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03.09.2017

11:20 Uhr

Mario Draghi

Der Unverstandene

VonJan Mallien

Mario Draghi wird 70 Jahre alt. Für viele Europäer gilt der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) als Retter der Euro-Zone. In Deutschland dagegen ist seine Politik extrem umstritten. Das hat verschiedene Gründe.

Mario Draghi (Bild) hat ein eine sehr bewegte Vergangenheit. Der Italiener hat es vom Jesuitenschüler bis zum EZB-Präsidenten gebracht – doch seine Entscheidungen sind alles andere als unumstritten. AFP

Ein steiler Aufstieg

Mario Draghi (Bild) hat ein eine sehr bewegte Vergangenheit. Der Italiener hat es vom Jesuitenschüler bis zum EZB-Präsidenten gebracht – doch seine Entscheidungen sind alles andere als unumstritten.

Frankfurt/MainEr wohnt in Frankfurt und ist hier doch nicht zu Hause: Mario Draghi und die Deutschen führen keine Liebesbeziehung. Während er in weiten Teilen Europas hoch geschätzt wird, hat der Präsident der Europäischen Zentralbank in Deutschland ein Image-Problem. Das schwierige Verhältnis zwischen Draghi und den Deutschen hängt mit weit verbreiteten Missverständnissen zusammen, aber auch mit der Persönlichkeit Draghis und seinen Stärken und Schwächen.

Wer verstehen will, wie schwer sich Draghi und die Deutschen tun, muss die Geschichte mit der Pickelhaube kennen. Als Draghi vor sechs Jahren den Franzosen Jean-Claude Trichet als EZB-Chef ablöst, kocht der deutsche Boulevard. "Ausgerechnet ein Italiener," schreibt die "Bild"-Zeitung - und fasst so in Worte, was viele denken. Um Draghi an preußische Sparsamkeit zu erinnern, schenkt ihm die Zeitung eine "original-preußische Pickelhaube von 1871". Dabei ist diese in vielen Ländern Europas vor allem ein Symbol dafür, wie deutscher Militarismus Tränen und Angst über den Kontinent brachte.

Zitate Mario Draghi

3.11.2011

„Wir werden von niemandem gedrängt. Wir sind unabhängig. Wir bilden uns unsere eigene Meinung. Das ist es.“

(Draghi bei seiner ersten Pressekonferenz nach seinem Amtsantritt am 3.11.2011 in Frankfurt)

26.07.2012

„Die EZB ist bereit, im Rahmen ihres Mandats alles zu tun, was nötig ist, um den Euro zu retten. Und glauben Sie mir: Es wird genug sein.“

(Draghi am 26.7.2012 in London)

4.7.2013

„Der EZB-Rat erwartet, dass die Zinssätze der EZB für einen längeren Zeitraum auf dem aktuellen Niveau oder darunter bleiben werden.“

(Draghi legt sich nach der EZB-Sitzung vom 4.7.2013 erstmals in der Geschichte der Notenbank auf künftige Zinsentscheidungen fest)

7.11.2013

„Wenn wir Deflation verstehen als einen weit verbreiteten Verfall von Preisen in vielen Warengruppen und in mehreren Ländern - das sehen wir nicht.“

(Draghi am 7.11.2013 nach der Senkung des Leitzinses von 0,5 Prozent auf 0,25 Prozent)

3.4.2014

„Der EZB-Rat ist sich einig, dass die EZB gegebenenfalls auch weitere unkonventionelle Maßnahmen im Rahmen ihres Mandats einsetzen wird, um die Risiken einer zu langen Periode niedriger Inflationsraten in den Griff zu bekommen.“

(Draghi nach der Sitzung des EZB-Rates am 3.4.2014 in Frankfurt)

8.5.2014

„Der EZB-Rat fühlt sich wohl damit, beim nächsten Mal zu handeln.“

(Mario Draghi nach der auswärtigen Sitzung des EZB-Rates am 8.5.2014 in Brüssel.)

26.5.2014

„Wir werden nicht zulassen, dass die Inflation zu lange auf zu niedrigem Niveau bleibt.“

(Draghi am 26.5.2014 bei einer EZB-Konferenz im portugiesischen Sintra)

Der Notenbankchef nimmt das Geschenk an - dabei führt er die Zentralbank aller Euro-Staaten und kein Regiment der preußischen Armee. Die Quittung lässt nicht lange auf sich warten. Als Draghi später mit dem massiven Kauf von Staatsanleihen liebäugelt, um ein Auseinanderbrechen der Euro-Zone zu verhindern, fordert die "Bild" von Draghi: "Kein deutsches Geld mehr für Pleitestaaten" - sonst wolle man "die Pickelhaube zurück".

Die Vorwürfe gegen Draghi sind vielschichtig und beruhen oft auf Missverständnissen. Zu Beginn seiner Amtszeit heißt es, Draghi würde eine große Inflation auslösen. „Mamma mia, bei den Italienern gehört Inflation zum Leben wie Tomatensoße zur Pasta!“, schreibt zum Beispiel die Bild-Zeitung.

Tatsächlich war die Inflation in Deutschland selbst zu Bundesbank Zeiten nie länger so niedrig wie in der Amtszeit von Mario Draghi. Die meisten internationalen Ökonomen würden sich sogar wünschen, dass die Preise im Euroraum stärker steigen würden.

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