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03.08.2022

22:29

Rohöl

Opec plus beschließt minimal höhere Ölproduktion – „Ohrfeige für die USA“

Von: Jakob Blume

PremiumEine Produktionserhöhung, die keine ist: Die Allianz der Ölexportstaaten widersteht weitgehend den Forderungen nach einer Ausweitung der Ölproduktion.

Öl-Raffinerie in Saudi-Arabien  Thomas J. Abercrombie

Ölraffinerie in Ras Tanurah, Saudi-Arabien

Das Königreich und seine Verbündeten in der Opec plus weigern sich, die Ölproduktion deutlich anzuheben.

Zürich Die Allianz der Ölexporteure Opec plus hat sich auf eine minimale Anhebung der Ölproduktion verständigt: Wie das Bündnis am Mittwoch beschlossen hat, wollen die 23 Opec-plus-Mitglieder ihre Förderung um insgesamt 100.000 Barrel pro Tag erhöhen. Das ist die geringste Anhebung der Förderquote, die die Opec plus je beschlossen hat.

Ehsan Khoman, Rohstoffexperte der Bank MUFG sagt: „Das ist nicht mehr als ein Rundungsfehler.“ Der Deal werde keine großen Auswirkungen auf den Markt haben und nicht zu einer Entspannung der Versorgungslage beitragen können. Der Ölpreis legte als Reaktion auf den Beschluss leicht zu, drehte im Verlauf des Handelstages jedoch ins Minus. Europäisches Brent-Öl notierte am Mittwochnachmittag bei rund 98 Dollar pro Barrel (rund 159 Liter).

Opec beschließt nur minimale Erhöhung der Ölproduktion

Der am Mittwoch gefällte Beschluss markiert einen Wendepunkt in der Förderpolitik der Allianz: Die seit Mai 2020 geltende Beschränkung der Ölproduktion, mit der die Opec plus zeitweise zehn Prozent der weltweiten Ölnachfrage vom Markt genommen hatte, ist offiziell beendet. Die Allianz hatte die in der Historie der Opec beispiellosen Produktionskürzungen als Reaktion auf die Coronapandemie sowie auf einen Preiskampf zwischen Saudi-Arabien und Russland eingeführt.

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Die Ergebnisse des Opec-plus-Gipfels waren mit Spannung verfolgt worden – insbesondere in den USA: US-Präsident Joe Biden war Mitte Juli nach Saudi-Arabien gereist, um einen Neuanfang mit dem mächtigsten Opec-Mitglied anzustoßen mit dem Ziel, das Königreich zu einer höheren Ölproduktion zu bewegen.

Die US-Administration hatte gehofft, durch die Reise mindestens eine Erhöhung um 400.000 bis 500.000 Barrel pro Tag zu erreichen. Diese Hoffnungen wurden nun enttäuscht. Die Opec erklärte in einer Stellungnahme: „Auf dem Treffen wurde festgestellt, dass der chronische Investitionsmangel im Erdölsektor zu einem Abbau der Überkapazitäten entlang der Wertschöpfungskette geführt hat.“ MUFG-Experte Khoman erläutert: „Das ist die Art der Opec zu sagen, wir hören eure Forderungen, aber wir können nicht mehr tun.“

Ölbündnis Opec kommt an die Kapazitätsgrenze

Dem Bündnis verblieben Reservekapazitäten von höchstens noch 1,5 bis zwei Millionen Barrel pro Tag. „In der Geschichte der Opec war es sehr selten, dass die Marke von zwei Millionen Barrel pro Tag unterschritten wurde“, so Khoman. Der größte Anteil der Reserven entfällt auf Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate.

Auch Helima Croft, Opec-Expertin bei der Investmentbank RBC Capital Markets, sagt, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate haben kein Interesse daran, unter Volllast zu produzieren. Vor allem das Königreich behält sich eine Reserve vor, um gegen unvorhergesehene Ausfälle der eigenen Ölinfrastruktur gewappnet zu sein.

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Der neue Opec-Deal ist vor allem eine politische Niederlage für US-Präsident Biden: Die Bilder von Bidens Faustgruß mit Kronprinz Mohammed bin Salman brachten dem US-Präsidenten innenpolitisch viel Kritik ein. Doch ein niedriger Ölpreis und eine geringere Inflationsrate sind bei den Midterm-Wahlen in den USA 2024 wichtiger als Bilder mit einem Despoten, so das Kalkül.

