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12.05.2022

06:08

Wall Street

Die Angst vor dem „perfekten Sturm“ geht um: US-Börsen weiten ihre Verluste aus

Von: Felix Holtermann

PremiumVor allem Technologiewerte stehen angesichts der hohen Inflation auf der Verkaufsliste der Anleger. Die Aktie der Kryptowährungsbörse Coinbase stürzt um 26 Prozent ab. Die Rezessionssorgen wachsen.

Anleger suchen ihr Heil in „sicheren Häfen“. Reuters

Wall Street

Anleger suchen ihr Heil in „sicheren Häfen“.

New York Die jüngsten US-Inflationsdaten haben die Wall Street am Mittwoch belastet. Der US-Standardwerteindex Dow Jones schloss ein Prozent tiefer auf 31.834 Punkten. Der breit gefasste S&P 500 büßte 1,6 Prozent auf 3935 Punkte ein. Der technologielastige Nasdaq gab 3,2 Prozent auf 11.364 Punkte nach. Höhere Zinsen entwerten Experten zufolge zukünftige Gewinne dieser wachstumsstarken Firmen.

Der Anstieg der US-Verbraucherpreise verlangsamte sich den Angaben zufolge zwar im April auf 8,3 von 8,5 Prozent. Analysten hatten allerdings auf einen Rückgang auf 8,1 Prozent gehofft.

Die Zahlen änderten aber wohl nichts daran, dass die Notenbank Fed den Leitzins im Juni um einen halben Prozentpunkt anheben wird, sagte Anlagestratege Michael Hewson vom Brokerhaus CMC Markets. Die Kurse am Terminmarkt signalisierten allerdings, dass Investoren mehrheitlich mit einem Schritt von 0,75 Prozentpunkten rechneten.

Vor dem Hintergrund der anhaltenden Diskussionen um ein EU-Embargo russischer Ölimporte legte der Preis für die US-Sorte WTI 5, 84 Prozent auf 105,59 Dollar je Barrel (159 Liter) zu. Sollte sich die EU auf ein Embargo einigen, müsse mit einem weiteren Kursanstieg gerechnet werden, prognostizierte Andrew Lipow, Chef der Beratungsfirma Lipow Oil.

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    Angst vor dem „perfekten Sturm“

    Unter Marktanalysten und Notenbankern geht die Sorge um, dass die US-Wirtschaft in eine Rezession schlittern könnte, wenn die Fed versucht, die Inflation einzudämmen. So erwarten die Analysten der Investmentbank Morgan Stanley für 2022 nichts weniger als einen „perfekten Sturm“ an den Märkten.

    „Wir erwarten eine Abschwächung des Wachstums, während die Inflation hoch bleibt und sich ausweitet“, schrieben sie in einer neuen Analyse. „Der Arbeitsmarkt bleibt relativ angespannt, und die Löhne ziehen angesichts der hohen Inflation an.“ Nicht nur die Fed ist laut den Analysten gezwungen zu reagieren, sondern auch die Europäische Zentralbank (EZB). „Wir erwarten, dass die EZB bis 2023 [drei] Zinserhöhungen vornimmt.“

    „Die russische Invasion in der Ukraine und ihre Auswirkungen, vor allem auf Energiepreise und -versorgung, sind die Hauptursachen für eine starke Abwärtskorrektur des Wachstums“, sagen die Morgan-Stanley-Experten für die zweite Jahreshälfte voraus. Hinzu komme die schwierige Situation der Haushalte, deren Einkommen durch Inflation und hohe Energiepreise sinke. Eine schnelle Abhilfe ist demnach nicht in Sicht: „Es gibt eindeutige Anzeichen dafür, dass sich der Inflationsdruck ausweitet.“

    Michael Farr, Geschäftsführer der Anlageberatung Farr, Miller & Washington, erwartet für die kommenden Monate sehr volatile Märkte. Schnell werde die Inflation nicht zurückgehen: „Laut der Fed sind wir noch nicht am Ende dieses Prozesses, den sich alle wünschen“, zitiert ihn das „Wall Street Journal.“

    Anhaltend nervöse Märkte

    Die volatilen Märkte dürften auf jede Schlagzeile, die auf einen anhaltenden Preisdruck hindeutet, heftig reagieren, erklärt wiederum David Kotok, Chief Investment Officer bei Cumberland Advisors. „Wir befinden uns in verrückten Zeiten.“

    In der Folge dürften vor allem spekulativere Anlagen leiden, etwa Wachstums- und Tech-Aktien sowie Kryptowährungen, erwarten Wall-Street-Beobachter. Höhere Leitzinsen dürften zu höheren Renditen für sichere Anlagen führen. Die Fed hatte letzte Woche die Zinsen um einen halben Prozentpunkt angehoben – die größte Erhöhung seit dem Jahr 2000.

