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12.08.2019

18:55

M&A

China zeigt eine neue Scheu vor Investitionen in Deutschland

Von: Dana Heide, Peter Köhler, Robert Landgraf, Moritz Koch

Immer weniger chinesische Investoren steigen bei deutschen Unternehmen ein. Speziell in einem Bereich wollen Experten aber noch nicht entwarnen.

Der Roboterhersteller Kuka ist seit 2016 in chinesischer Hand. dpa

Roboter

Der Roboterhersteller Kuka ist seit 2016 in chinesischer Hand.

Peking, Frankfurt, Berlin Der große Schock kam 2016, als die chinesischen Unternehmensgruppe Midea den Roboterhersteller Kuka übernahm. Der damalige Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) hatte mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln versucht, den Verkauf des Hochtechnologieunternehmens nach Fernost zu verhindern, schließlich stehen in fast jeder Autofabrik die charakteristischen Industriemaschinen mit den knubbeligen Greifarmen. Doch alle Bemühungen waren vergebens – seit 2016 ist das Hochtechnologieunternehmen in chinesischer Hand.

Die Übernahme war ein Schlüsselerlebnis für die Bundesregierung und fand ausgerechnet in dem Jahr statt, in dem die chinesischen Direktinvestitionen ihren vorläufigen Höhepunkt erreichten: 309 Unternehmensauf- oder -zukäufe tätigten chinesische Investoren in dem Jahr – so viel wie noch nie zuvor. Seitdem ist die Beschränkung chinesischer Investitionen eines der Lieblingsthemen deutscher Wirtschaftsminister.

Kein Superlativ schien groß genug, um vor der neuen chinesischen Gefahr zu warnen. Selbst der eher vorsichtige Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) sprach noch im Juni von einem „Ausverkauf“ deutscher Technologieunternehmen.

Auch Politiker aus Frankreich und Großbritannien witterten eine gezielte Strategie der Chinesen und munitionierten sich. Im Dezember 2018 verschärfte die Bundesregierung die Außenwirtschaftsverordnung. Seitdem kann die Bundesregierung schon dann genauer hinschauen, wenn ein ausländischer Investor einen Anteil an einem deutschen Unternehmen erwerben will.

Doch inzwischen scheint die Gefahr des großen Ausverkaufs deutlich geschrumpft, wie die neuesten Zahlen der Beratungsfirma EY zeigen. Vor allem in Deutschland gingen die Investitionen der Chinesen massiv zurück – von 10,1 Milliarden Dollar im ersten Halbjahr 2018 auf nur noch 500 Millionen Dollar. Die absolute Zahl der Zukäufe und Beteiligungen hat sich mit elf Transaktionen mehr als halbiert.

Auch europaweit schrumpfte das fernöstliche Engagement um überraschende 84 Prozent – von 15,3 auf nur noch 2,4 Milliarden Dollar. Bereits 2018 waren die chinesischen Direktinvestitionen in Europa stark gesunken.

Der deutliche Rückgang wird auch in der Bundesregierung registriert. Den Eindruck, dass man selbst mit Gesetzesverschärfungen dazu beigetragen haben könnte, versucht man zu zerstreuen. „Die Anzahl der Investitionen unterliegt grundsätzlich Schwankungen“, heißt es aus dem Wirtschaftsministerium. „Deutschland ist ein attraktiver Standort für Investitionen und eine der offensten Volkswirtschaften der Welt.“ Daran habe sich durch die Anpassung der Außenwirtschaftsverordnung Ende letzten Jahres nichts geändert.

Auch wenn sich Peking gerne und oft über die verschärften Bedingungen für ausländische Investitionen beschwert – die Skepsis der europäischen Regierungen und die neuen Regeln dürften kaum die alleinige Ursache für den starken Rückgang der chinesischen Übernahmen sein, schließlich zeigt sich der Trend schon länger.

Handelsstreit schlägt durch

„Der Hauptgrund für die Zurückhaltung der chinesischen Investoren ist die Situation auf dem chinesischen Heimatmarkt: Die konjunkturelle Lage in China ist schwierig, die Unsicherheit groß – nicht zuletzt aufgrund des US-chinesischen Handelskonflikts“, sagt Yi Sun, China-Expertin bei EY.

Bernhard Bartsch, China-Experte der Bertelsmann Stiftung, ergänzt: „Entscheidend ist sicher, dass die Unsicherheit für chinesische Unternehmen gleich an mehreren Fronten zugenommen hat: Die Konjunkturaussichten sind schlechter geworden – in China, aber auch in Deutschland und Europa.“

Tatsächlich schlägt der Handelsstreit inzwischen immer stärker auf die Wirtschaft in der Volksrepublik durch. Im Juli meldete das chinesische Statistikamt, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) von April bis Juni nur um 6,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zugelegt hat. Es war das geringste Wachstum seit mindestens 27 Jahren, als China seine Wirtschaftsdaten zum ersten Mal veröffentlichte.

Ein weiterer Grund für die Zurückhaltung bei den Auslandsinvestitionen sei, so Yi Sun, dass einige der chinesischen Unternehmen, die in der Vergangenheit in Europa sehr aktiv waren, derzeit entweder mit der Integration der erworbenen Firmen oder mit dem Weiterverkauf beschäftigt seien. Peking selbst wies chinesische Unternehmen schon nach den hohen Direktinvestitionen im Jahr 2016 an, von „irrationalem“ Investment im Ausland Abstand zu nehmen.

Tatsächlich waren die großen chinesischen Investitionen häufig aus Sicht von Peking alles andere als Erfolgsgeschichten. Seit der Übernahme durch Midea schwächelt Kuka, andere Einstiege bei großen deutschen Firmen sorgten vor allem politisch für Ärger. So war der Einstieg des chinesischen Autokonzerns Geely bei Daimler umstritten. Beim Energienetzbetreiber 50Hertz hatte die Bundesregierung den Einstieg eines chinesischen Staatsunternehmens gar mithilfe der KfW-Bank verhindert.

Kommentare (2)

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Herr Axel Braun

13.08.2019, 08:45 Uhr

Sind die interessantesten Unternehmen evtl schon alle aufgekauft?

Herr Hans Henseler

14.08.2019, 11:48 Uhr

Wir hatten vor Gesetzgebung gegen die Aufkaeufe vorzunehmen - brauchen wir jetzt nicht
mehr. Gut so!

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