Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

20.05.2022

22:30

Wall Street

Wilder Handelstag an den US-Börsen: S&P 500 und Dow Jones egalisieren hohe Verluste

Von: Andreas Neuhaus

PremiumDie wichtigsten Indizes schließen nach einem schwankungsreichen Handel unverändert. Für Entspannung sorgt das nicht, denn der S&P steht vor einer entscheidenden Marke.

Sorgen vor Zinserhöhungen belasten die Wall Street. AP

New Yorker Börse

Sorgen vor Zinserhöhungen belasten die Wall Street.

Düsseldorf Der Freitagshandel an der Wall Street war ein Spiegelbild der Börsenwoche: Ein freundlicher Beginn, gefolgt von deutlichen Verlusten und einer abschließenden Schadensbegrenzung. Der Dow Jones schloss unverändert bei 31.262 Punkten, nachdem er zwischenzeitlich fast zwei Prozent im Minus notiert hatte. Der breiter gefasste S&P 500 schloss ebenfalls auf Vortagesniveau bei 3901 Punkten, nachdem er um bis zu 2,3 Prozent abgerutscht war.

Der Dow Jones gab damit das achte Mal in Folge auf Wochensicht nach, beim S&P ist es die siebte Verlustwoche in Folge. Eine ähnliche Serie hatte es zuletzt vor mehr als 20 Jahren nach dem Platz der Technologie-Blase gegeben.

An seinem Tiefstand vom Freitag lag der S&P, der die Kursentwicklung der 500 größten US-Unternehmen abbildet, 20,9 Prozent unter seinem Rekordhoch vom Jahresanfang. Je nach Sichtweise ist er damit in den Bärenmarkt eingetreten. Gemeint ist damit eine längere Phase fallender Kurse. Ob dieser Wert „intraday“, also während des Handelstages, oder zum Börsenschluss erreicht sein muss, ist nicht klar definiert. Aber schon der Umstand, dass der S&P an der Schwelle zum Bärenmarkt steht, sorgt mit Blick auf die Historie für Nervosität.

„Der durchschnittliche Bärenmarkt dauert ein Jahr. Der aktuelle Abschwung dauert erst ein Drittel dieser Zeit. Also gibt es wahrscheinlich mehr Spielraum nach unten, wenn auch unterbrochen von zwischenzeitlichen Rallys“, sagte George Ball, Chef der Investmentfirma Sanders Morris Harris dem US-Börsensender CNBC.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Noch deutlicher nach unten als für Dow Jones und S&P ging es am Freitag für den Nasdaq Composite. Der Tech-Index verlor 0,3 Prozent auf 11.355 Punkte, nachdem er bis zu 3,1 Prozent abgerutscht war. Der Verlust seit Jahresbeginn beträgt damit mehr als 27 Prozent. Keith Lerner, Co-Chief Investment Officer bei Advisory Services, sagte dazu dem Finanzdienst Bloomberg: „Viele exzessive Bewertungen werden gerade ausgewrungen.“

    Rezessionsängste überwiegen bei Anlegern

    Die optimistische Stimmung vom Handelsstart hielt damit nur wenige Stunden. Nachdem China mit der größten Zinssenkung seit 2019 auf die Immobilienkrise im Land reagiert hatte, waren die Kurse in Europa und auch an den US-Börsen zunächst gestiegen. Chinas Immobilienbranche gilt als Stütze für die gesamte Wirtschaft. Je nach Schätzung macht sie direkt und indirekt ein Viertel bis ein Drittel der Wirtschaftsleistung aus. China wiederum gilt als wichtig für die gesamte Weltwirtschaft.

    Der Pessimismus am Markt ist aber weiter groß. „Die Konjunktursorgen nehmen zu, da immer mehr Analysten nicht nur vor einer Stagflation, sondern einer Rezession warnen“, sagte Kim Rupert, Managerin beim Research-Haus Action Economics. „Die Einbrüche bei den Margen von Target, Walmart und Konsorten wegen steigender Kosten werden als schlechtes Omen gewertet.“

    Die Einzelhändler Walmart und Target hatten am Dienstag und Mittwoch schwache Quartalszahlen vorgelegt und damit bereits massive Kursverluste am gesamten Markt ausgelöst. Einzelhändler wie Walmart gelten als eine Art Frühindikator, dass sich die steigenden Preise vor allem für Energie, Lebensmittel und Mieten auf die Kaufkraft der US-Verbraucher auswirkt. Diese gelten als wichtiger Motor der Wirtschaft.

