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19.07.2022

17:57

Zwischen Tageshoch und Tagestief lagen mehr als 500 Punkte.

Dax-Tafel in Frankfurt

Zwischen Tageshoch und Tagestief lagen mehr als 500 Punkte.

Dax aktuell

Wegen Aussicht auf russisches Gas: Dax schließt nach Kurssprung fast 350 Punkte im Plus

Von: Ingo Narat, Leonidas Exuzidis

Innerhalb weniger Minuten hatte der Leitindex am späten Nachmittag 250 Zähler zugelegt. Besonders Uniper-Aktien steigen rasant. Die Handelsspane lag bei mehr als 500 Punkten.

Frankfurt Die Aussicht, dass schon bald wieder Gas nach Europa durch die Pipeline Nord Stream 1 fließen könnte, hat für einen unerwarteten Kurssprung am deutschen Aktienmarkt gesorgt. Der Dax schloss am Dienstag 2,7 Prozent oder 349 Punkte höher bei 13.308 Punkten.

Innerhalb weniger Minuten hatte der Leitindex am späten Nachmittag 250 Punkte zugelegt. Das zwischenzeitliche Hoch liegt mit 13.351 Zählern noch etwas höher als das Schlussniveau. Zwischen Tageshoch und Tagestief liegen folglich mehr als 500 Punkte.

Der Dax ging damit den vierten Tag in Folge mit Gewinnen aus dem Handel. Das hat es bereits seit mehreren Wochen nicht gegeben. In den vergangenen Tagen war der Leitindex schon um 3,5 Prozent gestiegen.

Nach der routinemäßigen Wartung der Pipeline will Russland wohl wieder Gas durch Nord Stream 1 schicken – wenn auch auf reduziertem Niveau. Das berichtete die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf Insider. Das Bundeswirtschaftsministerium äußerte sich dazu nicht.

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    In den vergangenen Tagen und Wochen waren jedoch Zweifel aufgekommen, ob dies so geschieht. Ein plötzliches Ende der russischen Gaslieferungen hätte in Europa zu erheblichen Verwerfungen geführt und die Aktienmärkte wahrscheinlich weiter einbrechen lassen. Insofern reagieren Marktteilnehmer erleichtert auf die jüngsten Entwicklungen, auch wenn es dafür noch keine Bestätigung gibt.

    Zu den Favoriten am Aktienmarkt gehörten, wie schon am Vortag, eher zyklische Werte. Adidas, Covestro und BASF führten die Gewinnerliste an. Auch Banken und Automobilzulieferer waren gefragt. Bedingt durch den Medienbericht sprangen Uniper-Aktien im Nebenwerteindex MDax um zehn Prozent nach oben.

    Deutlich in der Gewinnzone lagen sich auch die werte der Versorger Eon und RWE. Hintergrund ist das Übernahmeangebot des französischen Staates für den heimischen Versorger EDF, das der Aktie in Paris einen Sprung von 15 Prozent bescherte.

    Wie reagiert die EZB?

    Neue Signale gab es am Dienstag auch von geldpolitischer Seite: Die Europäische Zentralbank (EZB) könnte bei ihrer Sitzung am kommenden Donnerstag die Zinsen stärker anheben als gedacht. Die Nachrichtenagenturen Reuters und Bloomberg berichten unter Berufung auf Insider, dass auch eine Erhöhung um 50 Basispunkte möglich sei. Bislang galt eine Anhebung um 25 Basispunkte als ausgemacht.

    Das ließ die Rendite zweijähriger deutscher Anleihen, die auf kurzfristige Zinserwartungen reagiert, zwischenzeitlich auf den höchsten Stand seit über zwei Wochen steigen. Der Euro zog auf bis zu 1,0253 Dollar an, nachdem er in der vergangenen Woche erstmals seit 2002 unter die Parität zum Dollar gefallen war.

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    Einen positiven Ausblick für den Gesamtmarkt wagen die Analysten von Metzler Capital Markets in ihrer Lagebeurteilung vom Dienstag. Anleger seien zu Wochenbeginn wohl zuversichtlich gewesen, dass das Schlimmste hinter ihnen liege.

    Neuer geldpolitischer Stimulus aus China, kurzfristige Hoffnung auf mehr Öl aus Saudi-Arabien und Spekulationen um nicht mehr ganz so aggressive Notenbanken hätten Risikoanlagen steigen lassen. „Sollte jetzt auch noch die US-Berichtssaison ihren Segen dazu geben, steht einer kleinen Sommerrally eigentlich nichts mehr im Wege“, heißt es von den Metzler-Experten.

    Sie ziehen ihre Zuversicht auch aus dem unterschiedlichen Verhalten institutioneller und privater Anleger in Deutschland. Wie zuletzt im März 2020, dem Pandemie-Börsencrash, würden die institutionellen Investoren deutlich zuversichtlicher, während Private weiter zurückhaltend wären. „Ein positives Signal, denn oftmals sind die Profis mit ihrer Einschätzung der Lage deutlich treffsicherer“, meinen die Metzler-Fachleute. Nach dem Crash im März 2020 waren die Kurse schnell wieder gestiegen.