    „Hätten wir nur steigende Leitzinsen oder nur eine hohe Inflation oder nur China oder nur die Ukraine, könnten wir das wahrscheinlich bewältigen“, erklärte Daniel Morris, Chefmarktstratege bei BNP Paribas Asset Management. „Aber wir haben all das gleichzeitig. Deshalb ist das Umfeld so besonders herausfordernd.“

    Zu den größten Verlierern am US-Aktienmarkt zählte am Mittwoch Coinbase. Die Titel der Kryptowährungsbörse verbuchten wegen des Rutsches in die roten Zahlen einen Rekord-Kurseinbruch von zeitweise fast 28 Prozent und waren mit 52,80 Dollar so billig wie noch nie seit dem Börsengang vor etwa einem Jahr. Am Ende stand noch ein Minus von gut 26 Prozent. Außerdem verlangsame sich der Kundenzuwachs, kommentierte Analyst Bo Pei vom Brokerhaus US Tiger. Das deute darauf hin, dass die meisten Verbraucher Bitcoin und Co weiter als spekulative Anlagen betrachteten.

    Einzelwerte im Fokus

    Moderna: Die für ihren Corona-Impfstoff bekannte US-Biotechfirma Moderna hat ihren Finanzchef, Jorge Gomez, fast unmittelbar nach dessen Amtsantritt wieder entlassen. Grund sei eine interne Untersuchung bezüglich von Finanzberichten seines vorherigen Arbeitgebers Dentsply Sirona, teilte Moderna am Mittwoch mit.

    Gomez hatte den Job erst an diesem Montag angetreten. Nachdem Dentsply Sirona am Dienstag die Untersuchung öffentlich machte, war er ihn am Mittwoch schon wieder los. Trotzdem zahlt Moderna Gomez 700.000 Dollar (gut 664.000 Euro) Abfindung, wie aus einer Börsenmitteilung hervorgeht. Er verzichtet demnach aber auf seine Antrittsprämie und Bonusansprüche. Die Aktie von Moderna verlor am Mittwoch 6,72 Prozent.

    Rivian: Der US-Elektrofahrzeughersteller hielt am Mittwoch an seinem Produktionsziel für 2022 fest – trotz Sorgen um Lieferkettenprobleme. Man sei immer noch auf dem besten Weg, in diesem Jahr 25.000 Fahrzeuge zu bauen. Rivian meldete mehr Reservierungen und einen höheren Verlust im ersten Quartal, der zugleich geringer ausfiel als von der Wall Street erwartet. Im nachbörslichen Handel legte die Aktie um acht Prozent zu.

    Wendy‘s: Das Unternehmen meldete einen bereinigten Gewinn von 17 Cent pro Aktie, der einen Cent unter den Schätzungen lag. Auch der Umsatz und die Verkäufe blieben hinter den Prognosen der Analysten zurück. Die Restaurantkette sieht eine negative Auswirkung von höheren Kosten für Lieferungen und Arbeit. Die Aktien rutschten 11,22 Prozent ab.

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    Roblox: Das Unternehmen meldete für sein letztes Quartal einen unerwartet hohen Verlust und einen Umsatz, der hinter den Prognosen der Börse zurückblieb. Roblox, das Spieleplattformen betreibt, rechnet zudem für die absehbare Zukunft mit weiteren Verlusten. Die Aktie stieg um 3,36 Prozent.

    Unity Software: Die Papiere stürzten um 36,91 Prozent ab. Der Entwickler von Videospielsoftware gab eine schwächer als erwartete Umsatzprognose ab. Der Quartalsverlust entsprach den Schätzungen, aber der Umsatz lag unter dem Konsens.

    Occidental Petroleum: Das Papier stieg um 1,16 Prozent, weil der Gewinn des Unternehmens im vergangenen Quartal dank steigender Ölpreise über den Erwartungen lag. Occidental ist der Topgewinner unter den S&P-500-Aktien, der Kurs hat sich in diesem Jahr mehr als verdoppelt.

    Wendy's: Die Titel des Unternehmens fielen um mehr als elf Prozent. Wegen Corona und Winterstürmen in den USA stiegen die Umsätze der Schnellrestaurant-Kette zum Jahresauftakt um lediglich 1,1 Prozent. Analysten hatten mit dem Doppelten gerechnet. Das Auslandsgeschäft laufe aber besser als erwartet, gab Analyst Andrew Charles vom Vermögensverwalter Cowen zu bedenken. Außerdem habe das Unternehmen seine Gesamtjahresziele bekräftigt.

    Mit Material von Reuters.

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