor dem Start der neuen Sanktionen gegen Russland.

    Opec-Mitglieder: Öl-Fördermenge nicht ausgeschöpft

    Analysten verwiesen allerdings darauf, dass die Förderkürzungen real niedriger ausfallen dürften als die angekündigten zwei Millionen Barrel pro Tag. Der Grund: Bereits heute schöpfen zahlreiche Opec-Mitglieder die Förderquoten nicht aus. Ehsan Khoman, Rohstoffexperte der Bank MUFG, schätzt, dass die Opec-plus-Produktion im August um rund 3,5 Millionen Barrel pro Tag unter dem ausgehandelten Produktionsniveau lag.

    Auslöser seien „anhaltende Probleme bei der Produktionskapazität, vor allem in Nigeria, Angola und Russland“. Effektiv könnten daher nur rund eine Million Barrel pro Tag vom Markt verschwinden – durch Länder wie Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate oder den Irak, die ihre Quoten stets erfüllt haben und nun weniger produzieren könnten.

    Erstpublikation: 05.10.22, 16:01 Uhr (aktualisiert 05.10.22, 19:03 Uhr).

    Kommentare (6)

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    Account gelöscht!

    05.10.2022, 16:36 Uhr

    Herr Peter, unsere Freunde aus den USA, ich vermute Sie meinen die, denen gefällt das gar nicht. Gerade vor den Midterm Wahlen könnte Biden eine Benzinpreissenkung sehr gut gebrauchen. Einen militärischen Erfolg kann er auch nicht vorweisen.

    Auch die Amerikaner scheinen mehrheitlich kriegsmüde, vielleicht sollte man die Äußerung von Elon Musk auch mal vor diesem Hintergrund sehen.

    https://overton-magazin.de/krass-konkret/umfrage-mehrheit-der-amerikaner-fordert-diplomatische-bemuehungen-zur-schnellen-beendigung-des-ukraine-kriegs/

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