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25.06.2020

16:21

Dax aktuell

Dax schließt im Plus – Wirecard-Aktie stürzt nach Insolvenzantrag auf 3,60 Euro ab

Von: Jürgen Röder, Jakob Blume

Der deutsche Leitindex hat an diesem Donnerstag eine Aufwärtslücke geschlossen, was als Sprungbrett dienen könnte. Die Wirecard-Aktie verliert 70 Prozent.

Dax aktuell: Mögliche Einigung im Handelsstreit stützt den Dax dpa

Dax-Kurve im Handelssaal in Frankfurt

Die Frankfurter Benchmark hat in diesem Jahr bereits mehrfach eine neue Bestmarke erreicht.

Düsseldorf Der deutsche Leitindex ist mit einem Plus aus dem Handel gegangen. Er schloss 0,7 Prozent höher als am Vortag bei 12.177 Punkten. Zum Handelsauftakt war die Frankfurter Benchmark noch unter die Marke von 12.000 Punkten gerutscht, das Tagestief liegt bei 11.957 Zählern.

Am Mittwoch hatte der Dax 3,4 Prozent verloren und bei 12.094 Punkten geschlossen. Es war der größte Tagesverlust seit zwei Wochen.

Die aktuellen Daten der Anlegerstimmung signalisieren keinen neuen Crash. Die im März begonnene Dax-Rally sei noch nicht beendet, der Leitindex befinde sich derzeit in einer Korrekturphase, meint Verhaltensökonom Joachim Goldberg nach Auswertung der aktuellen Anlegerumfrage der Börse Frankfurt. In dieser Phase könne es kurzlebige, mitunter auch kräftige Impulse geben, ausgeprägte Trends hätten derzeit keine allzu großen Chancen.

Ein Blick auf den Dax-Chart zeigt, dass die Korrekturphase seit Anfang Juni eine Spanne von rund 1300 Punkten aufweist. In diesem Monat bewegte sich der deutsche Leitindex in einer Spanne von 12.900 Zählern auf der Ober- und 11.600 Punkten auf der Unterseite.

Bei der Wirecard-Aktie geht der Kursverfall weiter: Das Papier verlor am Vormittag rund 80 Prozent und stürzt zeitweise auf 2,50 Euro ab, nachdem das Unternehmen angekündigt hatte, einen Insolvenzantrag zu stellen.

Als Folge wurde zunächst die Aktie vom Handel ausgesetzt, der letzte Kurs vor der Ankündigung wurde auf der Handelsplattform Xetra um 10.19 Uhr bei 10,74 Euro notiert. Um 10.20 Uhr erfolgte laut einer Mitteilung der Deutschen Börse die Handelsaussetzung, die auch für den in den USA gehandelten Wirecard-Hinterlegungsschein (ADR, American Depository Receipt) gegolten hat.

Ebenfalls nicht mehr gehandelt werden durften dann alle strukturierten Produkte wie Anlagezertifikate und Hebelprodukte, die sich auf Wirecard als Basiswert beziehen.

Nach dem Kurssturz auf 2,50 Euro erholte sich Aktie wieder leicht und notiert bei 3,60 Euro mit einem Minus von 70,7 Prozent. Das Handelsvolumen lag mit mehr als 40 Millionen Papieren eine Stunde vor Handelsschluss extrem hoch.

Auch die Wirecard-Anleihe wurde vom Handel ausgesetzt, wie ein Sprecher der Börse Stuttgart bestätigte. Das Papier notierte zuletzt mit einem Abschlag von 89 Prozent bei elf Euro pro 100 Euro Nennwert. Der Absturz der Wirecard-Anleihe dürfte in der jüngeren deutschen Wirtschaftsgeschichte beispiellos sein.

Noch vor einer Woche wurde das Papier von der Ratingagentur Moody’s als „Investment Grade“, also vergleichsweise solide eingestuft. Am vergangenen Freitag stufte Moody’s das Papier jedoch auf Ramschniveau herab, am Montag setzte die Agentur das Rating aus.