    Um die Inflation wirkungsvoll zu bekämpfen, müsste die US-Notenbank Fed die Zinsen anheben. Dadurch wird weniger Geld für Kredite ausgegeben, wodurch weniger Geld im Umlauf kommt, sich die Wirtschaft abschwächt und die Inflationsrate sinkt. Die Sorge am Markt ist nun, dass die Fed die Zinsen zur Inflationsbekämpfung so weit anhebt, dass sie die Wirtschaft komplett abwürgt.

    Handelsblatt Live

    US-Börsenexperte Koch: „Angst dominiert die Wall Street“

    Handelsblatt Live: US-Börsenexperte Koch: „Angst dominiert die Wall Street“

    Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

    Zweimal hat die Fed in diesem Jahr bereits die Zinsen erhöht. Zuletzt sogar um 0,5 statt der üblichen 0,25 Prozentpunkte. An den Märkten wird mit zwei weiteren Zinserhöhungen um jeweils 0,5 Prozentpunkte im Juni und Juli gerechnet. „Bisher gibt es noch keine Anzeichen dafür, dass die Fed über die restriktiveren Finanzierungsbedingungen unzufrieden ist“, erklärte Analyst Jim Reid von der Deutschen Bank.

    „Niemand hat gesagt, dass es einfach sein würde, die Inflation von einem so hohen Niveau wieder auf das Ziel zu bringen“, sagte Reid weiter. „Wenn Sie also nach einem Fed-Put suchen, kann es eine Weile dauern.“ Der Begriff Fed-Put beschreibt den Verdacht, dass die Fed immer wieder gezielt auf schwache Phasen am Aktienmarkt reagiert und damit die Kurse stützt. Die Bezeichnung „Put“ hat sich deshalb eingebürgert, weil Puts Termingeschäfte sind, mit denen Investoren die Kurse ihrer Papiere nach unten absichern können.

    Einzelwerte im Fokus:

    Ross: Wegen gekappter Gesamtjahresziele brachen die Aktien des Bekleidungsdiscounters um 22,5 Prozent ein. Das Unternehmen erwartet für 2022 statt eines Umsatzanstiegs von bis zu drei Prozent einen Rückgang um bis zu vier Prozent. Der Gewinn werde wohl bei 4,34 bis 4,58 statt 4,71 bis 5,12 Dollar je Aktie liegen. Ross zähle vor allem Einkommensschwache zu seinen Kunden, die überdurchschnittlich unter der hohen Inflation litten, schreiben die Analysten vom Brokerhaus Telsey. Im Sog von Ross rutschten die Papiere der Rivalen Burlington und TJX um bis zu 17 Prozent ab.

    Tesla: Medienberichte über die angebliche sexuelle Belästigung durch Firmenchef Elon Musk machen Tesla-Anleger nervös. Die Aktien des Elektroautobauers fielen an der Wall Street um 6,4 Prozent. „Business Insider“ zufolge zahlte Musks Weltraumfirma SpaceX 2018 250.000 Dollar, um den Streit mit einer Flugbegleiterin in einem Privatjet außergerichtlich beizulegen. Musk wies den Vorwurf der sexuellen Belästigung per Twitter zurück.

    Pharmafirmen: Die Ausbreitung der Affenpocken in Europa ermuntert Anleger zum Einstieg bei einigen Anbietern von Impfstoffen und Windpocken-Medikamenten. Die Aktien von Chimerix, Emergent, Tonix und Siga steigen an der Wall Street um bis zu 43 Prozent.

    Match: Nach einer Einigung mit Google im Streit über Bezahl-Praktiken im Play Store griffen Anleger bei Match wieder zu. Die Aktien des Anbieters der Dating-App „Tinder“ stiegen um 2,2 Prozent. Das Unternehmen hat den Angaben zufolge seine Unterlassungsklage gegen die Sperrung seiner App zurückgezogen, nachdem Google eingewilligt habe, alternative Bezahlmöglichkeiten zuzulassen. Bislang hatte der Suchmaschinen-Betreiber, der auch das Smartphone-Betriebssystem Android anbietet, auf der Verwendung des internen Systems gepocht, mit dem sich Google 30 Prozent der Einnahmen als Provision sichert.

    Foot Locker: Die Titel des Schuhhändler zogen um 4,1 Prozent an. Das Unternehmen machte mit 1,60 Dollar je Aktie im abgelaufenen Quartal einen überraschend hohen Gewinn. Für das Gesamtjahr peilt er einen Überschuss von 4,25 bis 4,60 Dollar je Aktie an.

    Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

    Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

    Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

    ×