Die US-Regierung hat eine eine Kontrolle der Ölpreise nun zu ihrem Fokus erklärt. „Wir konzentrieren uns darauf, diese Preise niedrig zu halten“, sagte Präsidialamtssprecherin Karine Jean-Pierre am Mittwoch vor Journalisten. Auf die Frage, ob die geringe Erhöhung eine Beleidigung von Präsident Joe Biden sei, sagte sie: „Die Preise fallen.“

Biden hatte im Juli Saudi-Arabien besucht unter anderem um die Führungsnation der Opec zu einer höheren Förderung zu bewegen. Dies sollte dabei helfen, die vergleichsweise hohen US-Energiepreise zu dämpfen. Bidens Demokraten stehen vor den Kongresswahlen im November angesichts der Inflation unter Druck.

Opec-Beschluss: „Ohrfeige für die USA“

Kurz vor Beginn des Opec-plus-Treffens hatte Biden zudem zwei milliardenschwere Waffendeals mit Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten genehmigt. Doch die Rechnung ist nun nicht aufgegangen. Ein Marktteilnehmer bezeichnete daher den jüngsten Beschluss als „Ohrfeige für die USA“.

Mehr noch als die USA ist Europa auf zusätzliche Barrels aus der Golfregion angewiesen. Ende Juli hatte daher auch der französische Präsident Emmanuel Macron den saudischen Kronprinzen empfangen. Macron hatte ebenso wie Biden bin Salman dazu gedrängt, mehr Öl zu fördern – ebenfalls weitgehend vergeblich.

Die Zeit drängt: Ab Dezember belegt die EU per Schiff transportiertes russisches Öl mit Sanktionen. Auch Pipelineimporte über Deutschland und Polen sind dann verboten. Ebenso wichtig, wie das Angebot zu erhöhen, sei es daher, Ölexporte gen Asien nach Europa umzuleiten, sagt Croft. So habe der Irak zuletzt auf dem europäischen Markt Anteile erobert.

Die RBC-Expertin warnt: „Zusätzliche Lieferungen aus dem Mittleren Osten sind notwendig, um die Angebotslücke von mehr als zwei Millionen Barrel pro Tag durch den Wegfall russischen Öls zu kompensieren.“

Ölpreise bleiben länger auf hohem Niveau

Was die Versorgungslage noch verschärft: Die meisten übrigen Opec-Mitglieder können bereits heute ihre vereinbarten Quoten nicht erfüllen. Sie leiden unter jahrelangem Investitionsstau in die Ölinfrastruktur, der sich in der Tiefpreisphase während der Pandemie noch verstärkt hat. Die Investmentbank MUFG geht davon aus, dass lediglich drei der 23 Staaten ihre Verpflichtungen erfüllen konnten.

Analystenschätzungen variieren zwischen 1,3 Millionen Barrel und über drei Millionen Barrel pro Tag, die von den Opec-plus-Ländern zu wenig produziert werden. Das verknappt die Angebotsmenge weiter und stützt den Preis. Khoman warnt, dass sich das Problem nicht schnell lösen lässt. „Das Problem geringer Investitionen werden wir in der nächsten Dekade noch stärker spüren.“

Er ist überzeugt: „Die erhöhten Preise für Öl und Gas werden uns noch längere Zeit begleiten.“ Auch von den eigenen Reserven können die Industriestaaten kaum noch zehren: Um die jüngsten Ölpreisspitzen abzumildern, hatten die in der OECD organisierten Industriestaaten ihre strategische Ölreserve angezapft. Der Füllstand etwa der US-Reserven ist auf einem 20-Jahres-Tief.

Russland weiterhin wichtiger Partner der Opec

Zudem gelingt es den Industriestaaten nicht, Russland international zur Opec zu isolieren: „Der Opec-Führung ist es gelungen, die Gruppe zusammenzuhalten“, sagt Khoman. „Russland ist ein wichtiger Produzent, den sie innerhalb der Gruppe halten wollen.“

Branchenschätzungen zufolge ist die russische Ölproduktion seit dem Angriff auf die Ukraine von 9,8 Millionen Barrel pro Tag auf 9,2 Millionen Barrel gefallen – ein vergleichsweise kleiner Rückgang. „Die Menge an Öl, die Russland auf den Markt bringt, ist überraschend“, urteilt Khoman. Der Macht der Opec-plus-Allianz um Saudi-Arabien und Russland haben die Industriestaaten derzeit wenig entgegenzusetzen.

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