    Eher skeptisch sieht dagegen Bernd Meyer die Lage. Laut dem Chef-Anlagestrategen für das Asset-Management bei Berenberg sind die Analysten noch weit davon entfernt, eine deutliche Wirtschaftsabkühlung in ihren Gewinnschätzungen zu berücksichtigen. „Mit der jetzt angelaufenen Berichtssaison für das zweite Quartal dürfte es aber deutlichere Anpassungen nach unten geben“, prognostiziert der Experte.

    „Das Momentum im Dax ist nach wie vor negativ. “ Getty Images; Per-Anders Pettersson

    Handelssaal in Frankfurt

    Das Momentum im Dax ist nach wie vor negativ.

    Wesentlich deutlicher wird Eduard Baitinger, Leiter Vermögensstrukturierung bei der Feri-Gruppe. Er erwartet eine Rezession, denn die globale Wirtschaft sei bereits spürbar durch die geldpolitische Straffung ausgebremst. Diese zu lockern, ließen die Inflationsprognosen nicht zu. „In diesem Szenario ist ein zeitnaher Turnaround an den Märkten unwahrscheinlich, mindestens eine weitere Abverkaufswelle ist zu erwarten“, glaubt der Feri-Mann.

    Im Ernstfall würde sogar eine schwere weltweite Rezession drohen, verursacht durch starke ökonomische Ungleichgewichte. Auslöser könnten die globale Verschuldung von Unternehmen oder Staaten, vielleicht auch der aufgeblähte chinesische Immobilienmarkt sein. „In diesem Szenario würde der Negativtrend an den Aktienmärkten mindestens bis zum Jahresende anhalten“, meint Baitinger.

    Ähnlich denken die Fachleute beim italienischen Vermögensverwalter Plenisfer Investments. Für die Zentralbanken sei ein Eindämmen der Inflation schwierig. Im Zweifel „wird die US-Notenbank der Inflationsbekämpfung Vorrang vor der Verteidigung der Finanzmärkte einräumen“, heißt es. Im Klartext bedeutet das: Die Notenbank wird wenig Rücksicht auf die Wall Street nehmen. Und die europäischen Aktienmärkte seien ebenso belastet.

    Der Einfluss der Rohstoffpreise

    Ein ganz anderes und positives Gedankenspiel wagen die Strategen beim kalifornischen Hedgefonds Clocktower. Die Experten setzen beim wichtigsten Energierohstoff an: „Die geopolitische Risikoprämie im Ölpreis könnte schnell verschwinden, wenn Russland seine Mission im Donbass als erfüllt erklärt und der Krieg im Osten stoppt.“ Dann könnte die US-Notenbank von ihrer aggressiven geldpolitischen Straffung abgehen.

    Eine Wirtschaftsabschwächung und eine Stabilisierung der Energiepreise seien bereits im Gange. Die Inflation habe ihren Höhepunkt erreicht. Zusammen mit einer dann weniger aggressiven Notenbankpolitik wäre das Ergebnis klar: „Das ist bullish für Risikoanlagen.“ In dem Zuge erwarten die Clocktower-Experten ein Ende der Dollar-Hausse und einen an Wert gewinnenden Euro.

    Ein Abflachen der Inflation erwarten einige Analysten auch wegen der teilweise kollabierenden Rohstoffpreise. So weist Robert Rethfeld von Wellenreiter Invest darauf hin, das Eisenerz momentan weniger als halb so viel kostet wie am Höhepunkt vor etwas über einem Jahr. Die Preise für die Verschiffung von Gütern wie Eisenerz, Kohle oder Weizen hätten sich gegenüber dem Hoch vor einem Jahr etwa gedrittelt.

    Blick auf Einzelwerte

    Fraport: Anleger schöpfen wieder mehr Vertrauen in den Flughafenbetreiber. Am Nachmittag avancierte die Aktie mit einem Plus von 4,2 Prozent zu einem der stärksten Werte im MDax.

    Deutsche Bank: Laut Händlern sind die oben angeführten Spekulationen über einen deutlicheren Zinsschritt der EZB am Donnerstag der Grund für die Kursgewinne der Bankenaktien. Der Kurs der Deutschen Bank gewann 4,5 Prozent, der der Commerzbank 6,5 Prozent. Banktitel gehörten bereits am Vortag zu den stärksten Werten.

    United Internet: Der Aktienkurs des Internetdienstleisters fiel zwischenzeitlich um rund ein Prozent. Hintergrund ist laut Händlern die Herabstufung durch Oddo BHF. Bedingt durch die allgemeine Marktentwicklung drehten die Aktien später aber ins Plus und schlossen 0,8 Prozent höher.

    Hier geht es zur Seite mit dem Dax-Kurs, hier gibt es die aktuellen Tops & Flops im Dax.

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