Ob die Anleihegläubiger zumindest einen Teil ihres Geldes je wiedersehen werden, ist derzeit völlig ungewiss. Ein Insolvenzverfahren wird klären müssen, wie viel Masse noch vorhanden ist. Das kann sich über Jahre hinziehen. Die Anleihegläubiger werden jedoch vor den Aktionären bedient.

Es ist wohl das erste Mal in der Börsenhistorie, dass ein noch aktueller Dax-Konzern Insolvenz anmelden will. Die Frage ist natürlich: Wie lange bleibt Wirecard noch im Dax? Der nächste reguläre Überprüfungstermin ist erst im September.

Dabei hat die Börse für den Fall einer Insolvenz sogar vorgesorgt: Doch auf Seite 42 des 88-seitigen Leitfadens heißt es ausdrücklich, dass Unternehmen nach einer Insolvenzanmeldung erst zum nächsten Überprüfungstermin – in diesem Fall also im September – aus dem Index genommen werden. Ein sofortiger Ausschluss wäre danach nur möglich, wenn die Insolvenz mangels Masse abgelehnt oder das Unternehmen liquidiert würde – beides ist aber bis dahin nicht zu erwarten.

Voraussetzung für einen Platz im Dax ist die Mitgliedschaft im streng regulierten Prime Standard der Deutschen Börse. Doch dort könnte Wirecard den Platz nur freiwillig räumen – was Insolvenzverwalter oft im Laufe des Verfahrens veranlassen, um Geld zu sparen. Doch auch das würde den Dax-Abschied nicht beschleunigen: Die Kündigung wird nach der Börsenordnung erst nach drei Monaten wirksam.

Da stellt sich die nächste Frage: Wieviel „Masse“ hat Wirecard, das keine Produktionsstätten oder Waren besitzt. Nur eine Software, mit der zumindest in der Theorie weltweit Zahlungen abgewickelt werden können, stellt einen Vermögenswert dar. „Sollten keine weiteren negativen Nachrichten bekannt werden, liegt der Liquidierungswert bei Wirecard bei rund 65 Millionen Euro“, hat Vermögensverwalter Markus Schön ausgerechnet. „Dies entspricht einen Aktienkurs von 55 Cent“.

Bei der Wirecard-Aktie haben nicht nur die Hedgefonds mit ihren Short-Spekulationen für fallende Kurse gesorgt, sondern auch der frühere Vorstandschef Markus Braun.

Er musste offenbar seine Beteiligung an dem Zahlungsdienstleister deutlich reduzieren und hielt zur Eröffnung am heutigen Donnerstag nur noch 2,62 Prozent an Wirecard. Vor einer Woche waren es noch 8,04 Prozent. Braun hat umgerechnet 7,9 Millionen Papiere verkauft, was den Kursverfall der vergangenen Tage zusätzlich beschleunigt hat.

Zu den Gewinnern an der deutschen Börse zählte an diesem Donnerstag die Lufthansa-Aktie mit einem Plus von rund sieben Prozent. Die Unsicherheit ist vorbei, Großaktionär Heinz Hermann Thiele will dem Rettungspaket auf der Hauptversammlung am heutigen Donnerstag zustimmen. Zudem hat sich die Fluggesellschaft mit den Flugbegleitern auf ein Sparpaket geeinigt.

Die kommenden Handelstage und -wochen dürften spannend verlaufen: Denn die Hedgefonds haben in der Vergangenheit massiv auf fallende Kurse bei der Kranich-Airline gesetzt. Sie haben sogar am Mittwoch noch ihre Wette erhöht, die Quote liegt laut „Bundesanzeiger“ immer noch bei mindestens 10,08 Prozent aller frei handelbarer Aktien (Stand Mittwoch 24. Mai).

Was bedeutet das für die Lufthansa-Aktie? Auf jeden Fall, dass sich die neun beteiligten Hedgefonds eine Strategie einfallen lassen müssen, zu welchem Zeitpunkt sie die Aktien wieder zurückkaufen.

Denn Leerverkäufer spekulieren auf fallende Kurse, indem sie Aktien eines Unternehmens beispielsweise bei Investmentfonds leihen und verkaufen. Um diese Aktien nach Ablauf der Frist wieder zurückzugeben, müssen sie sie vorher wieder kaufen – natürlich möglichst zu einem niedrigeren Kurs.

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Eine Leerverkaufsquote von 10,08 Prozent bedeutet: 48,2 Millionen Aktien müssen die Fonds möglichst günstig zurückkaufen. Die Einstiegskurse der Hedgefonds sind nur schwer nachzuvollziehen, zumal die Lufthansa-Aktien seit Jahren im Fokus von Short-Spekulationen stehen. Deutlich erhöht wurde diese Quote im März 2020, was dazu beitrug, dass der Aktienkurs von zwölf auf acht Euro abrutschte.

Doch beim aktuellen Stand von knapp zehn Euro ist es nicht einfach, sehr hohe Gewinne aus der Short-Spekulation zu erzielen. Erschwerend kommt hinzu: Die Lufthansa ist seit Anfang dieser Woche aus dem Dax abgestiegen in den MDax.

Das hat zwangsläufig ein geringeres Handelsvolumen zur Folge. So wurden am Mittwoch und Dienstag dieser Woche nur 8,3 sowie 8,1 Millionen Papiere gehandelt, zuvor lag das durchschnittliche Volumen bei zehn Millionen Stück. Das macht die Sache für die Hedgefonds nicht einfacher.

Blick auf die Einzelwerte

Bayer: Der Pharma- und Agrarchemiekonzern Bayer hat sich im Streit um den angeblich krebserregenden Unkrautvernichter Glyphosat in den USA mit einem Großteil der Kläger auf einen milliardenschweren Vergleich geeinigt. Dafür muss Bayer aber tief in die Tasche greifen – für den Vergleich und für mögliche künftige Fälle werden bis zu 10,9 Milliarden Dollar fällig.

Die Aktie profitierte zunächst mit einem deutlichen Plus von dieser Einigung, die am Markt erwartet worden war. Doch bis Handelsschluss verlor der Wert wieder rund drei Prozent. Seit dem Crashtief Mitte März ist der Titel bereits um 50 Prozent gestiegen, eine bessere Performance als der Dax. Übrigens war die Bayer-Aktie während der Turbulenzen nur selten im Fokus von Short-Spekulanten.

Was die Charttechnik sagt

Der Schwächeanfall am Mittwoch hat Wirkung gezeigt. Nun steht wieder die Unterstützungszone beim Dax unter Druck. Denn die Aufwärtskurslücke aus der vergangenen Woche (12.133 zu 11.968 Punkte) wurde mit dem Tagestief von 11.957 Punkten an diesem Donnerstag komplett geschlossen.

Solche Aufwärtskurslücken interpretiert die Charttechnik als Zeichen für weiter steigende Kurse, sie sind ein wichtiger Unterstützungsbereich. In diesem Fall liegt das Tagestief vom Dienstag der vergangenen Woche (12.133 Punkte) über dem Tageshoch vom vorherigen Montag (11.968) der vergangenen Woche. Nun ist diese Lücke geschlossen, was im positiven Fall als Sprungbrett für weiter steigende Kurse dienen könnte.

Auch die Glättungslinien der vergangenen 200 Tage (aktuell bei 12.157 Punkten) sowie 200 Wochen (aktuell bei 12.062 Punkten) sind nach dem Rutsch am gestrigen Mittwoch hart umkämpft. Die 200-Tage-Linie ist ein Indikator für den langfristigen Trend. Wenn der Dax über einer steigenden 200-Tage-Linie notiert, werten Investoren das als positives Zeichen und umgekehrt.

Die technischen Analysten der Bank HSBC sind dennoch guter Dinge. Ihrer Ansicht nach passt unter saisonalen Gesichtspunkten eine Verschnaufpause bis Ende Juni gut in den US-Präsidentschaftszyklus.

Ab dem Halbjahreswechsel gab es in der Vergangenheit anschließend meistens eine Phase mit saisonalem Rückenwind, wenn im November ein neuer US-Präsident gewählt wird.

Hier geht es zur Seite mit dem Dax-Kurs, hier gibt es die aktuellen Tops & Flops im Dax. Aktuelle Leerverkäufe von Investoren finden Sie in unserer Datenbank zu Leerverkäufen.

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